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Großer Wunsch nach Flexibilität
Eine Untersuchung des BEMD geht der Frage nach, wie sich Softwareanbieter in der Energiewirtschaft den wandelnden Anforderungen des Marktes stellen − nun in der dritten Auflage.
 
Es ist nach 2017 und 2019 die dritte Umfrage ihrer Art. Der Bundesverband Energiemarktdienstleister (BEMD) nennt sie „Transparenzinitiative“ und will damit wieder einen weitestgehend vollständigen Marktüberblick über die Abrechnungssysteme in der Energiewirtschaft geben. Angesichts der 22 Softwareanbieter, die jeweils Angaben zu 380 verschiedenen Beurteilungskriterien gemacht haben, ist sich Ingo Schöbe, Leiter der Arbeitsgruppe „Meter to Cash“ beim BEMD, sicher, dass dieses Ziel auch tatsächlich wieder erreicht worden ist.

Zwei der Unternehmen, die 2019 noch dabei waren, IQ One und Quanto Grid Link CIS, sind nicht mehr vertreten. Dafür sind mit Statt-Werk und Subito Billito zwei neue Softwareanbieter hinzugekommen. Eine Sonderstellung nimmt SAP ein. Die Angaben des Konzerns stammen aus der ersten und zweiten Version der Transparenzinitiative, wurden jedoch für die dritte Version von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe, von denen einige SAP-Partnerunternehmen angehören, so weit wie möglich überarbeitet, ergänzt und angepasst.
 
Angaben zu 380 Beurteilungskriterien
 
Ein neuer Anbieter wie die Enercity-Tochtergesellschaft Lynqtech gehöre eigentlich auch in diese Übersicht. Trotz intensiver Bemühungen der Arbeitsgruppe sei es bei dieser Ausgabe aber leider noch nicht gelungen die Hannoveraner zur Teilnahme zu bewegen, berichtet Schöbe. Über die Gründe will er nicht spekulieren. Er ist aber zuversichtlich, dass das junge Unternehmen, das angetreten ist, mit seiner digitalen Plattform den gesamten Kundenlebenszyklus abzubilden, in der nächsten Runde in ein, zwei Jahren mit dabei sein wird. „Trotzdem kann man davon ausgehen, dass wir insgesamt eine Marktabdeckung über 95 Prozent erreichen“, so der AG-Leiter, der im Hauptberuf Head of Utilities bei Natuvion ist.

Ob man Powercloud noch zu den neuen Anbietern zählen kann, auch wenn das Unternehmen schon vor zehn Jahren gegründet wurde, ist Ansichtssache. Dass es in relativ kurzer Zeit eine rasante Entwicklung genommen hat, steht aber außer Frage. Pressemitteilung und Aussagen auf seinen Internetseiten deuten darauf hin, dass nach dem Einstieg ins Massengeschäft großer Vertriebsmarken nun auch mehr und mehr die Stadtwerke und Netzbetreiber in den Fokus rücken.
 
Die Prozessabdeckung der IT-Systeme.
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Im Geschäft mit lokalen und regionalen Energieversorgern wird die hohe Effizienz, mit der sich homogene Kundengruppen − in der Regel mit Standardlastprofil − abrechnen lassen, jedoch meist auf eine harte Probe gestellt. Denn dort geht es nicht mehr nur um die wesentlichen Prozesse des Customer Relationship Managements von Haushalten, sondern auch um die Abrechnung von Gewerbebetrieben und Mittelständlern ganz unterschiedlicher Größe mit registrierender Leistungsmessung. Unter Umständen will der Stadtwerkevertrieb den wettbewerblichen Messstellenbetrieb ausprägen und Koppelprodukte anbieten. Außerdem könnten noch Telekommunikationsdienstleistungen hinzukommen. Und schließlich gibt es vielleicht im Kundenzentrum noch einen Kassenautomaten, der auch in die Systemlandschaft integriert werden muss.
 
