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Bild: Fotolia.com, Edelweiss
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Enera als Großversuch für die Energiewende
Digitalisierung der Energiewirtschaft – wie geht das? Mit dem Förderprogramm "Schaufenster intelligente Energie - Digitale Agenda für die Energiewende" will das Bundeswirtschaftsministerium großflächige Projekte fördern. Die Oldenburger EWE hofft, mit ihrem Projekt „Enera“ den Zuschlag zu bekommen.
 
Das im Februar ausgeschriebene Förderprogramm „Sinteg“ setzt neue Maßstäbe, auch von der Größe her: Unter Beteiligung von 100 000 Haushalten sollen dabei Konzepte zur intelligenten Energieversorgung erprobt werden, bei denen zum einen ein hoher Anteil erneuerbarer Energien, zum anderen eine aktive Beteiligung der Verbraucher gefordert sind und das Zusammenspiel der verschiedenen Akteure in Smart Grids aufeinander abgestimmt wird. Bis zu 80 Mio. Euro Förderung soll es für die Projekte geben.

Erfahrungen mit einer solchen Vernetzung hat die EWE in den vergangenen Jahren bereits in kleineren Vorläuferprojekten gesammelt, „sehr erfolgreich“ seien diese durchgeführt worden, berichtet EWE-Chef Werner Brinker. Unter anderem hat man dabei Lastverschiebung durch Preisspreizung getestet, zum Beispiel in Kühlhäusern, die dadurch Stromkosten einsparen konnten. Und man hat Verhaltensänderungen bei Privatkunden bewirkt, die zu 25 % geringerem Energieverbrauch führten. Jetzt soll es mit „Enera“ in den Großversuch gehen, bei dem Systemstabilität und Digitalisierung im Vordergrund stehen.

„Enera ist der nächste große Schritt in der Energiewende, wir wollen uns dabei auch dem Megatrend der Digitalisierung stellen“, sagt Projektleiter Christian Arnold. Gemeinsam mit 75 Partnern ist die EWE bereits seit 21 Monaten dabei, eine Modellregion Nordwestdeutschland zu entwickeln. Dabei kommen über 45 Partner aus der Industrie, 12 aus der Forschung. „Enera“ soll Anfang 2016 starten und ist auf vier Jahre angelegt. 200 Mio. Euro werden dafür investiert, wovon die Industriepartner mit 140 Mio. Euro den Löwenanteil stellen. Die restlichen 60 Mio. Euro hofft man durch die Sinteg-Förderung, über die noch im Sommer entschieden werden sollte, zu bekommen.

Fittes Verteilnetz, angepasster Stromhandel und digitale Plattform

Arnold nennt drei Kernfelder des Projektes: Zum einen soll das Verteilnetz für die neuen Aufgaben „befähigt“ werden. Dafür allein seien 60 Mio. Euro vorgesehen. Zweitens geht es um die Entwicklung intelligenter Märkte, für die 11 Mio. Euro eingeplant sind. So solle auch der Intraday-Markt eine „regionale DNA“ bekommen, das heißt, dass auch der Verteilnetzbetreiber für seinen Bedarf Zugang zur Strombörse bekommt, erläutert Arnold. Drittens geht es darum, eine digitale Plattform zu entwickeln. Bis zu 40 000 Smart Meter sollen eingesetzt werden, Großspeicher werden eingebunden. „Es ist kein Forschungsprojekt, es ist ein Großprojekt, ein Demonstrationsprojekt“, betont Brinker.

Entsprechend breit gestreut sind die Projektpartner: aus dem Energiehandel EEX und Epex Spot, aus dem Netzbetrieb unter anderem TenneT, aus dem IT-Sektor SAP, dazu auch Start-Ups. wie das Oldenburger Peaklab dabei, die an der Schnittstelle zwischen IT und Kommunikation arbeiten. Für SAP sei dabei insbesondere der Innovationscharakter interessant, sagt Senior-Vizepräsident Tim Bolte von dem Unternehmensteil Hybris Software. „SAP hat die Referenzarchitektur für die Energiewirtschaft“, betont er. Das betrifft die Software-Entwicklung für den kundennahen Bereich von Angebot bis Zahlung, wie auch die Bereitstellung der Cloud. Nun gehe es darum, die nächste Referenzarchitektur zu entwickeln.

SAP blickt auf Auslandsmärkte

So sieht das auch Jürgen Appelrath von offis e.V., einer Ausgründung der Universität Oldenburg. Früher sei die Energiewirtschaft wegen ihrer Strukturen für junge IT-ler „fast langweilig“ gewesen, doch mit den neuen Herausforderungen - etwa „viele Einzelerzeuger zu orchestrieren“ oder europäische Standards anzuwenden – sei die Software-Entwicklung attraktiv geworden. Und bei „Enera“ gehe es „viel stärker ab als in anderen Projekten“. SAP hat naturgemäß nicht nur das regionale Projekt im Blick. „Die Extrapolation des vernetzten Managens etwa nach Japan ist nicht schwierig“, sagt Bolte. Und auch Brinker verdeutlicht: „Wir bringen unsere Erfahrungen auch in die Türkei.“

„Enera bietet die Möglichkeit, schnell Dinge auszuprobieren“, sagt auch Jens Läkamp vom Start-Up Peak Lab, das Design-getriebene Software entwickelt. Die Firma widmet sich dem „Interface der Energie“ – das bedeute die „Summe der Visualisierung“ der Prozesse, erläutert er. „Wir sind weit davon entfernt, in der Praxis neue Services anbieten zu können“, verdeutlicht Appelrath. Er hofft auf eine „Hochskalierung“ der Systemdienstleistungen während der Laufzeit von „Enera“. Es geht aber nicht nur um Technologie. „Wir müssen von der Steckdose nach oben denken“, betont Brinker. Allerdings bedürfe es noch viel Informations- und Kommunikationsarbeit, denn „die Kunden sind mental noch nicht in der Energiewende angekommen“. Ohne Preisdifferenzierung werde man da kaum etwas erreichen, meint er. „Die Lastverschiebung in Haushalten wird nur funktionieren, wenn der Kunde Preisanreize hat.“

Der scheidende EWE-Chef ist davon überzeugt, dass mit Blick auf 90 % Emissionsminderung in Europa bis 2050 der Anteil der fossilen Energien immer weiter zurückgedrängt wird und die erneuerbaren Energien stark wachsen werden. „2030 fängt es an, interessant zu werden, dann gehen Solar und Windparks aus der Förderung heraus.“ Die Kohle habe „keine Chance mehr“ und auch für das Erdgas sieht er langfristig schwarz. „Das gesamte Energiesystem muss auf Strom umgestellt werden“, so Brinker. Er rechnet damit, dass sich die Zahl der dezentralen Einspeiser von 1,5 Millionen auf 5 Millionen mehr als verdreifachen wird.

Dies wie auch die hoch volatile Produktion zu beherrschen, erfordere ein „automatisiertes System“. Auf dem Weg dahin könnte „Enera“ ein wichtiger Schritt sein - mit oder ohne staatliche Frderung, für die es noch andere Bewerber gibt: Designnetz (RWE) , WindNODE in Nordostdeutschland (50Hertz), New 4.0 (Fraunhofer ISIT in Schleswig-Holstein und Hamburg) und C/sells (Smart Grid Plattform Baden-Württemberg).
 

Angelika Nikionok-Ehrlich
Redakteurin
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Montag, 27.07.2015, 10:04 Uhr

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