• Gas: Es bleibt günstig
  • Strom: Spot sackt weiter ab
  • BVES vorsichtig optimistisch
  • Thüga unterstützt Digitalisierung
  • 50.000 neue Jobs bei Solar und Speicher prognostiziert
  • 250. Effizienz-Netzwerk gestartet
  • EU will Bürgern beim klimafreundlichen Heizen helfen
  • Netzagentur stimmt Netzentwicklungsplan Gas zu
  • "Wir müssen uns selbst helfen"
  • Telekom und EWE wollen Glasfasernetz ausbauen
Enerige & Management > Mobilität - Emissionsfreier Nahverkehr im Zeichen der Energiewende
Bild: Marc-Oliver Schulz/Hamburger Hochbahn AG
MOBILITÄT:
Emissionsfreier Nahverkehr im Zeichen der Energiewende
Die Elektrifizierung der Busflotte einer Metropole stellt Verkehrsbetriebe und Netzbetreiber vor große Herausforderungen. Das zeigen Beispiele aus Hamburg.
 
In Hamburg nimmt der Umstieg auf den emissionsfreien großstädtischen öffentlichen Nahverkehr bereits konkrete Formen an. Als erstes großes Verkehrsunternehmen hat die Hamburger Hochbahn AG im vergangenen Spätsommer eine europaweite Ausschreibung zur Lieferung von 60 Elektrobussen gestartet. Gesucht wurden zwölf Meter lange Fahrzeuge, die eine Mindestreichweite von 150 Kilometern haben und zwischen Anfang 2019 und 2020 geliefert werden sollen.

Der Hamburger Senat hatte zuvor die politische Vorgabe gemacht, dass ab 2020 nur noch emissionsfreie Fahrzeuge für den ÖPNV in der Elbmetropole angeschafft werden. „Die Umstellung der kompletten Busflotte einer Millionenmetropole auf Elektromobilität stellt eine enorme Herausforderung dar. Eine Herausforderung, die wir angenommen haben und die wir meistern werden“, erklärt Thoralf Müller, Geschäftsführer der Verkehrsbetriebe Hamburg-Holstein GmbH (VHH).
 
Zwei E-Midibusse in Hamburg-Blankenese. Ab 2020 sollen nur noch emissionsfreie Busse für Hamburg angeschafft werden
Bild: VHH

Das Unternehmen ist neben der Hochbahn wichtigster Busflottenbetreiber im Hamburger Verkehrsverbund. Im November 2014 hatten die VHH den ersten batteriebetriebenen Elektrobus für Hamburg angeschafft. Das knapp 8 m lange Fahrzeug des italienischen Herstellers Rampini wird als „Bergziege“ gemeinsam mit einem 2016 angeschafften Schwestermodell im engen und steilen Blankeneser Treppenviertel eingesetzt. Beide Fahrzeuge sind am Betriebshof Schenefeld an der westlichen Hamburger Stadtgrenze stationiert, wo sie nachts aufgeladen werden. Zusätzlich besteht die Möglichkeit einer Zwischennachladung am Bahnhof Blankenese.

Seit 2017 sind zudem zwei Gelenkbusse vom Typ Exqui.City des belgischen Herstellers Van Hool im Probebetrieb. Diese Fahrzeuge wurden speziell für die VHH konzipiert. Sie verfügen über eine Lithium-Ionen-Batterie mit 215 kWh Speicherleistung, die über einen Pantografen (Stromabnehmer) an den Endhaltestellen am Hamburger Volkspark und am Kraftwerk Tiefstack aufgeladen werden können.

Noch in diesem Jahr werden die VHH zehn weitere Elektrobusse bekommen, fünf Solo-Busse und fünf Gelenkbusse. Gerade wird der Betriebshof Bergedorf im Südosten der Stadt auf die neuen Anforderungen an die Elektromobilität angepasst und entsprechend umgebaut. So seien vor allem für die Wartung der Elektrofahrzeuge mehr Dacharbeitsplätze erforderlich, erklärt ein Unternehmenssprecher.

Paradigmenwechsel auf dem Betriebshof

Auch bei der Hamburger Hochbahn wird die Umstellung auf Elektrobusse zu einem Paradigmenwechsel in der Wartung und Instandhaltung der Busse führen. Bis die ersten Elektrobusse 2019 geliefert werden, soll ein neuer Busbetriebshof fertiggestellt sein, der eigens für innovative Antriebstechnologien konzipiert wurde.

Im Stadtteil Alsterdorf zwischen der Bürostadt City-Nord und dem Flughafen entsteht derzeit die als Gleisdreieck bezeichnete neue Betriebsstätte. Der Standort soll 240 umweltschonenden Fahrzeugen Heimat bieten und der erste Hochbahnbetriebshof sein, der vollständig auf emissionsfreie Busse ausgerichtet ist. Die Fahrzeuge werden hier gereinigt, gewartet, instandgesetzt und für ihren täglichen Einsatz vorbereitet. Die Hamburger Hochbahn will für die Umstellung auf emissionsfreie Antriebe in den nächsten Jahren rund 400 Mio. Euro investieren, dabei werden allein für den neuen Busbetriebshof in Alsterdorf rund 70 Mio. Euro veranschlagt.

