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MOBILITÄT:
Geborstene Hoffnungen
Die Gaswirtschaft baut weiter darauf, dass sich der Erdgasantrieb aus Klimaschutzerwägungen doch noch durchsetzt – nach einem Tankunfall in Niedersachsen wird das nicht einfacher.
 
Knapp 100 000 Erdgasautos auf deutschen Straßen sind trotz deutlicher Umweltvorteile immer noch Randerscheinungen des Verkehrs – im September kamen sie dennoch unverhofft zu großer Publicity. Die Bilder von einem beim Betanken schwer beschädigten Erdgasauto an einer Aral-Tankstelle im niedersächsischen Duderstadt und von daraufhin gesperrten Erdgaszapfsäulen in ganz Deutschland schafften es am 15. September bis in die 20-Uhr-Tagesschau.

Doch freuen konnte sich über diese Art von öffentlicher Aufmerksamkeit niemand. So mancher Gasversorger, der Tankstellen mit Erdgas beliefert und dabei seit Jahren wegen der geringen Verbreitung von Erdgasautos mit bescheidenen Erlösen zufrieden sein muss, übte sich ob der Schreckensmeldung in Sarkasmus. Vom endgültigen Todesstoß für Erdgasmobilität war die Rede.
 
Zahlreiche Erdgastankstellen waren im September wegen eines Tankunfalls in Duderstadt nicht oder nur eingeschränkt nutzbar
Bild: E&M

Einige Optimisten hegen indes noch die Hoffnung, die Horrornachricht aus Duderstadt könnte zum Weckruf für den seit langem zu wenig beachteten Kraftstoff Erdgas werden. Derlei Erwartungen hatten in den Tagen vor dem Tankunfall sogar noch einmal neue Nahrung erhalten. „Wir freuen uns, dass sich das Bundeswirtschaftsministerium klar zum Ziel des Ausbaus von Erdgas als Kraftstoff bekennt“, kommentierte Timm Kehler, Vorstand der Brancheninitiative Zukunft Erdgas, am 7. September einen entsprechenden Vorstoß aus dem BMWi.

Dessen Staatssekretär Rainer Baake hatte nach einem Runden Tisch mit Wirtschaftsvertretern das Ziel ausgegeben, den Erdgasanteil am Energieverbrauch im Verkehr bis 2020 auf vier Prozent zu erhöhen – aktuell liegt er bei etwa 0,35 Prozent. Die Bundesregierung werde in Kürze die Verlängerung der Steuerermäßigung auf Gas als Kraftstoff beschließen, versprach Baake. Sie soll den Kraftstoffpreis günstig halten und zum Kauf von Erdgasautos anregen. Die Erdgasmobilität soll zum Bestandteil der Energiewende im Verkehr werden, so das Signal.

Schnelle Klimaschutzerfolge im Verkehr möglich

Dahinter steht offenbar die Überlegung, Erdgas könnte als CO2-ärmerer Ersatz für Benzin und Diesel rasch einen Teil der Klimaschutzaufgaben übernehmen, die eigentlich der Elektromobilität zugedacht waren. Dass diese angesichts von enttäuschend wenigen 3 000 Anträgen auf die Kaufprämie für Elektroautos in den ersten zwei Monaten seit deren Einführung nicht so schnell vorankommt wie erhofft, scheint auch dem BMWi klargeworden zu sein.

Obwohl die Gasbranche vom ministeriellen Vorstoß ein wenig überrascht war − Baake gilt nicht als Freund des Erdgases und will den Energieträger beispielsweise schon ab 2030 aus dem Wärmemarkt drängen –, zeigte sie sich darüber erfreut. Kehler bewertete die Äußerungen aus dem Ministerium „als starkes Signal, im Verkehrsbereich etwas bewegen zu wollen. Ich glaube, dass Baake da wirklich den Schalter umlegen will, nachdem der CO2-Ausstoß aus dem Verkehrssektor seit 1990 nicht zurückgegangen ist.“

Auch Kristina Haverkamp, Geschäftsführerin der Deutschen Energie-Agentur (Dena), die eine Wirtschaftsinitiative zur beschleunigten Markteinführung von Erdgas und Biomethan als Kraftstoffe koordiniert, sprach von einem „neuen Impuls für die Erdgasmobilität“. Und der ist auch dringend erforderlich. Denn Erdgasautos fahren in Deutschland immer mehr ins Abseits; ihr Bestand sank 2015 nach Dena-Angaben um 1,8 Prozent auf rund 98 000. Der negative Trend setzte sich auch im ersten Halbjahr 2016 fort. Ob es nun mit stärkerer ministerieller Unterstützung gelingt, Autofahrer in größerem Umfang von Vorteilen der Erdgasmobilität zu überzeugen, wird sich zeigen.