Prozessual herausforderndes Stadtwerkeumfeld
 
Aus Sicht von Schöbe und seinen Kollegen wird es spannend, wie sich die neuen Softwarehersteller dieser großen Prozessvielfalt in Zukunft stellen werden. Eines ist klar: Die etablierten Anbieter sind seit der Liberalisierung der Energiewirtschaft vor etwa 25 Jahren mit dem Markt und den Marktteilnehmern gewachsen. Neueinsteiger werden nicht von heute auf morgen aufholen können, auch wenn sie erhebliche Ressourcen aufgrund des Engagements strategischer Investoren zur Verfügung haben. Deshalb sind die Mitglieder der Arbeitsgruppe Meter to Cash auch durchaus skeptisch, wenn Unternehmen, die noch nicht lange am Markt sind, im Rahmen der Umfrage allzu optimistisch die eigene Leistungsfähigkeit im prozessual herausfordernden Stadtwerkeumfeld einschätzen.

„Aber wir sind nicht angetreten, um zu werten“, stellt Schöbe klar. Dokumentieren, vergleichbar machen und auf diese Weise Transparenz schaffen − das seien die Ziele der BEMD-Umfrage. Deshalb urteilt er auch nicht über die Messstellenbetreiber und ERP-Systemanbieter, die seit Monaten miteinander um die Anbindung von Gateway-Administrationssystemen (GWA) ringen. Auffällig sei aber, dass einige Softwarehersteller hier eine eigene Strategie verfolgen.

Seine Beobachtung deckt sich mit den Erfahrungen von Messstellenbetreibern, dass bestimmte ERP-Systeme mit bestimmten Gateway-Administrationssystemen erhebliche Schwierigkeiten haben und mit anderen besonders gut kompatibel sind. Es liegt nahe, hier an die GWA-Systeme zu denken, die entweder von Tochtergesellschaften von ERP-Anbietern stammen oder zumindest in enger Kooperation entwickelt wurden.
 
Starkes Wachstum im Partnersegment geplant
 
„Da die Anbindung ein so wesentliches Thema ist, haben wir natürlich abgefragt, für welche GWA-Systeme die Softwarehersteller jeweils Schnittstellen haben“, sagt Schöbe. Den sich daraus ergebenden Gesamteindruck bezeichnet er als „durchwachsen“. Nur wenige Anbieter könnten alle oder zumindest die Mehrheit der acht GWA-Systeme (Bosch, Fröschl, Tremondi, Robotron, NRI, BTC, Görlitz und Thüga) anbinden. Einige zeigten sich allerdings bereit, entsprechende Pilotprojekte aufzusetzen.

Zu den 380 Kriterien, die im Rahmen der Transparenzoffensive abgefragt wurden, gehört diesmal auch die Zahl der Marktlokationen, die mit den einzelnen Softwarelösungen abgerechnet werden. „Mit dieser Angabe bekommt man ein gutes Bild über die Marktdurchdringung der verschiedenen ERP-Systeme“, erklärt Schöbe. Und eine weitere neue Kategorie gibt nach seiner Überzeugung wertvolle Hinweise auf die strategische Ausrichtung eines Anbieters und seine Ambitionen im Markt: die Partnerstrategie.

Sieben der 22 Anbieter haben angegeben, das Partnersegment stark erweitern zu wollen. Damit folgen sie dem Beispiel von SAP, die sich über viele Jahre ein großes Netzwerk mit Beratungs-, Implementierungs- und Hosting-Partnern aufgebaut hat. Sich ein offensichtlich erfolgreiches Modell als Vorbild zu nehmen, liegt nahe − gerade in Zeiten, in denen hin und wieder Meldungen im Markt kursieren, dass sich der eine oder andere Versorger von SAP abwendet.

