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Enerige & Management > Stadtwerke - Graue Wolken am Horizont
Bild: Jonas Rosenberger / E&M
STADTWERKE:
Graue Wolken am Horizont
Bei den Stadtwerken Emden bröckeln die beiden Hauptertragsbringer, was die Suche nach neuen Geschäftsmodellen forciert. Welche das sein werden, ist aber noch ungewiss.
 
Die Übersicht, die vor Manfred Ackermann liegt, erinnert an einen U-Bahn-Routenplan. Viele bunte Linien, Hauptachsen, Punkte, die an Haltestellen erinnern und mitreinander verknüpft sind − die optische Ähnlichkeit ist verblüffend, weil gewollt. „Das ist der digitale Entwicklungsplan für unsere Stadt“, sagt der Geschäftsführer der Stadtwerke Emden.

Ackermann, der seit 2012 auf dem Chefsessel des ostfriesischen Kommunalversorgers sitzt, hat die Digitalisierung zur Chefsache erklärt: „Das weitere wirtschaftliche Wachstum, die Lebens- und Wohnqualität und nicht zuletzt auch die angestrebte Klimaneutralität sind ohne eine umfassende Digitalisierung nicht möglich.“ Und nicht nur das: Einem mittelgroßen Kommunalversorger in einer Stadt wie Emden mit gut 50.000 Einwohnern eröffne die Digitalisierung neue Geschäftsmöglichkeiten, lautet sein Credo.

Der Stadtwerkechef gehört zu den Initiatoren der Emden Digital GmbH, die der Seehafenstadt an der Ems genau diesen Weg ebnen soll. Ein Prozess, der läuft. Immerhin sind schon 30 % der Emder Haushalte an das Glasfasernetz (O-Ton Ackermann: „Das absolute Muss, ohne dem geht es gar nicht") angeschlossen, die Kundenabschlüsse liegen allerdings noch nicht in dieser Höhe.

Emdens „digitale Daseinsvorsorge hinterm Deich“ wird auch bundesweit wahrgenommen. Beim „Smart-City-Ranking Deutschland 2020“ von der Unternehmensberatung Haselhorst Associates, die rund 400 der bundesweit größten Städte mit über 30.000 Einwohnern untersucht hat, landete Emden auf Rang 27. Klein, aber oho. Manfred Ackermann: „Diese gute Platzierung ist für uns eine Bestätigung unserer bisherigen Aktivitäten.“

50 Mio. Euro wird der Ausbau des Glasfasernetzes kosten

Dass der Weg zu einem digitalen Emden 2.0 noch lang sein wird, weiß Ackermann. Und durchaus nicht preiswert. Nach derzeitigem Stand wird der ostfriesische Kommunalversorger bis Ende dieser Dekade rund 50 Mio. Euro in das vorgesehene etwa 600 Kilometer lange Glasfasernetz investieren.
 
In Emden mit seiner bundesweit bekannten Kunsthalle hat auch der Chef der Stadtwerke, Manfred Ackermann, moderne Malerei an der Wand im Büro hängen
Bild: Stadtwerke Emden GmbH

Viel Geld, das nach finanziellen Partnern schreit. Denn Ackermann macht kein Geheimnis daraus, dass ihm seine beiden bislang größten Ertragsbringer, die Einnahmen aus der Vergütung für den Windstrom sowie aus dem Erdgasverkauf, in den kommenden Jahren kontinuierlich abschmelzen.

Was Emdens Stadtkämmerer die Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Mit dem Plus aus dem Energiegeschäft haben die Stadtwerke, die gesellschaftsrechtlich unter dem Dach der Wirtschaftsbetriebe Emden GmbH „stecken“, bislang immer das Minus von deren weiteren Tochterunternehmen wie den Bädern, dem ÖPNV, dem Parkhaus oder dem kleinen Flugplatz mehr als ausgeglichen: „Das wird schon bald so nicht mehr möglich sein“, gibt Ackermann zu bedenken. Bei einem Umsatz von gut 70 Mio. Euro hatte das ostfriesische Stadtwerk zuletzt (2019) ein operatives Ergebnis von 7,8 Mio. Euro erwirtschaftet, nach Steuern und weiteren Abzügen blieben knapp 3 Mio. übrig. Zahlen, die eins zeigen: Der Topf, um kommunale Löcher zu stopfen, ist nicht unendlich groß.

Ackermanns Worte sind längst keine leere Drohung mehr, die Einnahmeausfälle bei der Windenergie und beim Erdgas sind real. Im Baugebiet Conrebbersweg West, mit rund 500 Wohneinheiten demnächst das größte lokale Neubauvorhaben seit Jahren, wird es nicht eine einzige Gastherme geben: „Geheizt werden soll komplett über Wärmepumpen, die einen Teil ihres Stroms von den auf den Dächern vorgesehenen Photovoltaikanlagen nutzen“, beschreibt Ackermann das angedachte Versorgungskonzept. Der Trend „weg vom Gas“ werde sich weiter fortsetzen, hinzu kämen immer höhere Anforderungen bei der Wärmedämmung von Gebäuden.

