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Quelle: Shutterstock
E-WORLD:
Gasnetz: Der Ernstfall kommt näher
Bei einer Podiumsdiskussion im Vorfeld der E-world in Essen plädierten Netzbetreiber für klare Regeln bei einer Gasmangellage.
 
„Wir gehen aktuell unsere Kundenlisten durch, und prüfen, wo wir möglichst schadlos Erdgas einsparen können“, sagte Eon-Vorstand Thomas König, dort zuständig für die Energienetze, bei einer Podiumsdiskussion beim „Führungstreffen Energie“ der Süddeutschen Zeitung in Essen. Viele Kunden wüssten gar nicht, was eine Gasmangellage, also ein noch größerer Einbruch bei der Gasversorgung aus Russland, für sie bedeuten würde. Und erstaunlich sei auch, was alles unter Systemrelevanz falle. König nannte als Beispiel einen Betrieb für Tierkadaververwertung, der von Eon mit Erdgas beliefert wird. „Schalten sie diesen ab, haben sie möglicherweise bald eine Seuchenproblem.“ 

König räumte ein, dass die Branche strukturell auf lange Ausfälle der Erdgasversorgung nicht eingestellt sei. Er forderte alle Beteiligten auf, sich auf eine Gasmangellage und mögliche Abschaltungen von Industrieunternehmen einzustellen. Und auch das ist für König klar. An den Märkten sehe man erst den Anfang von langen Preissteigerungen. Sein Fazit: „Die Lage ist ernst.“

Systemrelevanz eindeutig klären

Torsten Maus, Vorsitzender der Geschäftsführung des Netzbetreibers EWE Netz, forderte konkrete Regelungen für den Einsatz von Erdgas in der aktuellen Situation. Prinzipiell sei das Unternehmen EWE ganz gut vorbereitet, der Kontakt zu den Kunden sei eng. Aber Maus fordert auch im Fall einer Gasmangellage: „Wir brauchen ganz klare Spielregeln.“ So müsse eindeutig geklärt sein, wer systemrelevant sei und wer nicht. Denn: „Der Ernstfall kommt näher.“

Udo Sieverding, Bereichsleiter Energie bei der Verbraucherzentrale NRW, fürchtet in diesem Zusammenhang, es werde in der aktuellen Diskussion zu viel auf die privaten Haushalte abgewälzt. Diese seien für rund 30 % des Gasverbrauchs verantwortlich, weitere 30 % entfallen auf die Industrie. Was ihn wundere sei, dass der Handel und Gewerbe, der ebenfalls 30 % verbrauche, in der Diskussion kaum vorkomme.
  Ein weiterer Punkt in der Diskussion war die Refinanzierung der Energienetze in der Zukunft. Die Frage war hier, ob in Zeiten von steigenden Zinsen und Inflation eine Absenkungen der Eigenkapitalverzinsung der Netzbetreiber durch die Bundesnetzagentur noch passend sei. 

Hier kritisierte Verbrauchervertreter Sieverding, dass die Branche, nach Jahren üppiger Zinsen, sofort eine neue Anpassung der Eigenkapitalzinsen fordere, wenn die Finanzierung an der Kapitalmärkten sich verteuere. „Das ist nicht in Ordnung.“ Es gehe um die Verhältnismäßigkeit. Die Branche sollte auch ein wenig in sich selbst reinschauen, so Sieverding.
 
Thomas König, Torsten Maus und Udo Sieverding (v.l.) diskutierten
Quelle: E&M / Stefan Sagmeister

EWE-Manager Maus konnte dieser Argumentation nicht folgen. Es werde ein massiver Ausbau des Netzes gefordert. Bei dem jetzigen Zinsniveau hätten die Netzbetreiber in Zukunft „ernsthafte Schwierigkeiten, an das Kapital zu bekommen“. Zudem würden die Netzbetreiber auch von der hohen Inflation getroffen, da auch für sie die operativen Kosten durch höhere Preise steigen würden. 

Eon-Vorstand König verwehrte sich auch gegen die These, die Ausstattung der Netzbranche mit Geld sei teuer für die Kunden: Eine Eigenkapitalzinsänderungen um 1 % mache bei einem durchschnittlichen Haushaltskunden lediglich 5 Euro im Jahr aus. „Die 5 Euro sind gut investiert! Unsere Netze sind herausragend weltweit. Ich möchte nicht, dass wir als Branche kaputtgespart werden, wie es aktuell bei den Straßen und Brücken passiert.“

Der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, der online dazugeschaltet war, äußerte Verständnis für die Argumente der Netzbetreiber. Ein Regulierungsregime sei nicht in Stein gemeißelt. „Eine gute Regulierung muss veränderte Regeln auch aufnehmen.“ Konkreter wurde er allerdings nicht.
 

Stefan Sagmeister
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Montag, 20.06.2022, 17:52 Uhr

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