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Enerige & Management > Windkraft Offshore - Jung: "Kein Konzept für das 65-Prozent-Ziel"
Bild: E&M
WINDKRAFT OFFSHORE:
Jung: "Kein Konzept für das 65-Prozent-Ziel"
Warum Catrin Jung, neue Vorsitzende des Bundesverbandes der Windparkbetreiber Offshore, ihr Amt in einer schwierigen Phase für die deutsche Offshore-Windbranche angetreten hat.
 
E&M: Frau Jung, bedauern Sie als BWO-Vorsitzende nicht all die Kolleginnen und Kollegen bei Projektentwicklern und Energieversorgern, die in der Abteilung Market Development Offshore Deutschland arbeiten [Catrin Jung arbeitet als Head of Market Development Offshore beim Vattenfall-Konzern/Anm. d.Red.]?

Jung: Dass es auf dem deutschen Offshore-Windmarkt nicht so vorangeht, wie es für eine erfolgreiche Energiewende sein müsste, ist derzeit Fakt. Um zur Verbesserung dieser Situation beizutragen, hatte ich mich im vergangenen Jahr entschlossen, das Amt der BWO-Vorsitzenden zu übernehmen.

E&M: Was muss sich bei der Offshore-Windenergie hierzulande ändern, bei der es in den Jahren 2020-2022 trotz vieler Warnungen zum Fadenriss beim weiteren Ausbau kommt?

Jung: Was mich bewegt, ist die Frage, wie Deutschland das angestrebte 65-Prozent-Ziel erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung bis 2030 schaffen will. Dafür kann ich derzeit weder im Bundeswirtschaftsministerium noch in der Politik ein Konzept erkennen. Für mich ist ganz klar, dass die Offshore-Windenergie ein wichtiger Baustein für das Erreichen dieses 65-Prozent-Ziels ist. Offshore-Wind gehört zur Lösung, und nicht zu den Problemen. Nur auf die Probleme beim Netzausbau hinzuweisen, ist mir viel zu wenig in der Debatte, die sich meines Erachtens im Kreis dreht.

E&M: Müssen nach Ihrer Einschätzung nicht schnellstens das Erneuerbare-Energien- und das Wind-auf-See-Gesetz geändert werden, um neue Ausbauziele festzulegen? Nur so könnten auch die Market Developer für den deutschen Markt wieder etwas zu tun bekommen.

Jung: Der BWO fordert seit längerem ein Ausbauziel von mindestens 20 000 MW Offshore-Leistung für 2030, dieses Ziel muss in die Gesetze aufgenommen werden. Diese zusätzlichen Kapazitäten, die über das bisherige Ziel von 15 000 MW hinausgehen, dürfen aber nicht allein in den Jahren 2028-2030 errichtet werden. Der vorliegende Entwurf für den neuen Flächenentwicklungsplan geht beispielsweise von mehr als 15 000 MW Leistung aus, ein Plus, das vor allem aber gegen Ende der 2020er Jahre erwartet wird. Wirtschaftlich macht für alle Beteiligten ein kontinuierlicher Ausbau bereits ab Anfang der 2020er Jahre mehr Sinn. An dieser Entzerrung arbeiten wir derzeit.
 
Catrin Jung: "Für eine nächste, schnelle Ausschreibungsrunde sind fehlende Netzkapazitäten und Flächen in der Tat nicht das Problem."
Bild: Vattenfall

E&M: Würde deshalb nicht ein schnelle zusätzliche Offshore-Windausschreibung Sinn machen? Tennet und 50 Hertz weisen selbst darauf hin, dass Netzanschlusskapazitäten für rund 1 600 Megawatt zusätzliche Offshorewind-Leistung vorhanden sind.

Jung: Fehlende Netzkapazitäten und Flächen sind in der Tat nicht das Problem für diese neue Ausschreibungsrunde. Was wir brauchen, ist schnellstens eine Novelle des Wind-auf-See-Gesetzes mit einem neuen Höchstpreis für die nächste Offshore-Windauktion. Nach der aktuellen Gesetzeslage würde der Höchstpreis auf Basis der 2018er Bieterrunde bei null Cent liegen. Das macht wirtschaftlich keinen Sinn angesichts der kleinen Flächen, die für eine frühere Ausschreibungsrunde zur Verfügung stehen.

"Wir haben echte Probleme, Ansprechpartner in Berlin zu finden"

E&M: Da sich die schwarz-rote Regierungskoalition derzeit schwer mit einem neuen Ausbauziel auf See tut, dürften Sie auch mit der Forderung nach einem neuen Höchstpreis gegen verschlossene Türen laufen.

Jung: Das ist richtig. Bei dem Thema gibt es kaum Bewegung, in keiner Weise. Wir haben echte Probleme, Ansprechpartner für dieses Thema in Berlin zu finden.

