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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Zeitungsausgabe - Hinterm Leuchtturm wartet die Wärmewende
Quelle: E&M
AUS DER AKTUELLEN ZEITUNGSAUSGABE:
Hinterm Leuchtturm wartet die Wärmewende
Für die grüne Wärme- und Stromwende müssen Ideen und Investitionen her. Stadtwerke ohne große Erzeugungskapazitäten ringen um ihre Rolle als Versorger der Zukunft. Ein Blick nach Essen.
 
Das Museum Folkwang gilt als kultureller Leuchtturm der Ruhrstadt Essen. Ein Leuchtturm, auf dem wiederum ein Leuchtturm der Stadtwerke Essen steht – eine Solaranlage. Mit einer Leistung von 240 kW ist ihre Strahlkraft für ein einzelnes Gebäudedach durchaus beachtlich. Auf das Renommee der Stadtwerke als Versorger der Zukunft zahlt sie aber lediglich bedingt ein. Es geht schlicht nur langsam voran mit Öko-Erzeugungskapazitäten und mit der grünen Transformation des Unternehmens, das zuallererst Gas- und Wasserversorger ist.

Doch wenn die Energiewelt im Wandel begriffen und zum klimaschonenden Wirtschaften gezwungen ist, können Versorger sich auf alte Geschäftsmodelle nicht länger verlassen. Auch deshalb räumt Lars Martin Klieve, kaufmännischer Vorstand der Essener Stadtwerke, ein, dass das mit Abstand beste Jahresergebnis von 56,6 Mio. Euro Gewinn (2021) zwar viel über die Effizienz, aber eher wenig über die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens aussagt. Weil die Unsicherheit nicht nur im Revier, sondern allerorten groß ist, suchen Stadtwerke Möglichkeiten zur Neuausrichtung, zur Zusammenarbeit, bilden Zweckgemeinschaften oder fusionieren. Aktuell bringen zum Beispiel Vertreter von 17 Stadtwerken, von Eisenach bis Wuppertal, ihr Gehirnschmalz ein, um in einer länderübergreifenden Zukunftsinitiative nachhaltige Wege in Richtung „Klimawerke“ zu erkunden.
 
Über den Dächern Essens: Während die Kommune bereits ein Solarförderprogramm vorantreibt und Privatmann Christoph Fleischer (l.) zugreift, suchen die Stadtwerke noch ihren Platz auf den Häusern der Stadt. Reiner Priggen (Vorsitzender des LEE NRW) und Umweltpolitiker Yannick Lubisch (CDU, r.) sehen wichtige Signale für die lokale Energiewende
Quelle: Volker Stephan

Wer – wie die Stadtwerke im westfälischen Münster – vergleichsweise früh in die eigene Produktion erneuerbarer Energie und in die grüne Wärmeversorgung eingestiegen sei, habe viel richtig gemacht, so Tim Ronkartz, Leiter des Kompetenzteams Unternehmensentwicklung beim Aachener Beratungsunternehmen BET. BET hat das „Klimawerke“-Projekt mitinitiiert. Münster, das übrigens wie Essen nicht an der Klimawerke-Initiative beteiligt ist, und andere Stadtwerke hätten sich rechtzeitig „breit aufgestellt, damit sie nicht zu stark von einem einzelnen Geschäftsmodell wie beispielsweise der Gasversorgung abhängig sind“. Laufen dadurch aber Versorger wie die Essener Stadtwerke automatisch Gefahr, in zehn Jahren in der Bedeutungslosigkeit oder ganz verschwunden zu sein?

