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Enerige & Management > Windkraft Offshore - Fünf-Jahres-Loch auf See voraus
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WINDKRAFT OFFSHORE:
Fünf-Jahres-Loch auf See voraus
Die Bundespolitik hat den Ausbau der Offshore-Windenergie lahmgelegt. Bis es ab 2025 wieder kontinuierlich aufwärts geht, setzen die heimischen Unternehmen auf Geschäfte im Ausland.
 
Anfang Februar dürften bei Siemens Gamesa wieder einmal die Sektkorken geknallt haben. Scottish Power Renewables hatte angekündigt, für den ersten Bauabschnitt des gigantischen Offshore-Windparks East Anglia Hub gleich 200 Anlagen von der neuen 14+-MW-Maschine bestellen zu wollen.

Dieser noch zu finalisierende Auftrag passt beinahe wie bestellt zu den Worten, die Pierre Bauer wenige Tage zuvor kundgetan hat: „Wir liefern unsere Anlagen in die ganze Welt, nur nicht nach Deutschland.“ Bauer hat einen formidablen Überblick, was sich bei der Windkraftnutzung auf See tut: Bei dem deutsch-spanischen Gemeinschaftsunternehmen ist er für die Finanzen der Offshore-Windsparte verantwortlich. Danach hat Siemens Gamesa, nach wie vor weltweit größter Lieferant von Offshore-Windturbinen, für die deutschen Gewässer bis 2025 nur einen einzigen Auftrag vorliegen: 38 Anlagen mit je 9 MW Generatorleistung für das Projekt Kaskasi von RWE Renewables.
 
Im vergangenen Jahr gab es in deutschen Gewässern kaum Baustellen für neue Offshore-Windparks
Bild: Trianel

Nicht viel. Sogar noch weniger Hochseewindkraftwerke weist die von mehreren Verbänden organisierte Aufbaustatistik für 2020 aus, nämlich 32 Anlagen mit zusammen 219 MW Leistung. Eine wahrlich traurige Bilanz, die noch geschönt ist: Denn der Start beider vom Zahlenwerk erfassten Projekte, das EnBW-Vorhaben Albatros sowie die zweite Baustufe von Trianels Seekraftwerk Borkum, hätte eigentlich schon 2019 erfolgen sollen. In der Statistik wäre also eine Null zu erwarten gewesen.

In diesem Jahr wird nun wirklich keine einzige Offshore-Windturbine vor den deutschen Küsten neu in Betrieb gehen. Und die Aussichten für die kommenden Jahre sind auch nicht besser: Für 2022 will RWE Renewables in der Nordsee mit dem 342-MW-Meerwindkraftwerk Kaskasi loslegen, im Jahr darauf folgt der belgische Projektentwickler Parkwind mit Arcadis Ost 1 in der Ostsee − mit einer Leistung von 257 MW auch ein eher kleineres Projekt. Bis 2025 umfasst das von der Politik festgelegte Ausbauvolumen, für das es 2017 und 2018 zwei Ausschreibungsrunden gegeben hatte, lediglich gut 3.100 MW.

Deshalb spricht Siemens-Gamesa-Manager Bauer von „einem Fünf-Jahres-Loch, das der deutschen Offshore-Windbranche bevorsteht“. Die Konsequenz für den hierzulande einzig verbliebenen Hersteller von Offshore-Windturbinen lautet deshalb: „Wir produzieren für den Weltmarkt und setzen voll auf die Internationalisierung.“ In Cuxhaven und im dänischen Brande fertigt Siemens Gamesa derzeit jährlich Windturbinen mit einer Leistung von mehr als 2.000 MW, so Bauer.

Cuxhaven ist, prosaisch ausgedrückt, zum letzten Mohikaner der Anfang dieses Jahrtausends mit viel Pioniergeist gestarteten deutschen Offshore-Windindustrie geworden. Ob in Emden, Bremerhaven oder an der mecklenburgischen Ostseeküste haben eine Reihe von Wirtschaftsförderern große Hoffnungen in den noch jungen Wirtschaftszweig gesetzt. Ihnen allen hat die wenig stringente Politik aus dem Berliner Regierungsviertel einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der jetzt viel beklagte Fadenriss für den Ausbau auf See ist das Ergebnis der EEG-Novelle aus dem Jahr 2013. Die damalige schwarz-rote Bundesregierung kappte die Ausbauziele bis 2030 um gleich 40 % von 25.000 auf 15.000 MW. Die dafür heute hanebüchen klingende Begründung: Die auf See erzeugte kWh sei viel zu teuer und trage erheblich zu den immer teurer werdenden Strompreisen bei. 

Erst mit all den Klimapaketaktivitäten hat die Bundesregierung eine Kehrtwende auf See eingeleitet: Das im vergangenen Spätherbst nach längerem Ringen der Koalitionsfraktionen geänderte Windenergie-auf-See-Gesetz sieht nun als neues Ausbauziel 20.000 MW bis 2030 und sogar 40.000 MW bis 2040 vor. Für den zuständigen Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) Anlass genug, nur lobende Worte zu finden: „Mit ambitionierten Ausbauzielen bis zum Jahr 2040 baut Deutschland seine Vorreiterrolle im Bereich Windenergie auf See weiter aus.“

Das mit der Vorreiterrolle ist so eine Sache. Die Ausbaupläne bis 2025 sind vorerst bescheiden. Danach soll nach den Plänen der Bundesregierung allein zwischen 2026 und 2030 eine Offshore-Leistung von 9.100 MW entstehen. „Es zeichnet sich aber ab, dass die meisten dieser Projekte erst in den Jahren 2029 und 2030 gebaut werden und in Betrieb gehen“, ordnet Dennis Kruse vom Consultingbüro Deutsche Wind Guard den zu erwartenden Fortschritt auf See ein.

