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Enerige & Management > Interview - "Energiewirtschaft wird gerade vom Kopf auf die Füße gestellt"
Bild: wellphoto / Fotolia
INTERVIEW:
"Energiewirtschaft wird gerade vom Kopf auf die Füße gestellt"
Mit dem neuen Verband EUDE wollen die europäischen Verteilnetzbetreiber in Brüssel stärker präsent sein. Wie genau, erläutert Torsten Maus, einer der deutschen Vertreter im Vorstand.
 
Torsten Maus ist nicht nur Geschäftsführer der EWE Netz GmbH in Oldenburg. Seit dem 10. Juni ist er auch einer von drei Vertretern der deutschen Verteilnetzbetreiber im Vorstand (Board) des neu gegründeten Verbands der Branche EUDE (Abkürzung für EU DSE Entity).

Der EUDE soll den europäischen Behörden als Ansprechpartner dienen, wenn es darum geht, die Energiewirtschaft von fossilen auf erneuerbare Energien umzustellen. Das hatten Ministerrat und EU-Parlament Anfang 2019 im Rahmen des Gesetzespakets „Saubere Energie“ beschlossen.

Der Geschäftsführer der EWE Netz bewertet das rundum positiv, obwohl das Unternehmen schon heute in Brüssel gut vertreten ist. EWE ist bereits Mitglied im Verband der Verteilnetzbetreiber EDSO und indirekt über den Energieverband BDEW im Dachverband der Branche, Eurelectric, sowie über den VKU im Dachverband der kommunalen Unternehmen, Cedec.

Diese Organisationen hätten jedoch andere Aufgaben, sagt Maus. Der EUDE müsse die Themen bearbeiten, bei denen die Verteilnetzbetreiber in den nächsten Jahren besonders gefordert seien. Denn die Energiewirtschaft werde gerade „vom Kopf auf die Füße gestellt“. „Das Energiesystem der Zukunft wird regenerativ, dezentral und klimafreundlich sein.“ Die Verteilnetzbetreiber müssten diese Entwicklung kompetent begleiten.

Hier komme der EUDE ins Spiel, über den die Verteilnetzbetreiber auf Augenhöhe mit den Übertragungsnetzbetreibern gelangten. Letztere haben mit Entso-E einen Verband, der die Netzpolitik der EU schon lange maßgeblich prägt. Die von Entso-E entwickelten Standards, die sogenannten Network Codes, sind in allen Stromnetzen der EU verbindliches Recht. In der Vergangenheit reichte das, denn für die Stabilität der Netze waren überwiegend die Betreiber der Übertragungsnetze zuständig.

Erzeugung verlagert sich in die Verteilnetze

Bislang werde Strom überwiegend zentral erzeugt und in die Verteilnetze eingespeist, sagt Maus. In Zukunft werde ein bedeutender Teil der Erzeugung aber in die Verteilnetze verlagert. Damit kämen neue Aufgaben auf die Netzbetreiber zu. Dem trage der europäische Gesetzgeber mit dem für Juli angekündigten Gesetzespaket Rechnung. „Hier ist es wichtig, als Verteilnetzbetreiber dabei zu sein.“
 
Torsten Maus ist Geschäftsführer der EWE Netz GmbH und seit Neuestem auch im Board der EUDE
Bild: EWE

Gleichzeitig handele es sich um eine gesellschaftliche Aufgabe, „der wir als Verteilnetzbetreiber gerecht werden wollen und gerecht werden müssen“. Die Herausforderungen seien immens, sagt Maus. Um sie zu bewältigen, müsse die Branche in anderen Dimensionen und in anderen Konzepten denken. „Wir müssen eine höhere Steuerungsfähigkeit unserer Netze bekommen, wir müssen eine höhere Sichtbarkeit der Vorgänge im Netz bekommen. Wir reden ja nicht nur über ein paar Kraftwerke, die man steuern muss, sondern europaweit über Hunderttausende, wenn nicht Millionen Anlagen, die unmittelbar Einfluss auf die Netze nehmen.“

Dafür brauche man „intelligente Netze“, um die für die Steuerung volatiler Energie notwendigen Informationen zu erhalten. Und dabei gehe es nicht allein um die Stromnetze, sondern mittelfristig auch um die Gas- und Wärmenetze. Vom europäischen Gesetzgeber erwarte man „klare Spielregeln für die Entwicklung der Netze“ und für das, „was zwischen den Netzen passiert“.

