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Enerige & Management > Interview - Jorberg: "Ein Schub kommt erst durch eine CO2-Abgabe"
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INTERVIEW:
Jorberg: "Ein Schub kommt erst durch eine CO2-Abgabe"
Warum die GLS Bank intensiv um eine CO2-Bepreisung wirbt, erläutert Vorstandschef Thomas Jorberg im Gespräch mit E&M.
 
E&M: Herr Jorberg, was bedeuten die seit Ende Januar vorliegenden Empfehlungen der Kohlekommission für Ihr Kundengeschäft, vor allem im Energiebereich?

Jorberg: Vorab, das vorgeschlagene Ausstiegsjahr aus der Kohleförderung im Jahr 2038 kommt zu spät, um das im Pariser Klimaabkommen festgelegte 1,5-Grad-Ziel bis Mitte dieses Jahrhunderts zu erreichen. Da wir als sozial-ökologische Bank mit keinerlei Krediten im Kohlesektor engagiert sind, betreffen uns die Empfehlungen der Kohlekommission überhaupt nicht.

E&M: Unsere Frage sollte so zu verstehen gewesen sein, ob Sie nun mehr Investitionen von Privatbürgern sowie kleineren und mittleren Gewerbe- und Industrieunternehmen in erneuerbare Energien erwarten?

Jorberg: Diese Entwicklung läuft ohnehin und hat mittlerweile auch größere Unternehmen erfasst. Wir selbst hatten Anfang des vergangenen Jahres wegen der schwieriger gewordenen Marktbedingungen und der Ausschreibungsverfahren eher mit einer rückläufigen Zahl von Krediten bei den erneuerbaren Energien gerechnet, sind aber eines Besseren belehrt worden. Es hat vor allem eine Renaissance der Photovoltaik gegeben, meist haben kleinere Projektierer mit mittelgroßen Anlagen ihre Finanzierung mit uns zusammen gestemmt. Einen wirklichen Schub bekommt der Ausbau erneuerbarer Energien aber erst dann, wenn es zu einer CO2-Abgabe kommt.
 
Thomas Jorberg: „Die Diskussionen um eine CO2-Abgabe sind in den vergangenen Monaten intensiver geworden“
Bild: Martin Steffen/GLS Bank


E&M: Bedarf es aber nicht zuerst Gesetzesänderungen für verbesserte Förderbedingungen von Wind- und Solarenergie? Der Ausbau der Windenergie hat sich im vergangenen Jahr halbiert, vor allem weil es eine Reihe von handwerklichen Fehlern bei der letzten Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes gegeben hat.

Jorberg: Keine Frage, wir brauchen bessere Gesetze und bei der Windenergie bessere Rahmenbedingungen für mehr und schnellere Genehmigungen. Das ist Alltagsgeschäft der Politik und muss endlich angepackt werden.

E&M: Welchen Chancen geben Sie einer baldigen CO2-Bepreisung?

„Die CO2-Bepreisung ist der einzig marktwirtschaftliche Weg“

Jorberg: In dem Punkt bin ich unverbesserlicher Optimist. Bei der erdrückenden Last der Fakten hat die Bundesregierung eigentlich keine andere Chance, als eine umfassende CO2-Abgabe einzuführen. Diese Bepreisung ist der einzige marktwirtschaftliche Weg, um wirklich schnell zu Fortschritten beim Klimaschutz zu kommen. Wir, das heißt, die deutsche Volkswirtschaft, haben noch die Chance mit einem gut verträglichen Mindestpreis von 40 Euro pro Tonne einzusteigen. Warten wir damit bis 2025, würde dieser Preis bereits bei über 100 Euro pro Tonne liegen müssen, um die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen – falls diese in Berlin ernst genommen werden.

E&M: Ist das der Fall? Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat sich bislang immer gegen eine Umlagenreform im Energiesektor gewehrt, sein neuer Energie-Staatssekretär Andreas Feicht zählt zu den Befürwortern einer CO2-Bepreisung.

