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Enerige & Management > Preise Und Signale - Federico: Fundamental war das nicht erklärbar
Bild: EEX
PREISE UND SIGNALE:
Federico: Fundamental war das nicht erklärbar
Über die Höhen und Tiefen der Strompreise im Wandel der Zeit sprach E&M mit Tobias Federico*.
 
E&M: Herr Federico, das Jahresband Baseload 2017 ist zu Jahresbeginn auf das niedrigste Niveau aller Frontjahre seit Beginn des börslichen Terminhandels gefallen. Welche Gründe gibt es dafür?
 
Federico: Entscheidend waren die gesunkenen Commodity-Preise. Alle Märkte haben nachgegeben, egal ob es sich um Kohle, Gas, Öl oder CO2 handelt. Zum Teil gab es da auch historische Tiefststände. Dazu kommt noch der Einfluss der Erneuerbaren, die am Spotmarkt den Jahresdurchschnittspreis nach unten gedrückt haben.
 
E&M: Gerade der rasante Zubau der Erneuerbaren und die Vermarktung über die Börse hat die Preisbildung durcheinandergewirbelt. Für Betreiber von konventionellen Kraftwerken sind die Zeiten schwierig geworden.
 
Federico: Hier muss man über das grundsätzliche Marktdesign sprechen. Zunächst stellt sich die Frage, was die Funktion eines Spotmarktes und die eines Terminmarktes ist. Der Terminmarkt soll dabei Investitionsentscheidungen für die Zukunft anreizen, also Kraftwerksneubauten. Beim derzeitigen Strompreisniveau ist das natürlich nicht möglich.
 
E&M: Zu Beginn des börslichen Terminhandels für Strom waren die Rahmenbedingungen einfacher. Auf welche Faktoren mussten die Händler damals achten?
 
Federico: Es war einfacher, Investitionsentscheidungen zu treffen ja, aber an die preisbewegenden Informationen zu kommen eher nicht. Es gab lediglich die Grenzkosten, also die Brennstoffpreise. Ansonsten war der Stromhandel völlig intransparent, es gab keine Informationen über Kraftwerksausfälle oder die Verfügbarkeit der Kraftwerksflotte. Dazu gab es keine Informationen, wie die Betreiber ihre Kraftwerke fahren. Bei der Preisbildung hat es gereicht, zum Beispiel den Kohlepreis durch den durchschnittlichen Wirkungsgrad eines Kohlekraftwerks zu teilen und schon hatte man einen Baseload-Preis für den Spothandel. Und wenn sich der Terminpreis für Kohle bewegt hat, dann hat sich entsprechend auch der Terminpreis für Strom bewegt. Seit Beginn der Transparenzinitiativen 2007/2008 ist es viel einfacher geworden, an fundamentale Informationen zu kommen.

"Im Grunde ging man davon aus, dass ein CO2-Zertifikat ein sicheres Investment ist"
 
E&M: Ein weiterer Faktor kam mit dem Emissionshandel dazu. Wie hat sich das ausgewirkt?
 
Federico: Es hat einen Hype ausgelöst. Der Emissionshandel ist zunächst einmal ein künstlicher Markt, da es keine natürliche Nachfrage nach CO2 gibt. Entsprechend musste der CO2-Preis künstlich geschaffen werden. Im Markt war klar, dass man mit Opportunitätskosten zu rechnen hat, und die wurden in den Strompreis eingerechnet. Es wurde auch angenommen, dass die Zertifikate auf lange Sicht verknappt werden und damit der Preis steigen wird. Im Grunde ging man davon aus, dass ein CO2-Zertifikat ein sicheres Investment ist. Beim Strompreis hat das in der Folge eine Preisrallye ausgelöst. In der Spitze hat CO2 den Strompreis um zusätzliche 15 Euro nach oben getrieben.
 
Die Preisentwicklung des jeweiligen Frontjahres an der Strombörse EEX
Bild: EnergyBrainpool

 
E&M: Die Euphorie bekam dann aber im Jahr 2006 einen Knacks.
 
Federico: Das war am 26. April 2006, als einzelne EU-Länder erstmals verifizierte Emissionsdaten veröffentlichten. Ab diesem Zeitpunkt war allen Marktteilnehmern klar, dass weniger CO2 emittiert wurde als angenommen und dass damit auch zu viele Zertifikate im Markt sind. Einen deutlichen Preisrutsch gab es auf den Märkten, als die Niederlande und Tschechien bekanntgaben, dass man mindestens 10 Prozent long sei. Innerhalb eines Tages ging als Folge der Strompreis um knapp 4 Euro pro Megawattstunde nach unten. Das hatte der Handel bis dahin noch nicht gesehen.
 
E&M: Nach einer Orientierungsphase ging es mit dem Strompreis ab 2007 wieder deutlich nach oben. Was hat den Markt angetrieben?
 