Einheitliche Regeln und Konzepte für Smart Meter

„Einheitliche Regeln und Konzepte“ würden auch für den Einsatz von Smart Metern benötigt, insbesondere was die Datenerzeugung und -nutzung betreffe. „Wir müssen sicherstellen, dass diese Daten dem System zur Verfügung stehen und zur Stabilität der Netze beitragen. Denn die Volatilität ist enorm.“ Das gelte besonders im Hinblick auf die Elektromobilität. Hier werde der Smart Meter nicht nur als Datenquelle gebraucht, sondern vor allem als „Verknüpfungspunkt“.

Was man allerdings nicht brauche, sei eine Überregulierung. „Wir sollten da auch dem Markt und den Technologien vertrauen.“ Gebraucht werde vielmehr ein „regulatorischer Rahmen, in dem das machbar und umsetzbar ist“. Der EUDE werde gebraucht, um der Kommission dieses Gleichgewicht nahezubringen, damit die unterschiedlichen Systeme reibungslos miteinander wirken könnten.

Im Vorstand des EUDE sollen nicht nur Netzbetreiber aller Mitgliedstaaten der EU vertreten sein. Er soll auch die unterschiedlichen Interessen der großen und kleinen Netzbetreiber im Auge haben. Deswegen werde auf eine ausgewogene Vertretung der kleinen Unternehmen mit weniger als 100.000 Kunden, der mittleren mit 100.000 bis 1.000.000 Kunden und der großen mit mehr als 1 Mio. Kunden geachtet, sagt Maus.

Dass er in den Vorstand entsandt wurde, führt Maus auch darauf zurück, dass er die Kandidatur „im europäischen Geist“ betrieben habe: „Wir sehen den großen Vorteil, mit anderen Netzbetreibern sowohl aus Deutschland als auch aus anderen europäischen Ländern diese relevanten Themen gemeinsam zu bewegen.“

EWE kann wichtige Erfahrungen einbringen

EWE könne angesichts der absehbaren Entwicklung der Branche wichtige Erfahrungen in die Arbeit des EUDE einbringen. Mit fast 100 % Strom aus erneuerbaren Energien marschiere der Netzbetreiber aus Oldenburg weit an der Spitze grüner Energieversorger. „Wir lösen heute schon Probleme, die in Zukunft auf alle Netzbetreiber zukommen. Das ist das Kompetenzprofil, mit dem wir jetzt auch in Europa unterwegs sind.“

Ein Problem, das Maus umtreibt, sind asymmetrische Anreize, die durch politische Fehlentscheidungen entstehen können. Eine besondere Förderung von LNG-Terminals etwa oder der Aufbau eines neuen Leitungsnetzes für reinen Wasserstoff seien geeignet, die bestehenden Leitungsnetze, die − möglicherweise nachgerüstet − auch in Zukunft gebraucht würden, ökonomisch ins Abseits zu manövrieren. Er will sich im EUDE für einen „integrativen Ansatz“ einsetzen und die bestehende Infrastruktur weiter nutzen, soweit das möglich ist. Das sei die betriebs- und volkswirtschaftlich optimale Lösung. Biogasanlagen etwa ließen sich „auch in ein regeneratives System hervorragend integrieren“.
 

Tom Weingärtner
© 2022 Energie & Management GmbH
Montag, 28.06.2021, 10:10 Uhr

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