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Enerige & Management > Photovoltaik - Eon will in der EU PV-Prosumergemeinschaften ausrollen
Quelle: Fotolia / pxl.store
PHOTOVOLTAIK:
Eon will in der EU PV-Prosumergemeinschaften ausrollen
Günstig, direkt und einfach Solarstrom vom Nachbarn beziehen - diese Prosumer-Lösungen will die EU vereinfachen. Eon setzt nun darauf ein Geschäftsmodell auf. Start ist auf Teneriffa.
 
Im August soll in der Stadt Adeje auf Teneriffa die erste Photovoltaik-Nachbargemeinschaft Europas in den kommerziellen Betrieb gehen. Dieser erste "Solar Circle", so die Marke, wird von Eon organisiert. "Als Anbieter von Energielösungen wollen wir in der gesamten EU ein Geschäftsmodell ausrollen, das Verbrauchern einen direkten Nutzen von der Energiewende ermöglicht", sagte Thomas Birr, Chief Strategy & Innovation Officer des Konzerns, am 21. Juli vor Journalisten über das Ziel.

In Adeje hat Eon auf dem Flachdach einer Musikschule eine PV-Anlage errichten lassen und betreibt sie. Das ist der Kern des ersten "Solar Circle" namens "Adeje Verde". Von August an bekommen dann 200 Haushalte, aber auch eine Apotheke, ein Restaurant oder eine Polizeistation im Umkreis von 500 m über neu installierte Direktleitungen Grünstrom aus der Anlage.

Die Miete für die Paneele kostet, umgelegt auf die kWh, "deutlich weniger" als der weitgehend fossil erzeugte Netzstrom der Insel. Zudem ist die Lieferung netzentgelt- und sonderabgabenfrei. Die Nachbarn sollen darüber hinaus rasch in einer Visualisierung sehen, wie viel teuren Graustrom sie mit "ihrem" Solarstrom verdrängt und gespart haben.

Nachbarn mieten Paneele von Nachbarn

Die Nachbarn und Nachbarinnen konnten wählen, ob sie eines oder mehrere Paneele mieten. Eigentümer der Anlage ist nicht Eon, sondern ein Prosumer, der von seiner Nachbarschaft "sofort eine Einnahmequelle" bekommt. "217 Paneele versorgen die Bürger, das sind zwei Drittel aller Paneele. Der Rest ist für den Betreiber selbst", erläuterte Luis Fernandez. Er leitet bei Eon Innovation das Team "Energiegemeinschaften und Netze". Erfahrungsgemäß buche ein Drittel bis die Hälfte der Angesprochenen Paneele.
 
Luis Fernandez - hier vor dem Logo des ersten "Solar Circle", "Adeje Verde" - leitet bei Eon Innovation das Team Energiegemeinschaften und Netze
Quelle: Eon

"Wir machen die Energiewende emotional und geben Menschen einen aktiven Bezug zu ihr, die sich selbst keine PV-Anlage leisten können oder zur Miete wohnen", ergänzte er. Auch die günstigere Errichtung auf Flachdächern könnte so allen zugutekommen.

Eon fängt mit seinem Prosumer-Geschäftsmodell zwar auf Teneriffa an, das sei aber "Zufall", so Hernandez. Der überregional bekannte Bürgermeister von Adeje jedenfalls, der Sozialist Jose Miguel Rodriguez Fraga, unterstütze das Projekt tatkräftig. Bis 2040 wollen sich die Kanarischen Inseln zu 100 % erneuerbar versorgen. Bislang dominieren dort 79 % Öl- und Gasverstromung.

Dass der kommerzielle Pilot in Spanien beginnt ist allerdings kein Zufall. Laut Thomas Birr hat das Königreich als erstes EU-Land eine Prosumer-Bestimmung aus dem EU-Paket für saubere Energie von 2019 umgesetzt. Laut Paragraf 16 der Strommarkt-Richtlinie dürfen Betreiber von PV-Anlagen überschüssigen Strom Nachbarn zur Verfügung stellen, ohne Netzentgelte und Sonderabgaben zahlen und als Stromhändler gelten zu müssen. Eon verdiene an seinen Entgelten für Projektierung und Betrieb der Anlagen.

Als nächste Länder des "Solar-Circle"-Rollouts identifizierte Birr Italien, Ungarn, Tschechien und Polen - ohne unbedingt in diesen Ländern operativ tätig zu werden. Es gehe Eon um ein EU-weites, nichtreguliertes "Brot-und-Butter-Geschäft" mit einer skalierbaren Energielösung. Schon Anfang bis Mitte 2023 will Eon "die größte Energiegemeinschaft Europas" gestalten. "Wir betreuen diesen Pfad seit vier, fünf Jahren", so Birr. Eben solange es diesen Paragrafen 16 gibt.

Die Abgrenzung zur Bürgerenergie

Den Unterschied zu einer klassischen Bürgerbeteiligung sieht Birr in der Skalierbarkeit. PV-Dachanlagen lohnten sich schon jetzt fast überall, und dennoch hätten 80 % der Dächer in Deutschland keine PV. Erst recht erforderten Bürgerenergie-Projekte von ihren Genossinnen und Genossen zunächst erhebliche Auslagen, ergänzte Luis Fernandez. Dies erweise sich als HIndernis der Energiewende. Birr: "Die Bürgerbeteiligung kommt nicht aus ihren Inseln heraus."

Was war mit Pellworm?

Eon war bereits 2012 bis 2017 am Erneuerbaren-Projekt „Smart Region Pellworm“ beteiligt. Ziel war es gemeinsam mit der Fraunhofer-Gesellschaft, die deutsche Nordseeinsel durch Batteriespeicher 100 % autark zu machen, nachdem sie bereits ein Mehrfaches ihres eigenen Stromverbrauchs grün erzeugte. Der Speicher überbrückte die 5 % Dunkelflaute-Zeiten. Nach dem Projekt wurde er aber sang- und klanglos abgebaut, weil sich kein Investor fand. 
Es habe sich auf Pellworm um ein reines Forschungsprojekt gehandelt, erinnert sich Luis Fernandez. Er war nämlich dabei. Seine erste Stelle war in der technischen Mannschaft für Pellworm. Auf dieser Basis habe Eon in Schweden prämierte Regenerativen-Projekte umgesetzt, die dem Konzern jetzt auf den Kanaren zugutekämen - kommerziell.
 

Georg Eble
Redakteur
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Donnerstag, 21.07.2022, 16:09 Uhr

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