Noch in der Umfrage von 2019 hatte der BEMD die Abrechnung einzelner Produkte und Dienstleistungen nach seinem eigenen Standardleistungsverzeichnis erfasst. Dieser Ansatz wurde nun durch ein Referenzmodell für die Marktrollen Netzbetreiber, Lieferant und Messstellenbetreiber ersetzt. „Damit haben wir eine Art Prozesslandkarte für die einzelnen Marktrollen geschaffen“, erläutert Schöbe. Die Softwarehersteller waren aufgefordert zu benennen, welche der vorgegebenen 79 Lieferantenprozesse, der 68 Prozesse im Netzbereich und der 52 Prozesse im Messstellenbetrieb sie bedienen. „Damit können wir marktrollenscharf angeben, zu welchem Prozentsatz ein Anbieter mit seiner Lösung beispielsweise die Marktrolle Messstellenbetreiber abdeckt“, so der AG-Leiter.

Schöbe und seine Kollegen beim BEMD wollen die Prozesslandkarte weiterentwickeln und verfeinern, um künftig ein noch detailliertes Bild von der Leistungsfähigkeit der ERP-Systeme am Markt zu erhalten. Denn schließlich werden die Anforderungen an die Abrechnungssoftware immer komplexer. Gerade im Umfeld der „Home-Energie“, wie der AG-Leiter das Zusammenspiel von PV-Anlage, Ladestation und Speicher im Keller nennt, entstehen neue Prozesse, die für Energieversorger künftig zu den alltäglichen Aufgaben gehören und abgebildet werden müssen.
 
Legacy-Systeme decken bestimmte Funktionen ab
 
Ein umfassendes Referenzmodell sei noch eine Zukunftsvision, sagt er und weist darauf hin, dass damit Lösungen für einzelne Funktionen abgefragt werden. Dass diese Lösungen nicht alle aus einer Hand kommen müssen, war den Spezialisten vom BEMD bereits 2019 aufgefallen. Damals hatte sich ein sehr ausgeprägter Wunsch nach Flexibilität bei den Versorgern gezeigt, der sich in der Regel in einer modularen Beschaffungsstrategie niederschlägt. Vor allem zwei Gründe gibt es dafür:

Einerseits gibt es bei Versorgern sogenannten Legacy-Systeme, die schon seit Jahren verlässlich bestimmte Funktionen abdecken. Verantwortliche scheuen sich davor, die bewährte Lösung zu ersetzen und ergänzen sie lediglich durch einzelne Module, um etwa neue Geschäftsmodelle einführen oder regulatorischen Vorgaben nachkommen zu können. Andererseits haben Anwender die Erfahrung gemacht, dass einzelne Module gerade von neuen Anbietern sehr schnell, kostengünstig und durchaus maßgeschneidert zu Verfügung gestellt werden können. „Oder sie wollen einfach die jeweils beste am Markt erhältliche Lösung nutzen“, ergänzt Schöbe.

Diesem Trend zum Multi-Sourcing trägt der BEMD auch in der jüngsten Transparenzinitiative mit der Kategorie „Plattformfähigkeit“ Rechnung. Hier werden Kriterien wie Modularität, Mandantenfähigkeit und Transparenz des Datenmodells betrachtet. Für Schöbe war es wenig überraschend, dass sich am Ende gezeigt hat: Alle IT-Anbieter investieren in ihre Plattformfähigkeit.
 

IT-Anbieter live erleben

Im Rahmen des BEMD-Bundeskongresses am 14. und 15. September 2022 findet das 3. Forum „IT-Lösungen: Meter to Cash“ statt. Bei der Veranstaltung in Kassel werden die vollständigen Ergebnisse der Version 3 der Transparenzinitiative Meter to Cash präsentiert. Gleichzeitig veröffentlicht der Verband dazu eine Broschüre. Interessierte haben die Gelegenheit, einige Teilnehmer der Transparenzinitiative mit Stellungnahmen zu aktuellen Entwicklungen im Energiemarkt zu erleben.
 

Fritz Wilhelm
Stellvertretender Chefredakteur
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Mittwoch, 03.08.2022, 10:12 Uhr

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