• Forschungsergebnisse pragmatisch umsetzen
  • Bund und Länder erzielen Durchbruch bei Klima-Vermittlung
  • Zusammenfassung der deutschen Tagesmeldungen vom 13. Dezember
  • Neuzulassungen von Batterieelektroautos
  • Strom: Spot verbilligt sich weiter
  • Gas: Preise wieder auf Talfahrt
  • Netzbetreiber als Prozessbeschleuniger
  • Nordwesten will bei Wasserstoff vorangehen
  • Erste Erfolge für Bochumer Grünstrom-Offensive
  • Envelio sammelt Millionen ein
Enerige & Management > Gas - Hoffnungen auf Gasentspannung
Bild: Fotolia.com, nmann77
GAS:
Hoffnungen auf Gasentspannung
Der Gasversorgung steht ein spannender Winter bevor. Anfang September gab es im Ukrainekonflikt allenfalls erste Anzeichen für eine Waffenruhe – im daraus entstandenen Sanktions-Schlagabtausch driften die EU und Russland als wichtigster Gaslieferant immer weiter auseinander.
 
Befürchtungen für den nächsten Winter sind kein Hirngespinst – sie haben einen realen Hintergrund: Im Februar 2012 war bei tiefem Frost, der den Energieverbrauch von Mitteleuropa bis nach Russland anheizte, nur relativ wenig russisches Gas durch die Importpipelines nach Europa gekommen. Die Lieferverträge sehen solche Einschränkungen vor, doch in Süddeutschland wurde der Brennstoff so knapp, dass Gaskraftwerke nicht mehr hätten hochgefahren werden können, wenn man sie gebraucht hätte. Und das sorgte für Alarmstimmung.

Im bevorstehenden Winter wird der Frost vermutlich nicht der einzige Unsicherheitsfaktor für die Gasversorgung sein. Kurz vor Beginn des neuen Gaswirtschaftsjahres schwelt weiter der Ukrainekonflikt. Die EU und Russland haben sich gegenseitig mit Wirtschaftssanktionen überzogen – die Versorgung Europas mit russischem Gas war davon allerdings bislang nicht betroffen. Russland ist der wichtigste Gaslieferant – 2013 kamen 38 Prozent des in Deutschland verbrauchten Gases von dort.

Doch wie lange wird das so bleiben? Schon seit Juni beliefert der russische Gazprom-Konzern die Ukraine nicht mehr mit Gas, weil das Land Rechnungen nicht bezahlt hat und weil sich beide Seiten bislang trotz Vermittlung der EU-Kommission nicht auf einen Gaspreis für künftige Lieferungen einigen konnten.

Dieser Konflikt weckt bei der Gaswirtschaft Erinnerungen an den Januar 2009. Damals hatte Gazprom der Ukraine im Streit über den Gaspreis den Gashahn zugedreht. Die Ukrainer bedienten sich danach aus Transitmengen, die für Europa bestimmt waren. Auch in Deutschland kam weniger Gas an als vertraglich vereinbart – die Versorger mussten auf Speicher zurückgreifen.

Ein solches Szenario wird auch für den kommenden Winter nicht für unmöglich gehalten. Das Transitland Ukraine gilt unter den deutschen Importeuren russischen Gases – Eon, Wingas, RWE und VNG - als Risikofaktor. „Wir beobachten mit großer Aufmerksamkeit und einiger Sorge die Vorgänge in der Ukraine und ihre Folgen“, hieß es Ende August bei Eon. „Wir haben in der jüngsten Vergangenheit bereits zwei Transitkrisen erlebt, weil die Ukraine Gasmengen, die für den europäischen Markt bestimmt waren, unrechtmäßig aus dem Transitsystem entnommen hat“, erklärte Wingas. Auch Karsten Heuchert, Vorstandschef der ostdeutschen Verbundnetz Gas (VNG) sieht das größte Fragezeichen im Hinblick auf die Belieferung mit russischem Gas im kommenden Winter bei der Ukraine.

Ukraine-Transportroute verliert an Bedeutung

Die VNG selbst wäre indes von Einschränkungen auf der Lieferroute durch das osteuropäische Land gar nicht betroffen. Das Unternehmen bezieht sein Gas aus Russland inzwischen vollständig über die Pipelines Jamal, die durch Weißrussland und Polen nach Deutschland führt, und Nord Stream durch die Ostsee. Auch Wingas erhält weniger als zehn Prozent seiner Lieferungen aus Russland über die Transitroute durch die Ukraine, RWE dagegen den größten Teil. Insgesamt seien die Transportmengen über die Ukraineroute seit letztem Jahr signifikant zurückgegangen, heißt es aus der Gaswirtschaft.

Dass Russland selbst die Gaslieferungen nach Europa einschränken könnte, wird als extrem unwahrscheinlich bewertet. Die Gasbranche verweist in diesem Zusammenhang gern auf die selbst in Zeiten des Kalten Krieges sichere Belieferung. „Wir haben seit 40 Jahren Verträge mit Gazprom und die sind stets erfüllt worden“, bekräftigt VNG-Chef Karsten Heuchert. „Wir haben Russland als zuverlässigen Partner und Lieferanten kennengelernt“, ist man sich auch bei Wingas sicher.