Was übersetzt heißt, dass die deutschen Offshore-Windunternehmen zu kämpfen haben. Nicht nur Siemens Gamesa setzt deshalb auf die Internationalisierung des Geschäfts, sondern auch ein mittelständisches Ingenieurbüro wie die B.Offshore GmbH aus Bremerhaven. Das konzentriert sich mit seinen 25 Mitarbeitern auf das Design von Gründungsstrukturen und Trafostationen. „Vom deutschen Markt allein können wir nicht leben“, betont Geschäftsführer Thomas Pontow. Neben dem verstärkten Auslandsengagement will B.Offshore nun gezielter Aufträge für „Retrofit-, Wartungs- und Betriebsaufgaben“ anpacken.
 
Zeit, dass sich auf See wieder mehr dreht: Neue Windturbinen in der deutschen Nordsee wie hier im Trianel-Projekt Borkum waren im vergangenen Jahr Mangelware
Bild: Ralf Köpke

Der Gang ins Ausland sei allerdings nicht für alle deutschen Unternehmen aus dem Offshore-Sektor möglich, sagt Heike Winkler, Geschäftsführerin des Branchennetzwerks WAB e.V.: „Wir wollen die komplette Wertschöpfungskette für Offshore-Windenergie in Deutschland halten, was zunehmend schwieriger wird.“ Wie wahr: Nach der Pleite der Ambau-Gruppe gibt es beispielsweise hierzulande bereits keinen Hersteller mehr von Türmen, die speziell für den Einsatz auf See zusammengeschweißt werden. Ihren Wunsch nach einer zusätzlichen Ausschreibung vor dem Jahr 2025, um für mehr Aufträge zu sorgen, wird die Bundespolitik vorerst kaum erfüllen. Die schwarz-roten Regierungsfraktionen sind froh, sich überhaupt auf das neue Ausbauziel von 40.000 MW bis 2040 verständigt zu haben.

Genau hinter diese Zielmarke setzt Stefan Thimm, Geschäftsführer des Bundesverbands der Windparkbetreiber Offshore (BWO): „Angesichts der Nutzungskonkurrenz beispielsweise von Fischerei und Naturschutz brauchen wir in den wegweisenden Raumordnungsplänen einen Puffer, damit künftig wirklich genügend Flächen für die Offshore-Windenergie zur Verfügung stehen.“ Eine erste Entwarnung gab Mitte Januar Karin Kammann-Klippstein. „Was jetzt bis 2040 ins Auge gefasst wird, ist aus unserer Sicht machbar“, sagte die Präsidentin des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH).

Was BWO-Mann Thimm nur bedingt beruhigt: „Die Offshore-Windbranche hält bis 2050 eine Kapazität von weit über 50.000 Megawatt für machbar und auch für die angestrebte Klimaneutralität für geboten.“ Um langfristig besser planen zu können, seien, so seine Forderung, weitere Flächen in den Raumordnungsplänen notwendig.
Was auch aus einem anderen Grund unverzichtbar ist: Die Offshore-Windbranche setzt darauf, dass künftig der auf See produzierte Strom für grünen Wasserstoff genutzt wird. „Das ist für uns ein Hoffnungsträger“, so WAB-Geschäftsführerin Winkler. Unzufrieden ist sie mit den bislang vorliegenden Entwürfen, die nur zwei kleinere Flächen für die sogenannten Energiegewinnungsgebiete in Nord- und Ostsee vorsehen. In den dortigen Windparks soll der Strom direkt für die Wasserstoffherstellung genutzt werden: „Dabei ist bislang noch keine Anbindung vorgesehen, weder mit Kabel noch mit einer Pipeline“, wundert sich Winkler.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass für die H2-Herstellung auf hoher See noch die Technik fehlt. Mitte Januar haben Siemens Gamesa und Siemens Energy angekündigt, gemeinsam in den kommenden fünf Jahren genau zwei solcher Windturbinen mit integriertem Elektrolyseur zu entwickeln. Kostenpunkt immerhin 120 Mio. Euro für eine Konstruktion, die absolut seefest sein muss, also dem salzigen Meereswasser standhalten muss. Vor dem Jahr 2030 sehe er aber nicht, dass Wasserstoff mit Offshore-Windstrom in größerem Umfang hergestellt wird, sagte jüngst Niedersachsens Umwelt- und Energieminister Olaf Lies (SPD). Der bekennende Fan der Offshore-Windenergie und von grünem Wasserstoff will das Wind-Wasserstoff-Thema vorantreiben. Mit rund 500.000 Euro fördert sein Ministerium eine Studie der Stiftung Offshore-Windenergie, mit der in den kommenden zwei Jahren Vorschläge erarbeitet werden sollen, wie die regulatorischen, ökologischen und ökonomischen Rahmenbedingungen für den grünen Offshore-Wasserstoff verbessert werden können.
Neue Offshore-Windparks, und zwar kurzfristig, wird es mit dem medial gehypten Wasserstoffthema sicherlich nicht geben. Für die heimische Offshore-Windindustrie heißt die Parole in den kommenden Jahren nur: „Durchhalten!“ E&M
 

Anlagen in deutschen Gewässern

In deutschen Nord- und Ostseegewässern sind nun 1.501 Anlagen mit zusammen 7.700 MW in Betrieb. Vor den Küsten Europas liefen Ende 2020 insgesamt 5.402 Offshore-Windturbinen mit einer Leistung von 25.014 MW. Der Zubau im vergangen Jahr lag bei 2.918 MW, das ist nach Angaben des Branchenverbands Windeuropa ein Minus von gut 20 % im Vergleich zum Vorjahr (3.623 MW).
 

Ralf Köpke
© 2021 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 18.02.2021, 14:18 Uhr

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