Stadtwerke halten keine Aktien an der Solar-Initiative

Davor warnte zumindest jüngst der umweltpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion in Essen, Rolf Fliß, den örtlichen Versorger und die Verantwortlichen der Kommune, die neuerdings gerne von Essen als „grüner Energiehauptstadt Deutschlands“ sprechen. „Wenn die Stadtwerke in zehn Jahren noch existieren wollen“, sagte Fliß, „müssen wir sie reformieren und zukunftsfest aufstellen.“ Der Rahmen für seine Forderung nach einer nachhaltigen Strategie war gut gewählt: Bei einem Ortstermin vor Medienvertretern feierte die Stadt Essen sich für ein frisch aufgelegtes Solarförderprogramm in Höhe von 500.000 Euro, das der Landesverband Erneuerbare Energien NRW in Person seines Vorsitzenden Reiner Priggen als „wichtiges Signal“ für die lokale Energiewende pries. Wer vor Ort nicht mitfeierte, das waren die Stadtwerke. Sie halten überraschenderweise keine Aktien an dieser Solar-Initiative, die auf breiter Fläche finanzielle Anschubhilfe für Privatleute gibt und jüngst aufgrund der großen Nachfrage einen Nachschlag von 300.000 Euro ankündigte.

Die verpasste Chance wie den marketingtechnischen Fauxpas mag man wahlweise den Stadtwerken ankreiden oder der Lokalpolitik, die ihren Einfluss auf den Versorger über den städtischen Mehrheitsanteil (51 % gegenüber 29 % der Eon-Tochter Westenergie und 20 % des Thüga-Verbunds) an dieser Stelle nicht geltend gemacht hat. Es zeigt in jedem Fall die besondere Situation vieler Stadtwerke im Revier, die umzingelt – und teils getragen – sind von Energieriesen wie RWE, Eon, Steag und anderen, die alle ihre ganz eigenen Strategien in der Energiewende verfolgen.

In der Folge ist „die Stromflanke bei uns traditionell nicht im Fokus“, sagt Finanzvorstand Klieve. Auch das Stromnetz werde auf absehbare Zeit nicht zu den Essener Stadtwerken kommen. Selbst wenn es das vorrangige und Investitionen bindende Ziel sei, führender Wärmeanbieter in der Stadt zu bleiben, will das Unternehmen dennoch sukzessive auch mehr vom Stromkuchen abbekommen.
Historisch betrachtet haben die Stadtwerke im Stromsegment mit „einer kleinen Vertriebssparte angefangen, aber bereits ein beachtliches Wachstum verzeichnet“, sagt Lars Martin Klieve. Beim angestrebten Ausbau des Segments „ist Solarenergie der zentrale Punkt für uns“.

Mit dem Folkwang-Dach, im Umfeld der Wassergewinnung und durch einzelne Projekte etwa an Berufskollegs kommen die Essener derzeit auf eine Kapazität jenseits der 1-MW-Marke. „Das Volumen ist uns natürlich zu wenig“, sagt Stadtwerke-Vertriebsleiter Steffen Wöhler. Um das zu ändern, visiert er eine Investitionssumme von 3 bis 4 Mio. Euro pro Jahr an, die zunächst besonders für Projekte auf eigenen und städtischen Liegenschaften vorgesehen ist. Sobald Verbesserungen beim Mieterstrommodell griffen, werde seiner Einschätzung nach auch das Geschäft auf privaten Dächern leichter.

Für „keine schlechte Idee“ hält BET-Berater Tim Ronkartz den Essener Ansatz. Mit der angepeilten Summe ließen sich jedes Jahr zusätzlich etwa 750 Haushalte mit Sonnenstrom versorgen. Das sei nicht wenig, zumal viele andere Player in der Solarenergie mitspielten und dies auch tun müssten. Denn alle Anstrengungen für Klimaneutralität zusammen – vom Erneuerbaren-Strom über grüne Nahwärmenetze bis hin zur Gebäudesanierung – kosteten laut einer jüngsten Kalkulation mehr als 1,5 Mrd. Euro je 100.000 Einwohner. „Das kann ein Stadtwerk regional ohnehin nicht im Alleingang schaffen“, sagt er.

