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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Zeitungsausgabe - "Jetzt muss die nächste Evolutionsstufe folgen"
Quelle: E&M
AUS DER AKTUELLEN ZEITUNGSAUSGABE:
"Jetzt muss die nächste Evolutionsstufe folgen"
IoT − das Internet der Dinge − ist ein Geschäftsfeld, das gerade bei Stadtwerken immer stärker an Bedeutung gewinnt. Warum das auch so sein sollte, erläutert Sascha Schlosser.
 


Zur Person: Sascha Schlosser

Seit dem 1. November 2021 ist er in der Geschäftsführung der Digimondo GmbH in Hamburg hauptverantwortlich für das Marketing. Zuvor war Schlosser unter anderem für den Messdienstleister Comet in Saarbrücken sowie für Zenner International tätig. Bei Zenner entwickelte er die unternehmensübergreifende Digitalisierungsstrategie und setzte diese um.

E&M: Herr Schlosser, gefühlt hat jedes Stadtwerk ein IoT-Projekt. Nehmen Sie das auch so wahr, wenn Sie mit den Kommunalen sprechen?

Schlosser: Aus meiner Sicht ist IoT seit 2018 ein wichtiges Thema für die Stadtwerke − mit wachsender Bedeutung. Ich würde sagen, dass sich die meisten Stadtwerke, insbesondere die kommunalen Querverbünde, an dem Thema schon versucht haben oder gerade dabei sind.

E&M: Sie sagen ‚sich versuchen‘. Dann sind das noch Pilotprojekte?

Schlosser: Bisher sind es überwiegend Pilotprojekte. Sie waren vor allem technikgetrieben, um herauszufinden, wie ein Netz aufgebaut wird, wie es funktioniert und welche Voraussetzungen man dafür schaffen muss. Jetzt muss aber auch die nächste Evolutionsstufe folgen − die Integration in das Kerngeschäft beziehungsweise in die Daseinsvorsorge. Allerdings habe ich den Eindruck, dass bei vielen Stadtwerken noch die Bereitschaft fehlt, die Rolle des digitalen Infrastrukturbetreibers für sich selbst und die Kommune insgesamt anzunehmen. Da agieren viele Unternehmen noch zurückhaltend. Dabei haben sie in der Regel gegenüber den großen Digitalkonzernen, die dieses Feld besetzen können, einen großen Vertrauensbonus bei der Bevölkerung und beim örtlichen Gewerbe.
 
„Die Endkunden sollen Nutznießer der digitalen Infrastruktur sein“
 
E&M: Wie sieht für Sie die Rolle des digitalen Infrastrukturbetreibers aus?

Schlosser: Er gewährleistet, genau wie der Energieversorger die Energieversorgung, die digitale Daseinsvorsorge. Er errichtet die digitale Infrastruktur und betreibt sie und ermöglicht entsprechende Anwendungen.

E&M: Etwa als Internetanbieter?

Schlosser: Das wäre möglich, muss aber nicht sein. Es geht nicht unbedingt darum, Endkunden einen Telekommunikationsdienst anzubieten, sondern in der Kommune zum Wohl ihrer Bürgerinnen und Bürger und der Wirtschaft eine digitale Infrastruktur zu schaffen. Es müssen nicht zwangsläufig Endkunden als Nutzer gewonnen werden. Sie sollen aber Nutznießer der digitalen Infrastruktur sein.

E&M: Wie bei der Parkraumbewirtschaftung oder dem Füllstand-Monitoring von Müllbehältern.

Schlosser: Genau. Bei der Parkraumbewirtschaftung und der Verkehrsflussoptimierung kommt ja noch neben dem Komfort-Aspekt ein Umwelteffekt hinzu, da die Innenstadt von CO2-Emissionen entlastet wird. Ein anderer Bereich, in dem IoT zum Nutzen der Bevölkerung an Bedeutung gewinnen wird, ist der ÖPNV.

E&M: Welche Rolle spielen energiewirtschaftliche IoT-Anwendungen?

Schlosser: Sie spielen eine große Rolle. Beispielsweise im Monitoring auf der Niederspannungsebene. Die Stadtwerke Bielefeld haben ihre Trafostationen mit Sensoren ausgestattet, die netzbezogene Daten ermitteln, wie Strom- und Spannungsverläufe. Über ein Lorawan-Netz kommen die Daten zu unserer Plattform, an die über eine IEC-104-Schnittstelle die Leitstelle angeschlossen ist. Damit wird das Niederspannungsnetz für die Mitarbeiter dort sichtbar. Sie können auffällige Werte erkennen und auch antizipieren, wo Probleme mit den Betriebsmitteln auftreten könnten. Und wenn es tatsächlich zu Störungen kommt, lassen diese sich schnell lokalisieren und entsprechend schnell beheben.

E&M: Damit lässt sich viel Geld sparen. Geht der Trend in die Richtung energiewirtschaftlicher Anwendungen?

Schlosser: Das kann man so nicht sagen. Allerdings ist das Internet der Dinge bisher sehr netzgetrieben. Wenn ein Netzbetreiber das Thema für sich adaptiert, schaut er natürlich erst einmal nach dem eigenen Bedarf. Da liegt die Netzüberwachung auf der Hand. Und in der Tat lässt sich sehr viel Geld sparen, wenn man vorausschauend warten und Störungen vermeiden kann.

E&M: Sie haben den kommunalen Querverbund angesprochen. Wie sieht es in den anderen Sparten aus?

