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Enerige & Management > Vertrieb - Heutige Stromkennzeichnung überholt
Bild: Fotoliacom, Thaut Images
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Heutige Stromkennzeichnung überholt
Lichtblick hat nachgerechnet, dass es bei einer Reihe von Energieanbietern eklatante Abweichungen zwischen Stromeinkauf und der eigenen Stromkennzeichnung gibt.
 
Im Ringen um eine realistische Stromkennzeichnung hat Lichtblick nachgelegt. Anfang November hatte der bundesweit größte Ökostromanbieter mit Sitz in Hamburg in einem Gutachten beklagt, dass zahlreiche Energieversorger dank unzureichender Regelungen in der derzeitigen Stromkennzeichnungs-Vorschrift einen viel zu hohen Grünstromanteil in ihrem Strommix ausweisen können. Danach sind die 1 100 Anbieter gesetzlich verpflichtet, einen Ökostromanteil von bis zu 46 % bei der Stromkennzeichnung ihrer Tarife auszuweisen, unabhängig davon, ob sie überhaupt regenerativ erzeugten Strom an ihre Kunden liefern beziehungsweise selbst erzeugen. „Einen staatlichen verordneten Etikettenschwindel“ nannte Lücking, Geschäftsführer Energiewirtschaft bei Lichtblick, deshalb die gängige Praxis bei der Stromkennzeichnung, „die für reine Ökostromanbieter eine massive Benachteiligung bedeutet.“

Um zu zeigen, wie deutlich die Strommix-Angaben vom tatsächlichen Stromeinkauf abweichen, hat Lichtblick nun die aktuelle Stromkennzeichnung von 35 großen Stromanbietern hierzulande unter die Lupe genommen. Das nicht unerwartete Ergebnis: Einige Versorger beschaffen bis zu 42 % mehr Strom aus fossilen Quellen als ihre offiziellen Angaben ausweisen.
 
So zeigt die Lichtblick-Analyse, dass beispielsweise der EnBW-Konzern über 42% mehr Strom aus Atom, Kohle und andere fossilen Quellen für seine Kunden einkauft als im Unternehmens-Strommix angegeben ist. Nicht der einzige Sündenfall: Auch bei Eon (plus 38 %), Innogy (plus 38 %), Vattenfall (plus 37 %), EWE (plus 31 %) fällt der Anteil konventioneller Energie deutlich höher aus, als für die Verbraucher ersichtlich. Nicht besser sieht es bei einigen größeren Stadtwerken aus: Nach der Lichtblick-Veröffentlichung gibt es eklatante Abweichungen zwischen Stromkennzeichnung und -einkauf beispielsweise in Düsseldorf (plus 40 %), Flensburg (plus 39 %), Erfurt (38 %), bei der Drewag (plus 35 %), Leipzig (plus 35 %), bei Mainova (plus 29 %) oder München (plus 29 %). 

„Wir wollen kein Versorger-Bashing betreiben”, sagt Lichtblick-Manager Lücking, „was wir aber brauchen, ist eine schnelle Änderung der Stromkennzeichnungs-Verordnung. Ansonsten bleibt es bei der Verbrauchertäuschung.“ Unterstützt wird Lücking bei diesem Vorstoß von Udo Sieverding. „Die Stromkennzeichnung hat ihre Lenkungswirkung um mehr Transparenz bei den Stromprodukten verloren und gehört auf den Prüfstand. Kein Verbraucher versteht die heutige Kennzeichnungspraxis“, betont der Energieexperte der Verbraucherzentrale NRW.

Dass die heutige Stromkennzeichnung überholt ist, haben nach Lückings Angaben vergangene Woche Vertreter der drei Bundesministerium für Wirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz, der Bundesnetzagentur und des Umweltbundesamt eingeräumt, denen Lichtblick im kleinen Kreis sein eingangs erwähntes Gutachten vorgestellt hat. „Auch unserer Lösungsansatz, dass der EEG-Anteil nur noch im Bundes-Mix ausgewiesen werden darf, fand breite Zustimmung“, so Lücking. Eine schnelle Änderung der Stromkennzeichnungs-Verordnung ist dennoch nicht in Sicht: „Das Bundeswirtschaftsministerium hat uns signalisiert, dass das durchaus anderthalb Jahre dauern kann“, resümiert Lücking.

Was Lichtblick nicht davon abhält, hartnäckig auf einer Änderung der Stromkennzeichnungs-Regel zu beharren. Zusammen mit weiteren Ökostrombietern und mehreren Umweltverbänden sind die Hanseaten dabei, ein breites Bündnis zu schmieden. „Wir wollen den Druck aufrechthalten bis nur noch die Energiemengen ausgewiesen werden, die ein Anbieter tatsächlich über erneuerbare Energien selbst für seine Kunden erzeugt oder einkauft“, verspricht Lücking.
 

Ralf Köpke
© 2019 Energie & Management GmbH
Montag, 21.11.2016, 16:17 Uhr

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