„Es müsste Dramatisches passieren, damit im Zusammenhang mit dem Ukraine-Konflikt auch Gas betroffen wäre“, meinte im August auch Liana Fix, Osteuropa-Expertin der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Sie halte die Gaslieferungen von Russland nach Europa im Moment „für gar nicht gefährdet“. Russland sei von Gasexporten nach Europa fast noch abhängiger als Europa vom russischen Gas. Deshalb werde das Land seine Lieferverpflichtungen auf jeden Fall zu erfüllen versuchen.

Den ukrainischen Vorschlag, europäische Kunden sollten das russische Gas künftig nicht wie bisher erst im Westen sondern bereits an der Ostgrenze der Ukraine übernehmen und selbst die nötigen Transitvereinbarungen mit dem Land schließen, betrachtet Fix als gute Möglichkeit, weiteren Konflikten um Transitlieferungen in Richtung Westen aus dem Weg zu gehen. Dazu müssten jedoch zahlreiche Verträge geändert werden. Deshalb sei diese Lösung nicht von heute auf morgen durchzusetzen. „Auch für die russische Seite wäre das kein schlechter Deal“, so die Expertin.

Sollte es im nächsten Winter zu Liefereinschränkungen kommen, können die Gasversorger wieder auf ihre unterirdischen Gasspeicher bauen. Die mittlerweile 51 deutschen Gaslager können knapp 23 Mrd. m3 nutzbares Gas aufnehmen. „Das entspricht mehr als einem Viertel der in Deutschland im Jahr 2012 verbrauchten Erdgasmenge“, rechnet der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) vor.

Mehr LNG und andere Lieferanten

Der aktuelle Füllstand wird von der Branche als „sehr komfortabel“ bewertet. Auch die Speicher in Frankreich und Italien waren bereits im Sommer gut befüllt. „In den vergangenen Jahren haben die deutschen Gasspeicher auch bei kalten Perioden ihre hohe Leistungsfähigkeit jederzeit unter Beweis gestellt und maßgeblich zum hohen Grad der Versorgungssicherheit beigetragen“, ist man bei Eon überzeugt.

Der BDEW verweist außerdem darauf, dass Deutschland Erdgas „kontinuierlich aus zahlreichen unterschiedlichen Lieferländern und aus eigener deutscher Förderung“ beziehe. Zum Teil könnten solche Lieferungen im Rahmen bestehender Verträge im Bedarfsfall erhöht werden. Als Option gilt verflüssigtes Erdgas (Liquefied Natural Gas – LNG), das aktuell auf dem Gasmarkt ausreichend verfügbar ist. Einzelne Händler hätten bereits damit begonnen, LNG-Schiffe als schwimmende Speicher und Sicherheit gegen Lieferausfälle im Winter anzumieten, ist von Gasversorgern zu hören. „Erdgas ist und bleibt ein sicherer Energieträger“, so der Branchenverband.

Davon waren in den letzten Jahren wohl auch immer mehr Energieversorger und Industrieunternehmen überzeugt und haben ihre Tankanlagen für leichtes Heizöl, das in geeigneten Zweistoffbrennern für Kessel und Gasturbinen oder auch in Motoren als alternativer Brennstoff eingesetzt werden kann, abgebaut. Abschaltbare Verträge mit Gaslieferanten und eine Absicherung der Energieversorgung durch Heizöl seien mit der Liberalisierung außer Mode gekommen, berichtet der VIK, die Interessenvertretung der energieintensiven Industrie. Unternehmen wie die Stadtwerke Schwäbisch Hall, die Heizöl als Zweitbrennstoff für ihre BHKW für drei Tage bereithalten, geben jedoch zu bedenken, dass die Verwendung von Öl über einen längeren Zeitraum schwierig wäre, weil die Belieferung logistische Probleme aufwirft.

Auch wenn sich die deutsche Gaswirtschaft sicher ist, Importeinschränkungen aus Russland im nächsten Winter verkraften zu können – ewig lange dürften sie nicht dauern. Ein Stopp russischer Erdgaslieferungen nach Westeuropa ab November würde nach spätestens sechs Monaten zu erheblichen Versorgungsstörungen in Deutschland führen. Das ergibt sich aus einer Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI). Um den Ausfall russischer Lieferungen innerhalb dieses Zeitraums kompensieren zu können, müsste in Europa allerdings erheblich mehr Flüssiggas als im Jahr 2013 importiert werden, so die Untersuchung. Der Winter könnte tatsächlich spannend werden.
 

Peter Focht
Redakteur
+49 (0) 30 89746265
eMail
facebook
© 2019 Energie & Management GmbH
Montag, 15.09.2014, 11:33 Uhr

Mehr zum Thema