Schlosser: Für die vollintegrierten Stadtwerke eröffnen sich viele Chancen, mit IoT Daten zu erheben, die vorher gar nicht oder zumindest nicht effizient erhoben werden konnten. Beispielsweise bei der Überwachung von Schächten gewinnt IoT stärker an Bedeutung. Denn der damit verbundene Aufwand war bisher relativ groß, vor allem aufgrund der Sicherheitsanforderungen: Im Schacht darf sich kein Wasser befinden und die Mitarbeiter müssen entsprechend gesichert sein, wenn sie hineinsteigen. Noch dazu müssen aus Sicherheitsgründen immer zwei Mitarbeiter rausfahren. Mit einer IoT-Lösung lässt sich der Aufwand minimieren. Oder denken Sie an die Ablesung von Wasser- und Wärmezählern.
 
„IoT ergänzt das intelligente Messwesen“
 
E&M: IoT im Messwesen − da soll ja nach dem Willen der Politik künftig das intelligente Messsystem die Datendrehscheibe sein.

Schlosser: Viele Anwendungen erfordern kein intelligentes Messsystem, etwa die Ermittlung von Pegelständen oder das Monitoring von Wasser- und Wärmenetzen. Gerade im Wärmebereich haben die Betreiber nun regulatorischen Druck, ihre Netze zu digitalisieren. Da brauchen sie effiziente Lösungen. Hier bietet sich ein Lorawan-Netz an, das im Vergleich zu einer aufwendigen Leitstellenanbindung schnell und kostengünstig realisierbar ist. Ich halte den Ansatz einer hochsicheren und -verfügbaren Kommunikations- und Steuereinheit zur Absicherung und Abwicklung energiewirtschaftlicher Prozesse für eine gute Sache. Deshalb kann IoT das intelligente Messwesen nicht ersetzen, soll es auch nicht. Es ist eine gute Ergänzung. Das sehen mittlerweile die Verbände und das Forum Netztechnik/Netzbetrieb beim VDE ebenfalls so. Dass wir uns in Deutschland beim intelligenten Messwesen bisher bürokratisch eher selbst im Wege standen, ist ein anderes Thema.

E&M: Sie sprechen von einer schnell und kostengünstig realisierbaren Lösung. Welche Investitionen sind damit verbunden?

Schlosser: Das kann man nur schwer pauschal sagen. Stadtwerke sind Netzbetreiber und Infrastrukturdienstleister, in vielen Fällen auch Telekommunikationsdienstleister. Da ist der Schritt zum Aufbau eines Lorawan- oder eines anderen IoT-Kommunikationsnetzes nicht sehr groß. Wer für eine mittelgroße Stadt ein Lorawan-Netz aufbauen möchte, benötigt etwa 50 Gateways, die jeweils 1.000 Euro kosten. Das ist für einen Strom- und Gasnetzbetreiber keine große Investition. Außerdem verfügen Stadtwerke in der Regel über genügend Örtlichkeiten, an denen Gateways und Antennen installiert werden können. Denken Sie nur an die Liegenschaften der Versorger, an Hochbehälter, Bushaltestellen oder die Straßenbeleuchtung. Da muss nichts angemietet werden. Das ist nur die Kostenseite. Man darf aber nicht die Mehrwerte vergessen, die man generieren kann.

E&M: Wo sehen Sie diese?

Schlosser: Wenn man Messinfrastruktur mit Sensorik in einem gewissen Ausmaß im Netz hat, etwa im Wasser- und Wärmebereich, kann man beispielsweise Netzverluste oder Leckagen feststellen oder durch den Vergleich von Vorlauf- und Rücklauftemperatur Effizienzverluste ermitteln. Wo man früher nur punktuell Daten verfügbar hatte, kann man sie jetzt verknüpfen.
 
„Wir konzentrieren uns auf die Veredelung der Daten“
 
E&M: Dafür braucht es aber die passende Software.

Schlosser: … die die Daten auf eine Plattformebene hebt. Anfangs, vor etwa drei Jahren, haben wir uns, wie die Energiebranche insgesamt, vor allem mit der Dateneingangsseite beschäftigt. Unser erstes Produkt war eine Software, die ausschließlich die Infrastruktur aus Sensoren und Gateways gemanagt hat. Damit konnte der Lora-Netzbetreiber sehen, welche Sensoren wo verbaut sind, in welchem Zustand die Sensoren sind und über welches Gateway ihre Daten verschickt werden. Am Ende flossen Temperatur-, Druck- oder Spannungsdaten in einen Pool. Hier war die Kette gedanklich am Ende. Heute konzentrieren wir uns auf die Veredelung der Daten. Denn diese sind nur dann wertvoll, wenn sie mit anderen Daten − meist auch aus anderen Systemen − verknüpft werden. Es geht nicht mehr in erster Linie um die Frage, was technisch funktioniert, sondern darum, wie man die Daten aufbereiten und welche Erkenntnisse und Handlungen man daraus ableiten kann.

E&M: Das Thema Schnittstellen zu Drittsystemen ist in der IT häufig ein schwieriges Feld. Gerade jetzt auch im intelligenten Messwesen. Bei Ihnen nicht?

Schlosser: Die Anbindung von Drittsystemen ist immer eine Herausforderung. Aber in einer Welt, in der Daten und Prozesse für den wirtschaftlichen Erfolg ganz entscheidend sind, ist das nichts Neues. Die Weitergabe von Daten sollte heute keine wirklichen Probleme mehr bereiten. Das erwarten auch die Nutzer von IT-Systemen − natürlich auch jene Nutzer, die wir bedienen wollen und mit unserer Plattform auch bedienen können.
 
Sascha Schlosser
Quelle: Digimondo

 
 

Fritz Wilhelm
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