Jorberg: Die Diskussionen um eine CO2-Abgabe sind in den vergangenen Monaten intensiver geworden. Darauf basiert mein Optimismus für eine baldige Einführung. Dass der neue Staatssekretär zu den Befürwortern zählt, dürfte zusätzlich Bewegung in die Sache bringen.

E&M: Warum engagiert sich die GLS-Bank für die CO2-Bepreisung? Ihr Bankhaus hat im Frühjahr 2017 den Verein CO2-Abgabe mitgegründet, der die Einführung einer nationalen Treibhausgassteuer fordert.

Jorberg: Ein solches Engagement müsste heute zu den Kernaufgaben eines jeden Bankinstituts zählen. Denn Aufgabe jeder Bank ist es, zu schauen, was die Realwirtschaft braucht. Fakt ist, dass angesichts von Investitionszeiten von durchschnittlich 20 Jahren mittlerweile jeder Euro in CO2-emittierende Technologien potenziell ausfallgefährdet ist. Der Finanzmarkt braucht deshalb dringend klare Rahmenbedingungen. Was bei dem einen oder anderen Unternehmen zum Stranded Asset wird, taucht kumuliert wenig später in den Bank-Bilanzen auf. In den Niederlanden haben sich die dortigen Großbanken für eine CO2-Bepreisung eingesetzt. Also ist ein Engagement für dieses Thema aus dem Finanzsektor gar nicht so ungewöhnlich. Was wir hierzulande aber brauchen, ist noch mehr Druck aus der Wirtschaft und von noch mehr Banken.

E&M: Die GLS Bank hat sich immer für Bürgerenergie-Initiativen stark gemacht. Sehen Sie diese Bewegung und Energiegenossenschaften nicht wegen der angesprochenen ungünstigen Gesetzeslage ausgebremst?

Jorberg: Nein, denn genau diese Gruppen sehe ich jetzt sehr gefordert. Wir wären ohne ein breites Bürgerenergie-Engagement beim Wind- und Solarausbau nicht da, wo wir heute bereits sind. Diese Gruppen sind jetzt gefordert bei der Energiewende 2.0, das heißt für mich Speichertechnologien, Vernetzung, Verhaltensänderungen. Viele smarte Quartierskonzepte, von denen wir erste Projekte schon mitfinanziert haben, wird es ohne eine breite Bürgerbeteiligung nicht geben.

E&M: Die GLS Bank gehörte mit zu den allerersten Bankhäusern, die einen Windkraft-Fonds aufgelegt haben. Planen Sie weitere Emissionen im Wind- und Solarsektor?

Jorberg: Derzeit gibt es bei uns kein neues Projekt in der Pipeline. Dennoch sehe ich einen genügenden Finanzierungsbedarf im Energiebereich.

E&M: An was denken Sie da?

Jorberg: Die Sektorenkopplung steht am Anfang. Da muss und wird noch mehr kommen. Für mich sind auch Netzbetreiber interessant, die gemeinsam mit ihren Kunden neue Leitungsprojekte finanzieren wollen. Unter dem Strich sehe ich die Entwicklungsmöglichkeiten für uns im Energiebereich wirklich positiv.

Zur Person
Thomas Jorberg, Jg. 1957, ist seit 1993 Vorstandsmitglied und seit 2003 Vorstandssprecher der sozial-ökologischen GLS Bank mit Hauptsitz in Bochum. In Energiekreisen ist der Diplomökonom auch als Aufsichtsratsvorsitzender der Elektrizitätswerke Schönau bekannt, ein Amt, das er bereits seit 2005 innehat. Die GLS Bank hat mittlerweile bundesweit rund 220 000 Kunden. Von den 2018 gewährten Krediten in Höhe von 3,4 Mrd. Euro entfielen rund 32 Prozent auf Vorhaben im Bereich erneuerbarer Energien.
 
 

Ralf Köpke
© 2019 Energie & Management GmbH
Dienstag, 05.02.2019, 10:04 Uhr

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