„Eine wesentliche Grundvoraussetzung für die Umstellung des Busverkehrs ist die Leistungsfähigkeit des Stromverteilungsnetzes“, erläutert Frank Steinhorst, Bereichsleiter Infrastruktur der Hamburger Hochbahn AG. Den im Bau befindlichen Busbetriebshof Gleisdreieck will das Unternehmen über den städtischen Netzbetreiber Stromnetz Hamburg an das 110-kV-Hochspannungsnetz anschließen. Dadurch können nicht nur die batteriebetriebenen Busse geladen werden, sondern theoretisch auch Elektrolyseure für die Wasserstofferzeugung auf dem Gelände betrieben werden. Mit dem erzeugten Wasserstoff könnte die Hochbahn dann ihre Brennstoffzellenbusse betanken. Vorerst setzt das Unternehmen aber auf die Batterietechnologie, weil hier eine schnellere Serienreife bei den Fahrzeugen zu erwarten ist. „Folgerichtig verfolgen wir den Einsatz von Wasserstoff nicht aktiv weiter, behalten uns das aber sowohl für Fahrzeuge als auch für die Betankung als Option weiter offen", erklärt ein Hochbahn-Sprecher auf E&M-Nachfrage.

100 Mio. kWh zusätzlich erforderlich

Für Thomas Volk, den technischen Geschäftsführer von Stromnetz Hamburg, bedeuten solche direkten Anschlüsse an das Hochspannungsnetz höhere Investitionskosten. Ohnehin sieht er durch die Elektromobilität zusätzliche Herausforderungen auf sein Unternehmen zukommen. Bis Ende 2018 will Hamburg 1 000 öffentliche Ladepunkte für Elektrofahrzeuge errichten.

Gemeinsam mit den beiden Verkehrsunternehmen hat Stromnetz Hamburg vor zwei Jahren eine Metastudie Elektromobilität am Fachgebiet Elektrische Energiesysteme der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Auftrag gegeben. Die Experten rechnen damit, dass bis 2030 rund 100 000 elektrisch betriebene Pkw auf Hamburgs Straßen unterwegs sein werden. Dies würde einen zusätzlichen Energiebedarf von 500 Mio. kWh erfordern. Hinzu käme ein Strombedarf von 100 Mio. kWh, wenn 2030 alle 1 600 Stadtbusse im Hamburger Linienverkehr elektrisch fahren. Bis dahin dürfte der Strombedarf jährlich um 5 bis 10 % steigen, aktuell liegt der jährliche Gesamtbedarf in Hamburg bei 12,4 Mrd. kWh.

Netzausbau kaum erforderlich

„Im Fokus dieser Studie stand insbesondere die Auslastung unserer Umspannwerke durch die wachsende Ladeinfrastruktur. Die Ergebnisse sind wichtig und zeigen, dass das Hamburger Verteilungsnetz für den Hochlauf dieser Antriebstechnologie mit leichten Anpassungen grundsätzlich gut aufgestellt ist“, sagt Volk. Laut Studie müssten nur vier der 53 Umspannwerke zur Deckung des Mehrbedarfs angepasst werden. „Ein Modernisierungsaufwand, den wir in den kommenden Jahren ohnehin in der Planung haben“, so Volk. Wesentlich sei jetzt die langfristige Festlegung technisch und wirtschaftlich optimierter Rahmenbedingungen für das Lademanagement. „Für die bestehenden Busbetriebshöfe ist jeweils ein Anschluss an das 10-kV-Mittelspannungsnetz ausreichend“, ergänzt Hochbahnprojektleiter Steinhorst.

Teilweise profitieren die Busbetriebshöfe auch von ihrer Lage. So liegt etwa der VHH-Standort Bergedorf in direkter Nachbarschaft zu einem Umspannwerk. Zwischen Verkehrsunternehmen, Energieversorgern und Netzbetreibern gibt es bereits seit einigen Jahren einen regen Austausch, denn nicht überall sind die Bedingungen so optimal wie in Bergedorf. Im schleswig-holsteinischen Schenefeld plant die VHH ebenfalls eine Kapazitätserweiterung des Standorts; das Unternehmen befindet sich seit eineinhalb Jahren im Gespräch mit dem dort zuständigen Netzbetreiber Hansewerk.

Auch hier müssen das Hoch- und das Mittelspannungsnetz eventuell ausgebaut werden. „Der neue Betriebshof wird, wenn 200 E-Busse geladen werden, mit 14 Megawatt annähernd den gleichen Leistungsbedarf haben wie die Stadt mit 15 Megawatt“, erklärt Jörg Rudat, Projektleiter von Hansewerk. Da die Busse aber hauptsächlich nachts geladen werden und ein effizientes Lademanagement eingesetzt werden soll, wird es seiner Meinung nach zu keinen Versorgungsproblemen kommen. „Als Schleswig-Holsteiner begrüße ich ausdrücklich die geplante Mehrnutzung des Grünstroms ‚Made in SH‘. Das Projekt ist ein tolles Beispiel für die zukünftige Sektorkopplung“, so Rudat. 
 

Kai Eckert
Redakteur
+49 (0) 4101 8692995
eMail
facebook
© 2019 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 25.01.2018, 09:37 Uhr

Mehr zum Thema