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Enerige & Management > Geothermie - Erfolgreiche Energiewende in Grünwald
Bild: Erdwärme Grünwald
GEOTHERMIE:
Erfolgreiche Energiewende in Grünwald
Die oberbayerische Gemeinde Grünwald hat vor zehn Jahren ein vorentwickeltes Geothermievorhaben gekauft. Daraus hat sich ein rentables Unternehmen entwickelt.
 
„Wir haben uns in den vergangenen zehn Jahren zu einem veritablen Energieversorger entwickelt“, freut sich Andreas Lederle. Er ist Geschäftsführer der Erdwärme Grünwald GmbH (EWG), einer 100-prozentigen Tochter der Gemeinde Grünwald. Die EWG betreibt ein Tiefengeothermiekraftwerk im oberbayerischen Oberhaching-Laufzorn. Im Oktober 2008 hatte die Gemeinde Grünwald das vom Unternehmen Astherm GmbH initiierte Projekt in der Nachbargemeinde erworben und im Jahr darauf eine erfolgreiche Dublettenbohrung auf den Weg gebracht. Fast zeitgleich begann der Bau des Fernwärmenetzes, im Oktober 2011 floss die erste geothermische Wärme.

Insgesamt hat die Gemeinde in das gesamte Geothermieprojekt 200 Mio. Euro investiert und ist mit dem Kraftwerk ökologisch sowie wirtschaftlich erfolgreich. „Unser Kraftwerk ist mittlerweile so bekannt, dass wir regelmäßig Besucher aus den unterschiedlichsten Ländern haben wie der Schweiz, Brasilien oder gar der Mongolei. Sie interessieren sich für die Technik und welche Erfahrungen wir damit machen“, erzählt der EWG-Geschäftsführer. Und es gibt einiges zu besichtigen, denn es ist nicht nur die Fernwärmeleitung in den vergangenen Jahren gewachsen.

Das Fernwärmenetz ist in sieben Jahren auf eine Länge von rund 100 Kilometer ausgebaut worden – inklusive 2 000 bislang an der geothermischen Fernwärme angeschlossenen Wohn- und Gewerbebauten. Lederle: „Die Haupttrassen sind seit Ende 2017 komplett fertiggebaut. Nahezu in jeder Straße in Grünwald liegt eine Leitung.“ Jeder Haushalt der Gemeinde kann anschließen, muss aber nicht. Der Wärmepreis liegt bei etwa 56 Euro/MWh und ist „damit wettbewerbsfähig, aber auch wirtschaftlich“, so der EWG-Chef. Bereits im Sommer 2012 schloss das Unternehmen den ersten Großkunden, die Bavaria Film GmbH, an das Netz an. Zu den Abnehmern zählen heute auch Liegenschaften wie das Rathaus, Schulen, Kindergärten oder ein Freizeitpark.

Das Portfolio der Erdwärme Grünwald am Standort Laufzorn umfasst mittlerweile ein Tiefengeothermieheizwerk für die regenerative Fernwärme, seit Dezember 2014 ein ORC-Kraftwerk zur Erzeugung grünen Stroms, die Eigenstromproduktion mittels BHKW sowie den Betrieb eines Wärmeverbunds mit der Geothermie Unterhaching. Überdies nimmt die EWG seit Ende 2017 über eine Power-to-Heat-Anlage am Regelenergiemarkt teil.

EWG setzt auf Dauerbetrieb, aus technischen wie wirtschaftlichen Gründen

Das Geothermiekraftwerk in Laufzorn ist wärmegeführt. Die ORC-Anlage produziert nachrangig Strom, um die Quelle optimal auszulasten. „Der Dauerbetrieb bedeutet die geringstmögliche Belastung der Anlagenteile durch thermische Schwankungen“, erklärt Horst Wagner, technischer Leiter der EWG. So erzeuge das Unternehmen grünen Strom auch im Winter, nur eben deutlich weniger als im Sommer, und produziere grünen Strom auch zu Lastspitzen des Fernwärmenetzes zum Beispiel vormittags, nur eben deutlich weniger als im Tagesverlauf. „Die Anlage läuft robust und zuverlässig“, so Wagner.
 
EWG-Geschäftsführer Andreas Lederle (r.) und der technische Leiter der EWG, Horst Wagner, vor der Anlage in Laufzorn
Bild: E&M/Roider

Die Power-to-Heat-Anlage hat eine Abrufleistung von 1,8 MW, die maximale Leistung beträgt 2 MW. Sie wandelt Überschussenergie aus dem Stromnetz in Wärme um und speist sie dann ins Fernwärmenetz ein. Derzeit „sammeln wir mit der Power-to-Heat-Anlage wichtige Betriebserfahrung“, sagt der technische Leiter.
Außerdem existiert bereits seit 2013 eine rund fünf Kilometer lange Fernwärmeleitung zwischen dem Kraftwerk in Laufzorn und dem Geothermieheizwerk im benachbarten Unterhaching. Seitdem können die beiden Geothermiegesellschaften ihren Wärmebedarf bei Wartungsarbeiten an der Tiefenpumpe oder am Heizwerk aus geothermisch erzeugter Energie des Partners decken. „Das spart teures Heizöl und schont die Umwelt“, sagt Lederle. Zudem nutze die EWG geothermische Energie aus Unterhaching auch für ihre Wärmeversorgung oder die Verstromung im ORC-Kraftwerk Laufzorn.