Große solare Freiflächenanlage mit 50 MW Leistung wird geprüft

Ein weitaus gewichtigeres Konzept, nämlich das sogenannte integrierte Klimaschutzkonzept, sieht vor, dass die Seehafenstadt ihre lokale Stromversorgung bis zum Jahr 2030 vollständig auf Ökoenergien umstellt − was nur mit der Windenergie zu schaffen ist. Dass die Emder Stadtwerke bereits seit den 1990er-Jahren ganz gezielt eigene Windturbinen betreiben, hat sie im Kreis der Kommunalversorger zwar in eine oft beneidete Pionierrolle katapultiert, knabbert heute aber an den EEG-Vergütungen: „Wir haben die ersten Ü20-Windturbinen im Portfolio, bei denen die Einspeisetarife deutlich unter dem bisherigen Niveau liegen“, erklärt Ackermann. Auf Emder Stadtgebiet ist derzeit eine Windkraftleistung von rund 120 MW in Betrieb, wovon rund ein Drittel direkt oder über Beteiligungen zum Portfolio der Stadtwerke gehört - und der Altersdurchschnitt dieses Portfolios steigt und steigt.

Da der Bau neuer Windparks angesichts aufwendiger Flächenakquise und langwieriger Genehmigungsverfahren Jahre dauert, prüfen die Stadtwerke derzeit den Ankauf von sogenannten Bestandsanlagen: „Damit hätten wir den Vorteil, zumindest für acht oder zehn Jahre noch von den höheren EEG-Vergütungen profitieren zu können“, sagt Ackermann zu den Motiven. Der Stadtwerkechef weiß aber zu genau, dass weitere Kommunalversorger, Fondsgesellschaften oder andere Finanzinvestoren den gleichen Weg eingeschlagen haben − die Konkurrenz ist groß.

Neben den Bestandsanlagen ruhen nicht wenige Hoffnungen der Stadtwerke im Windsektor auf einem Repowering-Vorhaben im XXL-Format. Der kurz nach der Jahrtausendwende eingeweihte Windpark Wybelsumer Polder entlang der Außenems ist in die Jahre gekommen. Bei seinem Start war das Projekt auf Emder Stadtgebiet der bundesweit größte Binnenlandwindpark mit über 60 MW, einer Kapazität, die in den Folgejahren auf rund 100 MW ausgebaut worden ist.

Zusammen mit zwei namhaften Energieunternehmen aus dem Nordwesten haben die Emder Stadtwerke jüngst eine Gesellschaft aus der Taufe gehoben, um das Repowering gemeinsam anzupacken. Statt der damals installierten Anlagen vom Typ Enercon E-66 mit 1,5 MW Leistung wird das Joint Venture sicherlich auf die neue XXL-Anlagengeneration mit 5 MW und mehr zugreifen, sprich mehr Leistung und wesentlich mehr Ertrag. Wie viele Windturbinen mit welcher Gesamtkapazität es werden, ist noch völlig offen. Ackermann: „Das werden die Feinplanungen zeigen.“

Es wird aber noch einiges Wasser die Ems Richtung Nordseemündung fließen, bis dieser repowerte Windpark in Betrieb geht. Um zwischenzeitlich die Einnahmedelle im Ökostromportfolio nicht zu groß werden zu lassen, will der Stadtwerkechef den Solarausbau vorantreiben − und zwar im großen Stil: „Wir prüfen derzeit, ob die Flächen entlang der Bundesautobahn A31, die sich zum Teil durch Emder Stadtgebiet zieht, nicht für große Freiflächenanlagen zu nutzen sind.“ Nach ersten Abschätzungen ist bei Emdens größtem Solarprojekt aller Zeiten eine Leistung von bis zu 50 MW möglich. „Ich gehe davon aus, dass wir −, wenn alles klappt − diesen Solarpark eher am Netz haben als das Repowering-Projekt im Wybelsumer Polder.“

Noch bei einer anderen Prognose ist sich der gebürtige Westfale Ackermann ziemlich sicher: „Bei unseren Einnahmen wird es in absehbarer Zeit nicht mehr die zwei großen Säulen Windstromerzeugung und Erdgasverkauf geben, sondern viele kleine Säulen, die größtenteils untereinander vernetzt sein werden.“ Die spannende Frage, und das betrifft die Stadtwerkelandschaft hierzulande insgesamt, werde sein, welche neuen Einnahmeposten es künftig geben wird. „Die Suche nach neuen Geschäftsmodellen wird ein Dauerbrenner sein, nicht nur bei uns hinterm Deich“, betont Ackermann. Erst einmal, das ist ihm klar, werden demnächst ziemlich viele graue Wolken für sein Stadtwerk am Horizont vorbeiziehen.
 

Ralf Köpke
© 2022 Energie & Management GmbH
Montag, 03.05.2021, 13:51 Uhr

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