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Enerige & Management > Stromnetz - Flexibilisierung statt Abschalten
Bild: Miredi / Fotolia
STROMNETZ:
Flexibilisierung statt Abschalten
Für den Erfolg der Energie- und Mobilitätswende ist die Stabilisierung der Netze ein entscheidender Faktor. Für die Verteilnetzbetreiber ist dies eine große Herausforderung.
 
 
Fast 6.000 Mal habe die EWE Netz GmbH im vergangenen Jahr in die Erzeugung eingreifen müssen, sagte deren Geschäftsführer Torsten Maus im Rahmen der Handelsblatt-Konferenz Stadtwerke 2021. „Dies zeigt, wie volatil das System geworden ist“, so Maus. Angesicht von mehr als 60.000 Anlagen, die in das Netz des norddeutschen Regionalversorgers einspeisen, mag das nicht verwundern. Fast 100 Prozent betrage der Anteil regenerativ erzeugten Stroms im knapp 82.000 Kilometer langen Netz des niedersächsischen Regionalversorgers. Zwar schließe EWE seit rund 30 Jahren Einspeiseanlagen an das eigene Netz, das einmal für eine installierte Leistung von 2.000 MW ausgelegt worden sei. Davon sei man mit fast 6.500 MW aber mittlerweile schon weit entfernt. Deshalb betont Maus: „Wir können das Thema nur bewältigen, wenn wir mehr Intelligenz in die Netze bekommen und massiv digitalisieren.“

Eine der Grundlagen dafür ist die 450-MHz-Frequenz. Anfang März hatte die Bundesnetzagentur nach einem Bewerbungsfahren der 450 Connect GmbH den Zuschlag gegeben. Über ein Konsortium von Regionalversorgern und Stadtwerken ist auch EWE an der Gesellschaft beteiligt, die nun mit einer bundesweiten Branchenlösung der Energiewirtschaft das Netz zugänglich machen wird. Maus ist davon überzeugt, dass sie damit einen sicheren Kommunikationskanal für Smart-Grid-Anwendungen bekommen wird.

Es wird Handelsplattformen für netzdienliche Flexibilitäten geben

Der Kanal alleine reicht aber noch nicht. Darüber müssen auch die entsprechenden Daten fließen und Steuerbefehle auslösen. Dies ist eine weitere Voraussetzung, um das Gleichgewicht von Erzeugung und Verbrauch in den Nieder- und Mittelspannungsnetzen und damit deren Stabilität zu gewährleisten. Der Steuerfähigkeit misst der Geschäftsführer der EWE-Netzgesellschaft eine ganz wesentliche Bedeutung bei. Nicht zuletzt der Hochlauf der E-Mobilität, verbunden mit der Installation von Wallboxen in Privathaushalten, werde den Bedarf an ausgleichenden Maßnahmen deutlich erhöhen. Dies sieht er jedoch nicht allein als Angelegenheit der Netzbetreiber, vielmehr als Zusammenspiel von Markt und Netzbetreiber. „Was der Markt an Steuerfähigkeit anbietet, werden wir nutzen“, sagt Maus und ergänzt: „Gleichzeitig brauchen wir aber auch einen direkten Zugang zu dieser Steuerfähigkeit, denn wir müssen jederzeit sicherstellen, dass wir das Netz stabil halten können.“

Vor dem Hintergrund der Diskussion um die Eingriffe von Netzbetreibern ist es ihm wichtig zu betonen, dass es nicht darum geht, einfach so abschalten zu wollen. Es gehe vielmehr darum, die Last im Netz zu beeinflussen und dies zu einem Zeitpunkt zu machen, zu dem es sinnvoll sei. „Es geht um Flexibilisierung und darum, das Netz optimal nutzen zu können“, erklärt Maus. Dass es dafür einen Anreiz geben muss ist selbstverständlich. Künftig wird es deshalb seiner Überzeugung nach Handelsplattformen für netzdienliche Flexibilitäten geben. Im Rahmen des Smart-Grid-Projekts Enera sei ein solcher Marktplatz schon erfolgreich getestet worden.

Dass Verbraucher den Eingriff in ihre Autonomie ablehnen, ist in diesem Zusammenhang ein viel diskutiertes Thema. Hier gibt Maus jedoch zu bedenken, dass schon seit Jahrzehnten Nachspeicherheizungen gesteuert werden. Und auch die Straßenbeleuchtung werde zunehmend flexibilisiert. „Warum soll das nicht auch bei anderen Verbrauchern gehen“, fragt er. „Denn wir reden ja nur über kurzzeitige Verschiebungen.“ Wenn jemand abends sein Fahrzeug an die Wallbox anschließe, entstehe kein Komfortverlust. Der morgens gewünschte Ladestand könne gewährleistet werden. Die Besitzer von Verbrenner-Autos würden ja auch nicht jeden Abend zur Tankstelle fahren, um immer ein vollgetanktes Fahrzeug über Nacht vor dem Haus stehen zu haben.

Maus räumt ein, dass sehr komplexe Systeme notwendig sind, um das Gleichgewicht im Netz jederzeit zu gewährleisten. Mit der Einführung von Redispatch 2.0 werde die zu bewältigende Datenmenge noch weiter zunehmen, da künftig Prognosedaten eine noch wichtigere Rolle spielen werden. Entsprechend sind hohe Investitionen in IT-Systeme erforderlich. „Daran sieht man, dass wir uns vom klassischen Versorger, der Energie transportiert, zu einem Systemnetzbetreiber beziehungsweise Systemdienstleister wandeln“, sagt Maus. Und dessen Aufgabe fasst er so zusammen: „Wir müssen nicht nur in der Lage sein, den physikalischen Stromfluss zu sehen, sondern wir müssen das System auch IT-Technisch beherrschen, um steuern und regeln zu können.“
 
 

Fritz Wilhelm
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Freitag, 30.04.2021, 17:01 Uhr

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