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Enerige & Management > Wasserstoff - Engagierte Debatte um die richtige Strategie
Quelle: Shutterstock / Alexander Limbach
WASSERSTOFF:
Engagierte Debatte um die richtige Strategie
Auf dem Dena-Kongress in Berlin gab es unterschiedliche Meinungen zwischen Politik, Unternehmern und Wissenschaft darüber, was die nächsten Schritte zum Wasserstoffhochlauf sein müssen.
 
Der Durchbruch beim Wasserstoff kommt nicht durch mehr Reden, sondern durch Handeln. Das war der einmütige Appell der Diskutanten beim Dena-Kongress 2021 in Berlin. Was aber nun zuerst angepackt werden muss, darüber gingen die Meinungen weit auseinander und offenbarten einigen Gesprächsbedarf. Thorsten Herdan, Abteilungsleiter im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi), will schnell Infrastrukturen errichten, damit Wasserstoff zu Verbrauchern wie der Industrie fließen kann.

Über die Herkunft des Wasserstoffs – ob aus erneuerbarem Strom oder Erdgas – will er keine ideologischen Debatten mehr führen. „Es geht darum, schnell umzusteigen und für den Anfang könnte zum Beispiel die Stahlindustrie selbst mit der Nutzung von Erdgas viel Treibhausgase vermeiden“, sagte er. Forderungen, nur erneuerbaren Strom aus zusätzlich errichteten Anlagen für Wasserstoffproduktion zu verwenden, würden nur ein ähnlich „bürokratisches Krebsgeschwür“ wie das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) erzeugen, das schnellstens abgeschafft werden müsse, forderte Herdan.

Infrastruktur schnell errichten

Für mehr Infrastruktur plädierten auch die Netzbetreiber. Jörg Bergmann, Sprecher der Geschäftsführung des Gasnetzbetreibers Open Grid Europe sieht drei Viertel der heutigen Erdgasleitungen für wasserstofftauglich an. Er will nun schnell die Entscheidungen von der EU, wo das Netz hin soll. Für den Strom-Übertragungsnetzbetreiber Tennet sagte Vera Brenzel, Director of Public Affairs and Communication, der Ausbau erneuerbarer Erzeuger und Leitungen müsse schneller ermöglicht werden, damit Wasserstoffhersteller genug Strom bekommen könnten.

Dezentral geht es auch

Als Praktiker berichtete Patrick Beaujean, Verwaltungsratsmitglied der Holding der Neuman & Esser Group, eines mittelständischen Produzenten von Wasserstofftechnik. Sie bauten längst überall in Deutschland dezentrale Elektrolyseure kleinerer, aber skalierbarer Bauart. Viele Stadtwerke und Bürgermeister setzten nämlich für die Busse und Nutzfahrzeuge auf Wasserstofftreibstoff, den sie mit lokalem erneuerbarem Strom erzeugen. Das diene der Netzentlastung und entlaste die Stadtkasse.
 
Stark dezentrale Nachfrageverteilung nach Wasserstoffherstellung in Deutschland
Quelle: Neuman & Esser Group - Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken.

„Wenn sie Elektrolyseure in 300 Landkreisen haben, sind das am Ende auch 3.000 MW Leistung“, sagte Beaujean. Die dezentralen Anlagen hätten den Vorteil, heute schon Stand der Technik zu sein und leicht mit Ersatzteilen zu versorgen. Zudem seien dezentrale Strukturen resilienter gegen Ausfälle als große zentrale, argumentierte er. Aus der Erfahrung seines Unternehmens wären weltweit auch dezentrale Lösungen gefragter als zentrale, weil die meisten Länder gar keine weitreichenden Netze für Gase haben.

Nicht zu große Hoffnungen auf Importe

Aus der Sicht des Ökonomen warnte Prof. Martin Wietschel, Leiter des Kompetenzzentrums Energietechnologien und Energiesysteme am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) vor allzu großen Erwartungen an Importe von Wasserstoff außerhalb Europas und der bestehenden Pipelines. Es genüge nicht, die geringeren Herstellungskosten in Ländern mit viel Sonne oder Wind zu betrachten, mahnte er. Wegen der höheren Risiken auch bei der politischen Stabilität müssten Kapitalinvestitionen mit rund 6 % Aufschlag kalkuliert werden.

Zudem kämen die nicht unerheblichen Transportkosten hinzu. Die produzierenden Länder benötigten die Energie in erster Linie auch selbst, um eigene Klimaschutzverpflichtungen zu erfüllen, erinnerte Wietschel. Auch Wasser sei oft nur durch technische Prozesse wie Entsalzung ausreichend verfügbar und werde auch vor Ort benötigt. Deshalb sei es vernünftiger, Wasserstoff nur in den Bereichen einzusetzen, die ohne ihn keine Treibhausgase vermeiden könnten, wie Flugverkehr, Schifffahrt und Industrie.

Klimaschutz nicht aus dem Auge verlieren

Als Geschäftsführerin der Klimaallianz Deutschland mahnte Christiane Averbeck, dass Wasserstoff nicht in erster Linie Geschäftsmodell oder Selbstzweck sei, sondern dem Klimaschutz dienen müsse. Sonst sinke die Akzeptanz der Bevölkerung im In- und Ausland für die nötigen Investitionen und Bauten. Deshalb sei es keine Ideologie, wenn der Wasserstoffrat Wert darauf lege, dass Wasserstoff nicht aus fossilen Quellen erzeugt werden soll und dafür zusätzliche erneuerbare Stromerzeuger zu errichten seien.

Abschließend warnte Beaujean, dass mit zu vielen Restriktionen deutsche Elektrolyseure zu teuer würden und gegenüber der internationalen Konkurrenz nicht bestehen könnten. „Unsere Elektrolyseure können dank intelligenter Steuerung tatsächlich nur überschüssigen Strom nutzen, sind aber dann fast doppelt so teuer und diese Funktion braucht international kein Mensch“, sagte er.
 

Susanne Harmsen
Redakteurin
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