Federico: Es folgte eine weitere euphorische Phase, bei der wir festgestellt haben, dass sich der Strompreis plötzlich stark am deutschen Aktienindex orientiert hat. Fundamental war das nicht erklärbar, allerdings war der Handel in dieser Zeit sehr attraktiv. Alle Handelsabteilungen, egal ob bei Banken, Versicherern oder Versorgern, waren in vielen unterschiedlichen Märkten aktiv. Geld hat sich in dieser Zeit einfach seinen Weg gesucht, um neu angelegt zu werden, und bei den steigenden Strompreisen war das Investment klar. Aber auch der Ölpreis ist in dieser Phase wieder extrem auf 140 US-Dollar gestiegen.

"Geld hat sich in dieser Zeit einfach seinen Weg gesucht, um neu angelegt zu werden"
 
E&M: Gerade beim Öl war damals die Rede von der selbsterfüllenden Prophezeiung. Man hat so lange über ein Preisziel im Markt geredet, bis der Preis dann auch tatsächlich erreicht wurde. Also alles nur Psychologie?
 
Federico: Es gibt den Spruch The trend is your friend und entsprechend hat man immer weiter auf steigende Preise gesetzt. Damit entstand aber auch eine Preisblase, die nicht unendlich anschwellen konnte. Bei einem Baseload-Preis von 80 Euro waren die Erneuerbaren plötzlich marktfähig und nicht mehr auf eine EEG-Förderung angewiesen. In dieser Zeit, also etwa Mitte 2008, begannen auch die Diskussionen um die Direktvermarktung.
 
Tobias Federico: "Die erste Reaktion war ein Preisanstieg, doch dann kamen zwei Faktoren dazu, die das Spiel gedreht haben"
Bild: EnergyBrainpool


E&M: 2008 war aber genau das Jahr, in dem der Strompreis seinen höchsten Stand erreichte und dann dramatisch abstürzte.
 
Federico: Damals fing alles mit der Banken- und Finanzkrise an, ausgelöst durch den Preissturz bei den US-Immobilien. Die finanziellen Händler, die zuvor immer weiter auf den Trend gesetzt und damit auch den Strompreis angetrieben hatten, mussten auf einmal ihre Positionen glattstellen. Viele Marktteilnehmer sind in akute Geldprobleme gekommen und die Bonität ging zurück. Gleichzeitig hat die Wirtschaftskrise dafür gesorgt, dass weniger Strom verbraucht wurde.
 
E&M: Nach einer weiteren Orientierungsphase mit einer gewissen Volatilität schien sich der Strompreis dann wieder zu erholen.
 
Federico: Am 15. März 2011, drei Tage nach dem GAU in Fukushima, wurde der Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen. Das hat die zuvor beschlossene Laufzeitverlängerung der Reaktoren wieder rückgängig gemacht, der Markt musste sich nun auf eine Verknappung der verfügbaren Erzeugungskapazität um 12 GW einstellen. Die erste Reaktion war ein Preisanstieg, doch dann kamen zwei Faktoren dazu, die das Spiel gedreht haben. Der Winter 2011/2012 war extrem mild, so dass man erkannt hat, dass man auch ohne die Kernkraftkapazitäten auskommen kann. Dazu kam noch der Beschluss der EU-Kommission, infolge der Wirtschaftskrise das Ziel zur CO2-Reduktion von den ursprünglich 30 Prozent auf 20 Prozent zu senken. Damit sind die CO2-Preise zurückgegangen und haben die Commodity-Preise ebenfalls mit nach unten gezogen.
 
E&M: Mittlerweile sind wir wieder in etwa auf dem Preisniveau wie zu Beginn des börslichen Strom-Terminhandels. Wohin wird die Reise als nächstes gehen?
 
Federico: Das ist die Eine-Million-Dollar-Frage, oder besser: Die richtige Antwort wäre so viel wert. Prognosen sind ja immer sehr schwierig, aber bei all unseren Szenarien hat sich in den letzten Jahren immer wieder das gleiche Muster herausgebildet. Die Strompreise sind gesunken und sinken auch noch weiterhin bis 2017. Hier erwarten wir zumindest fundamental getrieben eine Kehrtwende, da damit zu rechnen ist, dass Kraftwerkskapazitäten zurückgebaut werden. Ab dem Jahr 2022 ist wieder von einem höheren Strompreisniveau auszugehen, wobei die Sommerpreise sehr niedrig sein werden und wir im Winter – je nach Wetterlage – extrem hohe Strompreise sehen können.

*Tobias Federico hat Energie- und Verfahrenstechnik an der Technischen Universität Berlin studiert. Er arbeitete als Consultant, Analyst und Dozent bevor er 2003 Energy Brainpool gründete, die er seither als Geschäftsführer leitet. In dieser Funktion entwickelte er als einer der Ersten Kurzfristprognosen für die Strompreisentwicklung an Spotmärkten. 2005 wandte sich Tobias Federico der langfristigen und fundamentalen Energiemarkt-Modellierung zu und entwickelte mit seinem Mitarbeiterteam das europäische Energiemarktmodell Power2Sim.
 

Andreas Kögler
Redakteur und CvD von E&M powernews
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Montag, 08.02.2016, 10:14 Uhr

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