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Enerige & Management > Stromnetz - Europa am Rande eines Black Friday
Eine der Steuerzentralen im europäischen Höchstspannungsnetz: Transnet-Hauptschaltleitung in Wendlingen._Bild Transnet BW
STROMNETZ:
Europa am Rande eines Black Friday
Zu einer schwerwiegenden Frequenzstörung im europäischen Stromnetz ist es am Freitag, 8. Januar, gekommen. Die Ursache wird in Südosteuropa vermutet.
 

Zum Black Friday fehlte offenbar nicht viel: Ab 14.05 Uhr sackte die Netzfrequenz von 50 Hertz schlagartig auf bis zu 49,74 Hertz ab. Rund eine Stunde dauerte es, bis die Netzbetreiber die Probleme behoben und das europäische Stromnetz wieder vereint hatten, nachdem zwischenzeitlich Teile von Südosteuropa abgekoppelt waren.

Durch koordinierte Aktionen und kurzfristige Maßnahmen durch die beteiligten europäischen Übertragungsnetzbetreiber konnte die Wahrung der Systemstabilität in den meisten europäischen Ländern sichergestellt werden. Um 15.08 Uhr konnte die Resynchronisierung erfolgreich durchgeführt werden“, heißt es in einer Mitteilung des Übertragungsnetzbetreibers Amprion.

Ausgangspunkt vermutlich in Südosteuropa

Ihm kam bei der ganzen Aktion eine besondere Rolle zu: Amprion nimmt aktuell die Rolle des europäischen Frequenzkoordinators wahr. Das Unternehmen mit Sitz in Dortmund hatte somit die Aufgabe, die erforderlichen Maßnahmen zur Wahrung der Systemstabilität mit anderen europäischen Netzbetreibern zu koordinieren, wie ein Sprecher gegenüber E&M erklärte. Nach Angaben der Bundesnetzagentur wurde dann ab 15.27 Uhr wieder „Normalbetrieb“ verzeichnet.

Mit der Ursachenforschung wird sich jetzt der europäische Netzbetreiberverband Entso-E befassen. Bisher kommt man dort freilich nur zu der Erkenntnis, dass „koordinierte Maßnahmen und eine sofortige Reaktion der kontinentaleuropäischen Übertragungsnetzbetreiber“ sichergestellt hätten, dass die Systemstabilität in den meisten europäischen Ländern nicht beeinträchtigt gewesen sei.

Das europäische Höchstspannungsnetz reicht von Dänemark im Norden bis nach Marokko und in die Türkei im Süden. Die Tatsache, dass Teile Südosteuropas (Griechenland, Nord-Mazedonien, Bulgarien, Serbien, Rumänien, Bosnien und Herzegowina, die Türkei und Kroatien) während der Störung herausgefallen waren, stützt Meldungen, dass in Rumänien plötzlich der Strom von drei Kraftwerken gefehlt habe. Dort soll es auch zu Stromausfällen gekommen sein. Als Ausgleich wurden beispielsweise in Österreich zahlreiche Kraftwerke hochgefahren, erklärte Michael Strebl, Geschäftsführer von Wien Energie.

Wie ein Sprecher der Bundesnetzagentur auf E&M-Anfrage mitteilte, haben französische und italienische Übertragungsnetzbetreiber für rund 40 Minuten vertraglich vereinbarten Lastabschaltungen genutzt und zur Stabilisierung 1.000 und 1.300 MW vom Netz genommen. In Deutschland sei das nicht nötig, die Versorgungssicherheit hierzulande nicht in Gefahr gewesen.

Der energiepolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Martin Neumann erklärte, diese bisher zweitschwersten Störung zeige deutlich, dass die europäische Versorgungssicherheit auf wackligen Beinen stehe. Er forderte ganzheitliche Konzepte, um Systemstabilität in Europa zu gewährleisten.
 



Versorgungsprobleme in Frankreich

In Frankreich wächst derzeit ebenfalls die Unsicherheit, wenn es um die Stromversorgung geht: Der EDF-Konzern appellierte an die Bürger, vor allem am Vormittag Strom zu sparen. Grund ist derzeit ein überdurchschnittlich hoher Verbrauch, was auf die Kälteperiode zurückzuführen ist. In Frankreich ist Heizen mit Strom weit verbreitet. Auf der anderen Seite steht nur ein Teil der Atommeiler zur Verfügung: Wegen der Corona-Krise waren Wartungsarbeiten im Frühling verschoben worden und müssen jetzt nachgeholt werden. Außerdem dauern sie wegen der Hygiene-Maßnahmen länger.


Die bisher schwerste Störung im europäischen Stromnetz ereignete sich im November 2006, als zwei damals von Eon betriebene Höchstspannungsleitungen, die über die Ems führen, abgeschaltet wurden. Damit wollte man einem Schiff aus der Meyer-Werft in Papenburg das Auslaufen ermöglichen. Das Ganze war aber offenbar mangelhaft mit den anderen Netzbetreibern abgestimmt und hatte katastrophale Folgen. Urplötzlich fehlten riesige Mengen Windkraftstrom, die über die Trassen flossen, im Süden, während im Norden auf einmal viel zu viel Energie unterwegs war.

Es kam zu Stromausfällen in mehreren Regionen Europas. 10 Mio. Haushalte waren betroffen, Züge blieben auf offener Strecke stehen. Erst nach mehreren Stunden waren die gröbsten Störungen beseitigt und es dauerte zwei Tage, bis wieder von Normalbetrieb die Rede sein konnte.

Als Konsequenz aus dem Vorfall haben die Übertragungsnetzbetreiber in Europa verschiedene Methoden entwickelt, um Großstörungen wieder in den Griff zu bekommen. Dazu gehört das European Awareness System (EAS), das jetzt bei den Frequenzproblemen zum Einsatz kam.

 

Günter Drewnitzky
Redakteur
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Montag, 11.01.2021, 16:15 Uhr

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