E&M: Besteht nicht die Gefahr, dass Deutschland demnächst bei Offshore-Windkraftausbau von anderen Ländern in Europa abgehängt wird?

Jung: Auf jeden Fall. Wir sehen, dass eine Reihe unserer BWO-Mitglieder ihre Prioritäten in andere Länder verschieben, die ganz eindeutige Ausbauziele haben. Derzeit werden in einigen Ländern Weichen gestellt. Wenn der Zug erst einmal auf diesen Schienen rollt, ist eine Wende zurück nach Deutschland schwierig. Andre Länder wie beispielsweise die Niederlande organisieren Round Table-Meetings, um der Offshore-Windbranche entgegenzukommen. Hierzulande hat es nicht einmal eine Verbände-Konsultation zum National Climate und Energy Plan 2030 gegeben, den das Bundeswirtschaftsministerium ohne Beteiligung der Fachöffentlichkeit im vergangenen Dezember in Brüssel eingereicht hat. Energiepolitisch gibt es in Deutschland einen großen Flickenteppich, aber kein ganzheitliches Denken.

E&M: Erwarten Sie unabhängig von politischen Vorgaben für eines der nächsten Offshore-Windprojekte in der deutschen Nord- oder Ostsee einen Power Purchase Agreement (PPA)-Vertrag?

Jung: Das PPA-Thema gewinnt in Deutschland langsam an Fahrt durch alte Onshore-Windenergieanlagen, die ab Anfang 2021 keine Vergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz erhalten. Für den Weiterbetrieb von ersten sogenannten Ü20-Anlagen sind bereits heute erste PPA-Vereinbarungen geschlossen worden. Auch für Offshore-Windparks sehe ich ein PPA-Potenzial. Allerdings fehlt hierzulande eine Regelung, dass bei den entsprechenden Verträgen für die Hochseewindparks auch Herkunftsnachweise ausgestellt werden. Das ist in den Niederlanden, Schweden oder Dänemark der Fall, und somit ein Wettbewerbsnachteil für die deutschen Betreiber und Projekte. Auch für dieses PPA-Thema muss die Politik in Berlin schnell eine Lösung anbieten: Denn in anderen Ländern werden Offshorewind-PPA als Beitrag zur Dekarbonisierung der Industrie zunehmend akzeptiert. Und in diesem Punkt ist Deutschland von anderen EU-Mitgliedsländern überholt worden.

"Nicht noch mehr Zeit verstreichen lassen"

E&M: Es gäbe also genug zu tun. Erwarten Sie aber ernsthaft noch Bewegung bei Offshore-Windenergiepolitik in dieser Legislaturperiode?

Jung: Eindeutig ja. Die erste Ausschreibung, die es unter dem sogenannten Zentralen Modell im Jahr 2021 gibt, muss vorbereitet werden. Damit können die Politik und das Bundeswirtschaftsministerium nicht bis 2021 warten. Die Vorbereitung auf die 2021er Auktion muss mit einer Diskussion um einen neuen Höchstpreis bei der Ausschreibungen, um ein neues Ausbauziel sowie einer Debatte einhergehen, ob es bei der Förderung einen Wechsel zu dem in Großbritannien gängigen Fördermodell auf Basis von sogenannten Contracts for Difference (CFD) gibt.

E&M: Was fast schon nach Überforderung der Regierungsfraktionen klingt.

Jung: Mitnichten! Union und Sozialdemokraten haben nach dem Energiesammelgesetz eine Arbeitsgruppe gegründet, auf deren Tagesordnung unter anderem Vorschläge für das Erreichen des 65-Prozent-Ausbauziels bei den erneuerbaren Energien bis 2030 steht. Dieses Ziel, das auch eindeutig im Koalitionsvertrag steht, wird ohne einen deutlichen Ausbau der Offshore-Windenergie nicht erreicht werden. Darüber besteht bei allen Fachleuten und Energiewissenschaftlern Einigkeit. Wichtig ist aber, dass die Politik nicht noch mehr Zeit verstreichen lässt.

E&M: Mit welcher Offshorewind-Leistung rechnen Sie für das Jahr 2030.

Jung: Mit mehr als 20 000 Megawatt. Da bin ich Optimistin.

Zur Person
Catrin Jung ist seit 1. Januar dieses Jahres die erste Frau an der Spitze des Bundesverbandes der Windparkbetreiber Offshore (BWO – bis dahin bekannt als Arbeitsgemeinschaft Offshore-Windenergie). Nach einem Studium der Ingenieurwissenschaften In Leipzig startete Jung ihre Berufslaufbahn im Vattenfall-Konzern, bei dem sie seitdem in verschiedenen Ländern und Positionen tätig gewesen ist. Seit 2017 leitet sie im konzerneigenen Windsegment den Bereich Market Development Offshore.
 
 

Ralf Köpke
© 2019 Energie & Management GmbH
Dienstag, 02.04.2019, 10:05 Uhr

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