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Enerige & Management > Wasserstoff - DVGW kritisiert Wasserstoffvorgehen des Bundes
Bild: EASAC
WASSERSTOFF:
DVGW kritisiert Wasserstoffvorgehen des Bundes
Im Entwurf des novellierten Energiewirtschaftsgesetzes sieht der DVGW einen Konstruktionsfehler. Das Gros der Industrie bleibe bei der Wasserstoffversorgung unberücksichtigt.
 
"2021 ist das entscheidende Wasserstoffjahr" − dessen ist sich Gerald Linke, Vorstandvorsitzender des Deutschen Verbandes des Gas- und Wasserfaches (DVGW), sicher. In einer Online-Pressekonferenz sprach er am 11. Februar zu der vom Bund geplanten Gestaltung einer künftigen Wasserstoffwirtschaft. Am 10. Februar hatte das Bundeskabinett in einem Entwurf über die Einstiegsregeln zur regulatorischen Behandlung reiner Wasserstoffnetze entschieden (wir berichteten).

Positiv sieht der Verband, dass die Bundesregierung nun auch rechtlich Gehör für den Wasserstoff gefunden habe. Positiv sei auch, dass die derzeitigen Gasnetzbetreiber solche Wasserstoffnetze künftig betreiben dürfen. Einen Konstruktionsfehler in der vorgesehenen Gesetzgebung erkennt der Verband jedoch in der vom Bund vorgesehenen Zweigleisigkeit von Wasserstoff in Reinform einerseits und Erdgas andererseits. "Die beiden Zweige Erdgaswirtschaft und Wasserstoffwirtschaft müssen zusammenwachsen!" forderte Linke.

Reines Wasserstoff-Backbone-Netz nicht ausreichend
 
So sieht der Verband "mit Sorge", dass das Wirtschaftsministerium auf den Transport reinen Wasserstoffs und den Bau reiner Wasserstoffleitungen fokussiert. Linke betonte in diesem Zusammenhang die Bedeutung der Verteilnetze. Über diese würden in Deutschland deutlich mehr Kunden erreicht würden, als über ein reines Wasserstoff-Backbone-Netz. Ungefähr 1,6 Millionen Industriekunden, die auch an der Energiewende teilhaben wollen, würden über das Verteilnetz erreicht. "Wir speisen aus dem Verteilnetz 755 Milliaden kWh aus − von insgesamt rund 1.000 Milliarden kWh. Das heißt, die Energie läuft in Deutschland durch die Verteilnetze“, rechnete Linke vor. Baue man ausschließlich Wasserstoff-Backbones auf, die nur einige wenige Kunden anschließen, bleibe der überwiegende Teil der Industrie unberücksichtigt.

Mit Blick auf benötigte Wasserstoffmengen wiederholte Linke zudem den Appell seines Verbandes zur Wasserstoff-Beimischung ins Erdgasnetz. Linke zog hierfür den Vergleich zum Stromnetz heran: So stoße man sich bei der Stromversorgung auch nicht daran, dass durch ein Kabel schwarze und grüne Elektronen – also aus der Kohlestromerzeugung und aus Windanlagen – fließen. "Wir freuen uns eher darüber, dass der Carbon-Footprint in Deutschland in den vergangenen Jahren insgesamt schrittweise reduziert wurde", so Linke. Diese Offenheit fordere der Verband auch für Wasserstoff im Erdgasnetz.

Den günstigsten Wasserstoffeinstieg im Blick
 
Das Verteilnetz erreiche jeden zweiten Haushalt und ermögliche so auch eine sozialverträgliche Dekarbonisierung im Wärmemarkt. "Wir halten es für erforderlich, dass man ein Konzept entwickelt, das auch genau diese Beimischung von Wasserstoff und die Nutzung der kompletten Verteilnetzinfrastruktur berücksichtigt", fordert Linke. Eine Elektrifizierung des Wärmemarktes oder anderer Teile, die heute effizient mit Gas versorgt werden (etwa in Hochtemperaturprozessen), hält der DVGW für nicht sinnvoll und technisch für nicht machbar. 

Die niedrigsten Wasserstoffeinstiegskosten entstünden dann, wenn man mit dem Wärmemarkt beginne, so der Verband. "Dies liegt einfach daran, dass der Wärmemarkt in Deutschland gigantisch ist", betonte Linke. Hinzu komme, dass die Gasinfrastruktur grundsätzlich mit Wasserstoff in der Beimischung operieren könne. Dies will der Verband in der nächsten Heizperiode zusammen mit dem Versorger Avacon in einem Großversuch unter Beweis stellen.

Auch die in der Novelle des EnWG vorgesehene Finanzierung der Wasserstoffnetze über die Nutzer und Einzelförderungen von Wasserstoffleitungen sieht der Verband kritisch. Wie Linke aufführte, sollten die Wasserstoffnetze genauso finanziert werden wie die Erdgasnetze: über alle Kunden. 

Potenzial von Biomethan

Zur Dekarbonisierung des Erdgasnetzes hob Linke das Potenzial von Biomethan hervor. "Unsere Untersuchungen zeigen, dass wir im Jahr 2050 rund 300 Mrd. kWh Biomethan in Deutschland erzeugen können, das meiste davon aus der Fläche und gekoppelt mit Power-to-Gas-Anlagen vor Ort“ (wir berichteten). Weitere Dekarbonisierungs-Möglichkeiten sieht Linke im Einsatz blauen und türkisen Wasserstoffs. 

Im Sommer will der DVGW unter anderem einen Wasserstoff-Leitfaden veröffentlichen mit Hinweisen für den Praktiker für Planung, Bau und Betrieb von reinen Wasserstoffleitungen. In einem Kompendium will der Verband Aufschluss geben über verfügbare wasserstofftaugliche Materialien verschiedener Hersteller. Zudem arbeitet der DVGW weiter an einem Zertifizierungsprogramm, mit dem die Firmen den Grad der Wasserstofftauglichkeit ihrer Komponenten nachweisen können. 
 

Davina Spohn
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