Der Unfall in Duderstadt war dafür sicherlich nicht hilfreich. Seine dringend erforderliche Aufklärung lässt indes etwas zu wünschen übrig. Noch Tage nach dem Tankunfall warteten Autofahrer und Gasbranche auf eine Erklärung des Herstellers VW, wie er das Problem mit korrosionsanfälligen Tankflaschen in zahlreichen Erdgasfahrzeugen rasch und zuverlässig zu lösen gedenkt. Eine vermutlich wegen Korrosion geborstene Tankflasche war die Ursache für den Unfall.

„Klar ist für uns, dass der Unfall ein singuläres technisches Problem war“, versuchte Kehler den Vorfall zu relativieren, um den Imageschaden für die Erdgasmobilität geringzuhalten. Wenn der Besitzer des Autos der Rückrufaufforderung von VW Folge geleistet hätte, wäre nichts passiert. „Wir sehen deshalb keinerlei Anlass, grundsätzlich an der Sicherheit der Erdgasautos und der Tankstellen zu zweifeln“, so Kehler weiter.

Tankstellen sind zu wenig ausgelastet

Mehr Erdgasautos auf der Straße, wie vom Wirtschaftsministerium gewünscht, könnten auch dabei helfen, das mit hohem Aufwand geschaffene Netz von gut 900 Erdgastankstellen zu erhalten. Viele davon waren zuletzt nicht wirtschaftlich. „Wenn die Erdgasmobilität nicht stärker in Fahrt kommt, befürchten wir, dass sich Betreiber zunehmend dazu entschließen, Tankstellen zu schließen“, sagt Dena-Geschäftsführerin Haverkamp.

Ihren Angaben nach gingen schon im vergangenen Jahr zehn Erdgastankstellen vom Netz, weil sie zu wenig ausgelastet waren. „Von solchen Überlegungen könnten bis zu 300 Tankstellen betroffen sein, bei denen in den nächsten Jahren eine Revision ansteht“, erwartet sie.

Dass Gasversorger ihr Tankstellengeschäft überprüfen, bestätigt die Oldenburger EWE AG, die mit rund 90 Erdgastankstellen knapp zehn Prozent des Marktes abdeckt. „Wir überprüfen regelmäßig unsere Geschäftsfelder auf ihre Wirtschaftlichkeit und derzeit auch das Geschäftsfeld Erdgas als Kraftstoff“, erklärte ein Unternehmenssprecher gegenüber E&M. Momentan sei jedoch nicht geplant, Erdgastankstellen aufzugeben. „Aktuell tendieren wir jedoch eher zur Elektromobilität“, hatte im September EWE-Vertriebsvorstand Michael Heidkamp durchblicken lassen.

Ein Zeichen für die wirtschaftlich schwierige Lage der Erdgastankstellen ist auch die seit dem letzten Jahr feststellbare Konsolidierung in diesem Geschäft. Gazprom Germania übernahm Erdgastankstellen von VNG, Mitgas, Entega sowie EnBW und plant weitere Neuerwerbungen. Nach Einschätzung von Zukunft Erdgas wird sich die Konsolidierung weiter fortsetzen.

Damit auch das Tankstellengeschäft zum Erfolg wird, muss Baakes Vorstoß, der auch vom Bundesverkehrsministerium unterstützt wird, zum Erfolg geführt werden. Mit der Erdgasmobilität könnte die Politik beweisen, dass es ihr gelingt, Verbraucher dazu zu bringen, die Energiewende im Verkehr nicht nur in Umfragen zu fordern, sondern trotz niedriger Benzin- und Dieselpreise tatsächlich anzugehen.

„Man muss möglichst schnell anfangen, auf alternative Kraftstoffe umzustellen und da ist Erdgas eine sofort verfügbare und kostengünstige Variante, um Treibhausgasemissionen zu verringern und Luftschadstoffe wie Feinstaub zu vermeiden“, appelliert Haverkamp, diese Aufgabe rasch anzugehen. Mehr als ein Mosaikstein für mehr Klimaschutz im Verkehr kann die Erdgasmobilität indes angesichts des großen Nachholbedarfs in diesem Bereich nicht sein.
 
 
Fakten zur Erdgasmobilität
Aktuell kann an etwa 900 deutschen Tankstellen Erdgas getankt werden. Der an den Erdgaszapfsäulen verkaufte Kraftstoff enthält nach Informationen der Initiative Zukunft Erdgas im Schnitt etwa 20 Prozent Bioerdgas. Damit verursachen Erdgasautos rund 30 Prozent weniger CO2-Emissionen als Benziner und 20 Prozent weniger als Diesel. Der Ausstoß von Stickoxid ist um bis zu 90 Prozent, der Ausstoß von Feinstaub um mehr als 99 Prozent niedriger als bei Dieselfahrzeugen.
 

Peter Focht
Redakteur
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Dienstag, 04.10.2016, 09:13 Uhr

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