Gas kein Energieträger der Zukunft mehr

Für Versorger ohne nennenswertes Erneuerbaren-Portfolio sei es allerdings kein pauschales Erfolgsrezept, nun ausschließlich auf das Pferd Kapazitätsausbau zu setzen. Zwar sei es gut, dass die meisten der rund 800 deutschen Stadtwerke inzwischen im Gas nicht länger den Energieträger der Zukunft sähen. „Der Sektor Wärme muss aber bleiben“, rät Tim Ronkartz, zumal die Gewinnspannen im Solarbereich bisher auch mit Pacht-Modellen oder Servicegeschäft eher gering ausfielen. Und die Wärmeversorgung der Zukunft binde allein durch den erforderlichen Umbau der bereits vorhandenen Wärmenetze erhebliche Kapitalmengen. Auch wenn die technischen Lösungen für die Wärmewende – etwa durch die diskutierte Integration von grünem Wasserstoff – noch nicht auszumachen seien, sollten Stadtwerke gerade in ihrem Stammbereich proaktiv Alternativen anbieten.

Dies ist Wasser auf die Mühlen der Stadtwerke Essen. Sie wollen laut Vertriebsleiter Steffen Wöhler künftig als „Dekarbonisierungsdienstleister für die Stadt bereitstehen“. Der Wärme-Bereich werde laut Vorstand Lars Martin Klieve dabei zum Dreh- und Angelpunkt. Ob Wärmepumpen-Lösungen für kleinere Wohneinheiten oder wirksame Ideen für baulich stark verdichtete Bereichen, denkbar als Quartierslösungen, als grüne Nah- oder Fernwärme mit Partnern wie der Steag – „da sehe ich unsere Mission“, so Klieve. „Im Zusammenspiel mit städtischen Gesellschaften wollen die Stadtwerke antreten, so Steffen Wöhler, „die Wärmewende in Essen zu orchestrieren“. Lars Martin Klieve sieht die Stadtwerke auch in anderen Bereichen auf einem guten Weg. „Unsere Energieserviceplattform mit kommunalen Partnern, innovative Gebäudeprojekte und das Thema E-Mobilität sind nur einige Beispiele für Projekte, die wir bereits initiiert und umgesetzt haben.“

Unterstützung für dieses Rollenverständnis kommt von Rolf Fliß’ Parteikollegen Sascha Berger. „Die Stadtwerke sind als Partner der Bürger, der städtischen Gesellschaften und der Verwaltung ein Schlüssel zum Erreichen der Klimaziele“, sagt der energiepolitische Sprecher der Grünen, zugleich Mitglied im Aufsichtsrat der Stadtwerke. Im Wärmesektor sei der aktuelle Marktführer im Gasgeschäft prädestiniert dafür, die Zukunftstechniken wie Wärmepumpen oder Wärmestrommodelle als Komplettlösungen inklusive Beratungskompetenz anbieten zu können. Strom bleibe auch im reinen Vertrieb lukrativ, glaubt Berger. Hinzu komme das enorme Potenzial, mit der städtischen Wohnungsbaugesellschaft deren Immobilien mit Solaranlagen zu entwickeln. „Damit können wir das Schlimmste verhindern“, sagt er – und meint damit nicht die provokante Prognose von Parteifreund Fliß, dass die Zukunft der Stadtwerke sich binnen zehn Jahren entscheiden werde. Berger setzt vielmehr darauf, mit starkem Stadtwerk einen kommunalen Beitrag gegen die Klimakrise als „das Schlimmste“ leisten zu können.

Lars Martin Klieve hat ohnehin eine andere Zeitrechnung im Kopf, blickt über die kommende Dekade hinaus. Die Stadtwerke, sagt der kaufmännische Vorstand, seien seit mehr als 150 Jahren Gasversorger in der Stadt, „das werden wir in 25 Jahren nicht mehr sein, zumindest nicht mit Erdgas“. Außer im Wasserstoffgeschäft sieht er für das Unternehmen die besagte zentrale Rolle nicht nur auf dem Feld der Nah- und Fernwärme. Auch der Solar-Leuchtturm auf dem Museum Folkwang, sagt er, sei kein Prestige-Objekt im Erneuerbaren-Sektor. Offiziell ans Netz geht das Sonnenkraftwerk voraussichtlich in diesem Juli. „Die Anlage wird kein Solitär bleiben, dafür arbeiten wir nach Kräften.“
 

Volker Stephan
© 2022 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 19.05.2022, 11:51 Uhr

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