Mitte Dezember 2017 sind die EWG und die Unterhaching Produktions-GmbH & Co. KG (GUHP) noch näher zusammengerückt: Seitdem gehören der Erdwärme Grünwald GmbH 94,96 % der Geothermie Unterhaching Produktions-GmbH & Co. KG. Zuvor waren es 50 %. Parallel wurde entschieden, das Kalina-Stromkraftwerk in Unterhaching endgültig abzuschalten. „Die Kalina-Anlage wurde Ende vergangenen Jahres stillgelegt“, so Lederle. „Der erfreulich positive Netzausbau in Unterhaching und die Verwertung überschüssiger Wärmemengen in der ORC-Anlage in Laufzorn haben uns diesen Schritt erleichtert.“ Damit wird in Unterhaching nur noch geothermische Wärme erzeugt.

„Von der Zusammenarbeit profitieren beide Gemeinden“, so Lederle, der auch Geschäftsführer der GUHP ist. Grundlage der Versorgungssicherheit in Unterhaching sei und bleibe der seit Dezember 2013 zwischen der GUHP und der für das Netz verantwortlichen Geothermie Unterhaching GmbH & Co KG (GUH) bestehende Wärmeliefervertrag mit einer Laufzeit von vorerst 30 Jahren. „Die Geothermie Unterhaching versorgt bereits mehr als 50 Prozent der Unterhachinger Haushalte und Betriebe mit geothermischer Fernwärme.“ Die Überwachung und Steuerung der beiden Geothermiestandorte wird jedoch künftig in Laufzorn stattfinden. Derzeit werden die Leitwarte und das Prozessleitsystem dort ausgebaut.
 
Die Leitwarte in Laufzorn. Von hier aus wird auch künftig Unterhaching mit überwacht
Bild: E&M/Roider

Gerade in der Geothermie sei die Zusammenarbeit wichtig, ist Lederle überzeugt. „Die Energiewende endet nicht an Gemeindegrenzen.“ Die EWG hat etwa im Februar 2018 in einer gemeinsamen Seismikkampagne mit den Stadtwerken München und der IEP Innovative Energie Pullach den Boden für eine mögliche Ausweitung der geothermischen Aktivitäten im Münchener Süden sowie im südlichen Landkreis München bereitet.

Um künftig auch kleineren Kommunen und Unternehmen die Möglichkeit zu geben, Geothermieprojekte zu realisieren, bräuchte es nach Ansicht von Lederle aber eine bessere staatliche Absicherung am Anfang solcher Projekte, wo noch nicht feststeht, ob die Bohrung erfolgreich verlaufen wird. „Es braucht mehr Rückendeckung, zum Beispiel über einen Risikofonds“, sagt Lederle. Das Tiefengeothermieprojekt Grünwald profitiere von einer Gemeinde, die wirtschaftlich sehr gut dastehe. Dies sei aber nicht überall der Fall und es wäre schade, wenn solche Erdwärmeprojekte an der Finanzierung scheitern. „Mit der Nutzung der Geothermiequellen nehmen wir die Energiewende in die eigenen Hände und tragen zum Klimaschutz bei“, so der EWG-Geschäftsführer.
 
Im Inneren des Geothermiekraftwerks in Laufzorn, unter anderem mit den Wärmetauschern sowie der neuen Power-to-Heat-Anlage im oberen Bereich
Bild: Erdwärme Grünwald

Geothermieanlage Laufzorn
Die energetischen Anlagen umfassen eine Produktions- und Injektionsbohrung, jeweils rund 4 000 Meter lang, die Tiefenpumpe in rund 780 Meter Tiefe, den Frequenzumrichter von ABB und das Geothermieheizwerk mit Reserve- und Spitzenlastölkesseln. Das BHKW von der Firma Zeppelin zur Eigenstromerzeugung läuft seit Ende 2016, das ORC-Stromkraftwerk erzeugt seit Dezember 2014 grünen Strom und speist ihn ins allgemeine Stromnetz ein. Die Power-to-Heat-Anlage nimmt seit Ende 2017 überschüssigen Strom aus dem Netz und trägt dadurch zur dessen Stabilität bei. In der Leitwarte in Laufzorn wird auch das Geothermieheizwerk in Unterhaching mit überwacht. Das Leitsystem stammt von Siemens (SPPA T 3000).

Erdwärme Grünwald Geothermiekraftwerk und Wärmenetz
Gesamtwärmeleistung Heizwerk Laufzorn: 40 MW
Rücklauftemperatur: 120 Grad
Vorlauftemperatur: 60 Grad
Schüttung: 140 l/s
Haupttrassen: 14,5 km (Fertigstellung im Dezember 2012)
Trassenlänge insgesamt: rund 100 km inklusive Hausanschlussleitungen
Fertigstellung Fernwärmenetz: Dezember 2017
Angeschlossene Wohneinheiten: 2 000
ORC-Stromkraftwerk, elektrische Leistung: 3,5 MW
Wärmeverbund mit Unterhaching
Verbindungsleitung: 5,3 km
Start der Wärmelieferung: April 2013
Fernwärmeleistung Wärmeverbund Unterhaching: ca. 20 MW
 

Heidi Roider
Redakteurin und Chefin vom Dienst
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Dienstag, 17.07.2018, 10:44 Uhr

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