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Enerige & Management > Wasserstoff - Grüner Wasserstoff ist "kein Allheilmittel"
Bild: Thyssenkrupp Steel Europe
WASSERSTOFF:
Grüner Wasserstoff ist "kein Allheilmittel"
Einen distanzierten Blick auf den grünen Wasserstoff warfen Vertreter der Industrie bei einer Diskussionsrunde auf einer Wasserstofftagung des Handelsblatts.
 
Allgegenwärtig waren die Schlagworte "Technologieoffenheit" und "Geschwindigkeit" bei der Wasserstoffdiskussionsrunde, zu der das Handelsblatt am 26. Mai geladen hatte. "In den kommenden 20, 30 Jahren wollen wir ein System umbauen, das seit etwa 1850 komplett auf fossiler Energie basiert", skizzierte Stefan Dohler die Dimension der Klima- und Energiewende in Deutschland. 

"Wir brauchen alle Wasserstofftechnologien auf absehbare Zeit. Für den größtmöglichen Erfolg müssen wir technologieoffen sein", so auch Martin Brudermüller, Vorstandsvorsitzender des Chemiekonzerns BASF. Angesichts der zu niedrigen Ausbauziele für erneuerbare Energien setze man bei der BASF auf ein Wasserstofftechnologie-Portfolio. Neben der Wasserelektrolyse mit Strom aus Erneuerbaren nannte Brudermüller etwa die Trockenreformierung − "ein pfiffiges, katalytisches Verfahren, mit dem CO2-freier Wasserstoff direkt aus Erdgas und CO2" hergestellt werden kann. "CO2 ersetzt dabei das Wasser der klassischen Dampfreformierung."

Methanpyrolyse weniger energieintensiv

Also Manko der Herstellung des grünen Wasserstoffs aus der Wasserelektrolyse nannte Brudermüller den hohen Energiebedarf: "Eine Tonne Wasserstoff aus Wasser entspricht dem Stromverbrauch eines Einfamilienhauses für zehn Jahre." Daran werde sich auch so schnell nichts ändern, "denn an der Stabilität des Wassermoleküls können wir nichts drehen". Als weitere Verfahrensvariante nannte Brudermüller die Methanpyrolyse, bei der Erdgas in Wasserstoff und festen Kohlenstoff gespaltet wird. Der Strombedarf dieses Verfahrens entspreche nur einem Fünftel der Wasserelektrolyse.

Entgegen dem Fokus des Bundes auf grünen Wasserstoff sieht Brudermüller diesen nicht als "Allheilmittel aller Zukunftsprobleme". Er betonte: "Strom aus Wasserstoff via Wasserelektrolyse ist der teuerste Strom, den man sich vorstellen kann. Alles, was ohne Umweg elektrifiziert werden kann, sollte Vorrang haben." 

Den größten Hebel in der Dekarbonisierung der Industrie sieht der BASF-Vorstandsvorsitzende in der Chemieindustrie: 8 Mio. Tonnen CO2 würden am Standort der BASF in Ludwigshafen pro Jahr ausgestoßen und damit 1 % des Gesamtausstoßes Deutschlands. Zudem stehe die Chemieindustrie mit den Materialien und Produkten, die sie in verschiedene produzierende Gewerbe liefert, am Anfang der Wertschöpfungskette. Sie leistungs- und wettbewerbsfähig zu halten, sei essenziell für das gesamte Ökosystem.

Wirtschaftliches Geschäftsmodell nicht sichtbar 

Auf das Thema "Geschwindigkeit" kam Christian Bruch, Vorstandsvorsitzender von Siemens Energy, zu sprechen: "In Deutschland sind wir weder beim Ausbau der erneuerbaren Energien noch bei der Elektrolyseleistung da, wo wir heute sein müssten. Wenn wir das Ziel der Nationalen Wasserstoffstrategie − ein Elektrolysehochlauf von fünf Gigawatt bis 2030 − erreichen wollen, müssen wir deutlich an Geschwindigkeit aufnehmen."

Aktuelles Ziel müsse sein, die Anlagengrößen von grünem Wasserstoff zu skalieren, um die Basis für Fertigungskapazitäten zu schaffen. Bruch ist überzeugt: "Derjenige wird im Markt gewinnen, der durch die Skalierung der Anlagengrößen schnellstmöglich auch die Kosten senken kann." Hierzu brauche es auch gesellschaftliche Unterstützung. "Wir werden eine Vielzahl von Lösungen brauchen und eine Gesellschaft, die diese Lösungen akzeptiert", erklärte er mit Blick auf die hochgesteckten Klimaziele. "Mehr regenerative Energie heißt auch mehr Windräder an Land, mehr Fläche für Photovoltaik-Anlagen und mehr Stromleitungen." Erst dann könne Wasserstoff eine Rolle spielen. 
 
"Lasst uns Erdgas als Zwischenlösung nicht aus den Augen verlieren.
Wir sollten uns bei keiner technischen Lösung limitieren. Wir werden
alles brauchen", so Christian Bruch (Siemens Energy) auf
dem Wasserstoffgipfel des Handelsblatts
Bild: E&M

Nachhaltigkeit einen Wert geben

Bruch betonte außerdem die Bedeutung von internationalen Partnerschaften: "Wir werden nie genügend Wasserstoff rein aus regenerativen Energien in Deutschland herstellen können, um uns selbst zu versorgen". Deutschland bleibe ein Importeur von grüner Energie aus Ländern, in denen diese wettbewerbsfähig hergestellt werden kann. Um so mehr komme es daher darauf an, die führende Rolle im Wasserstoffsektor nicht zu verspielen.

Als größtes Hindernis für den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft sieht Bruch das bislang nicht sichtbare wirtschaftliche Geschäftsmodell für grünen Wasserstoff. Der Strom für die Elektrolyse müsste hierzu günstiger werden. CO2 müsste einen veritablen Wert bekommen. "Das funktioniert nur, wenn Produkte, dem grünen Molekül auch einen Wert beimessen." Nötig sei im Endeffekt ein breiter Konsens, dass "wir Nachhaltigkeit in unseren Produkten einen Wert geben wollen". 
 

Davina Spohn
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