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Enerige & Management > Stromnetz - Gesundheitsgefahren durch Netzausbau klären
Bild: Peter Holz
STROMNETZ:
Gesundheitsgefahren durch Netzausbau klären
Durch ein breit angelegtes Forschungsprogramm soll mehr Klarheit über die Auswirkungen von elektromagnetischer Strahlung von Hochspannungsleitungen gewonnen werden.
 
Beim geplanten Netzausbau treibt die Bürger neben dem Landschafts- und Naturschutz vor allem eine Sorge um: Die Furcht vor Gesundheitsschäden durch die Leitungen. Das weiß auch der Präsident der Bundesnetzagentur Jochen Homann: „Elektromagnetische Strahlung ist ein wichtiges Thema. Es gibt keine Veranstaltung zum Netzausbau, bei der dies nicht einen großen Raum einnimmt“, sagte er auf einer Veranstaltung zum Auftakt des Forschungsprogramms „Strahlenschutz beim Stromnetzausbau“ in Berlin.

„Die Bürger erwarten Antworten auf die Langzeitauswirkungen“, so Homann. Das bestätigt auch Peter Ahmels von der Deutschen Umwelthilfe, der im Rahmen des „Bürgerdialog Stromnetz“ vielfältige Gespräche mit Bewohnern der betroffenen Regionen geführt hat. Doch weiß man bisher noch zu wenig über die tatsächlichen Wirkungen der Strahlung auf die menschliche Gesundheit. Zwar gibt es einige, vor allem internationale, Studien, doch widersprechen sie sich teilweise.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) will nun in einem auf sechs Jahre angelegten Forschungsprogramm in 35 Projekten die Gesundheitsrisiken erforschen. Insgesamt 18 Mio. Euro sind dafür veranschlagt. „Wir sind überzeugt, dass wir alle gut gesichert sind durch die gesetzlichen Regelwerke“, sagt BfS- Präsidentin Inge Paulini. In der 26. Bundesimmissionsschutz-Verordnung sind Grenzwerte festgelegt, die aus Vorsorgegründen teilweise sehr viel niedriger angesetzt sind, als die Werte, bei denen es eine nachgewiesene Wirkung gibt.

Löst die Strahlung Alzheimer und Leukämie bei Kindern aus?

So gelte etwa für Niederfrequenzanlagen (zwischen 1 Hz und 9 kHz) statt 200 Mikrotesla ein Grenzwert von 100 Mikrotesla, weil es außer den Leitungen noch andere Quellen für elektromagnetische Strahlen (etwa im Haushalt) gibt. Und neue 220 kV-Leitungen mit einer Frequenz von 50 Hz dürfen nicht über Wohngebäuden errichtet werden, erläutert Birgit Keller aus dem Bundesumweltministerium. Zudem gelten Mindestabstände von der Wohnbebauung, bei einem 380 kV-Erdkabel sind das zum Beispiel 100 m, bei einer HGÜ-Freileitung 400 m. „Wir sind europaweit Vorreiter bei der Vorsorge und Minimierungspflicht“, so Keller.

Dennoch gibt es Anhaltspunkte für gesundheitliche Auswirkungen, zu denen weitere Forschungsbedarf besteht. Dazu gehört die Frage, ob es einen Zusammenhang von sogenannten niederfrequenten Magnetfeldern mit Krankheiten wie Demenz, Parkinson oder ALS gibt, und ob sie bei Kindern das Risiko für Leukämie erhöhen können. „Es gibt bereits seit 1979 durchaus konsistente Hinweise für das Leukämierisiko“, sagt BfS-Expertin Gunde Ziegelberger. Bereits im Jahr 2000 habe die der Weltgesundheitsporganisation zugeordnete internationale Agentur für Krebsforschung (IACR) solche Magnetfelder als „möglicherweise kanzerogen (krebserregend)“ eingestuft. Allerdings sei angesichts niedriger Fallzahlen bei Leukämie von Kindern und der Komplexität von Risikofaktoren der Nachweis eines Zusammenhangs zur Strahlung schwierig.

Lungenkrebs durch Entladungen an den Leitungen?

Erforscht werden sollen zudem Wahrnehmungs- und Wirkungsschwellen verschiedener Arten von elektrischen und Magnetfeldern. Dass etwa niederfrequente Felder Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem haben, ist nachgewiesen. So kann es ab gewissen Werten zu Seh- und Gleichgewichtsstörungen kommen. Auch können etwa statische Magnetfelder zu Schwindel führen.

Eine sehr wichtige Frage, die untersucht werden soll, ist die Wirkung der sogenannten „Korona-Entladungen“. Das sind elektrische Entladungen an den Isolatoren der HGÜ-Leitungen, die dazu führen, dass sich Luftmoleküle oder Staubteilchen in der Umgebung der Leitungen ionisieren. Sie können mit dem Wind (als „Wolke“) bis zu Hunderten von Metern weiter getragen werden und mit der Atemluft in die menschliche Lunge gelangen. „Kernfrage ist hier, ob es zu Lungenkrebs durch erhöhte Schadstoffablagerung kommen kann“, sagt die BfS-Wissenschaftlerin Blanka Pophof. Sie konstatiert: „Insgesamt haben wir bisher eine schwache Datenlage zu den Wirkungen von HGÜ-Leitungen.“

Kombination von Wechsel- und Gleichstromleitung unerforscht

Oliver Leuker vom „Aktionsbündnis gegen das Ultranet begrüßt, dass mit den Forschungsprojekten einer „langjährigen Forderung der Bürgerinitiativen endlich Rechnung getragen wird“. Er verweist aber noch auf weiteren Forschungsbedarf. Das „Ultranet“, bei dem der Netzbetreiber Amprion als weltweit erstes Pilotprojekt eine bestehende Wechselstromleitung mit einer Gleichstromleitung in einer Hybrid-Freileitung kombinieren will, „ist ein Experiment über unseren Köpfen“, sagt Leuker. Denn zum einen gebe es keinen Mindestabstand, die Leitung verlaufe über viele Wohngebiete. Zum anderen gebe es keine Erkenntnisse zu den Wechselwirkungen und den gesundheitlichen Auswirkungen eines solchen Technologiemixes in einer Leitung. „Das Problem sind nicht die bekannten Wirkungen, sondern die unbekannten“, betont Leuker. Das habe sich in der Vergangenheit bei den Folgen von Contergan, Asbest und DDT gezeigt.

Möglicherweise könnten Grenzwerte aufgrund neuer Erkenntnisse durch die Forschungsvorhaben verändert werden, deutete BfS-Präsidentin Paulini an. Was die Einhaltung der bestehenden Grenzwerte bei den neuen Leitungen anbelangt, so will sich BNetzA-Präsident Homann jedenfalls nicht allein auf die Angaben der Netzbetreiber verlassen. „Solche Abschalteinichtungen wie bei Dieselfahrzeugen werden wir nicht zulassen“, betont er und kündigt an, seine Behörde werde zumindest punktuell ihren „eigenen Messdienst losschicken“. Und Homann sagt, er habe auch kein Problem damit, die Messergebnisse zu veröffentlichen.
 

Angelika Nikionok-Ehrlich
Redakteurin
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Dienstag, 11.07.2017, 17:26 Uhr

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