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Enerige & Management > E&M Energieclub - Digitalisierung muss die Menschen mitnehmen
Bild: E&M
E&M ENERGIECLUB:
Digitalisierung muss die Menschen mitnehmen
Digitalisierung wird die Energiebranche grundlegend verändern. Doch der entscheidende Faktor ist und bleibt der Mensch, so der Tenor eines Roundtables beim E&M Energieclub.
 
Disruptive Ereignisse haben das Potenzial, in kurzer Zeit große Veränderungen auszulösen. Ob die Corona-Pandemie das Zeug dazu hat, Deutschland in Sachen Digitalisierung stark voranzubringen, haben hochrangige Experten der Energiebranche beim Roundtable "Digitalisierung-Booster Pandemie − Germanys Best Practice" im Rahmen des ersten E&M-Energieclubs diskutiert.

Die Pandemie hat mit dem ersten harten Lockdown im März 2020 die Energieversorger zwar überrascht, aber beileibe nicht unvorbereitet getroffen, so die einhellige Meinung der Diskutanten. "Der Fall einer Pandemie war in unseren Notfallplänen zwar vorhanden, aber zugleich sehr abstrakt", so Matthias Cord, stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes des Stadtwerkeverbunds Thüga in München. Die letzte Pandemie in Europa habe mehr als 100 Jahre zurückgelegen. "Unsere größte Sorge war, dass unser Unternehmen geschlossen wird und wir nicht mehr handlungsfähig sind", ergänzt Ronald Pfitzer, Geschäftsführer der Stadtwerke Schwäbisch Hall. 

Einen Ausweg habe damals die Digitalisierung in Form von dezentralem Arbeiten im Homeoffice geboten, verbunden mit einem guten Schuss Pragmatismus: "Weil nicht alle Mitarbeiter mit Laptops ausgestattet waren, haben wir die Leute einfach ihre Hardware aus dem Büro mitnehmen lassen", erinnert sich Pfitzer.

Dem Berliner Versorger Gasag ist es seinerzeit gelungen, Schwachstellen in der Corona-getriebenen Ad-hoc-Digitalisierung schon vorab zu identifizieren: "Wir haben geahnt, was da auf uns zukommt und einige Wochen vorher einen Probelauf veranstaltet", so Gerhard Holtmeier, bis vor kurzem Vorstandsvorsitzender der Gasag. Dies und hohe IT-Investitionen in den Jahren davor hätten dann dafür gesorgt, dass man gut gewappnet gewesen sei. 

Einig waren sich alle drei Experten wie auch E&M-Chefredakteur Stefan Sagmeister als Diskussionsleiter, dass die IT-Abteilungen in diesen Wochen "schier Übermenschliches" geleistet hätten. Diese Leistungsbereitschaft der Belegschaften, verbunden mit praxistauglichen Notfallplänen haben dafür gesorgt, dass die Energieunternehmen bisher vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen sind.

E&M Energieclub: Energy Transformation Day 2021

Die Podiumsdiskussion "Digitalisierung-Booster Pandemie − Germanys Best Practice" war nur ein Highlight des Energy Transformation Day 2021 im Rahmen des neuen E&M Energieclub, zu dem sich rund 500 Experten aus der Energiebranche angemeldet hatten. Die digitale Veranstaltung umfasste unter anderem auch Webinare renommierter Unternehmen zu Themen wie Batteriespeicher (Verbund), EVU 2030 (BET), Energievertrieb (GET AG) sowie ein Gespräch von E&M-Herausgeber Helmut Sendner mit dem EnBW-Vorstandsvorsitzenden Frank Mastiaux zu "Smart Utilities".

Einvernehmen herrscht bei den drei Experten darin, dass Homeoffice nur ein erster Schritt ist und die Branche beim Thema Digitalisierung eher noch am Anfang steht. So fordert etwa Ronald Pfitzer von den Stadtwerken Schwäbisch Hall eine genauere Definition des Begriffs, der "zunehmend unscharf gebraucht werde". Für Gerhard Holtmeier müssen in diesem Zusammenhang vor allem die Prozesse unter die Lupe genommen werden − sowohl die IT − wie auch die Personalprozesse, wie er auf Nachfrage eines Teilnehmers im Chat präzisiert. Umso mehr als die Digitalisierung massive Auswirkungen auf die Mitarbeiterstruktur hat, wie Matthias Cord von der Thüga bestätigt: "Digitalisierung heißt Kosten senken, aber nicht IT-, sondern Personalkosten."
 
Die Teilnehmer an der virtuellen Podiumsdiskussion (im Uhrzeigersinn, von oben links): Gerhard Holtmeier, Matthias Cord, Ronald Pfitzer und Stefan Sagmeister
Bild: E&M

Entscheidend sei, in der Belegschaft die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Digitalisierung zu schaffen. Tatsächlich habe hier die Pandemie einen durchaus positiven Aspekt gehabt: "Das Home Office und die Nutzung von Software wie Microsoft Teams hat auch bei Digitalisierungsskeptikern zu höherer Akzeptanz geführt", berichtet Cord. Ähnliche Erfahrungen hat Holtmeier bei der Gasag im Rahmen eines Strukturveränderungsprogramms gemacht. Dabei sei älteren Mitarbeitern Vorruhestand und Altersteilzeit angeboten worden: "Das hat sehr geholfen, denn diejenigen, die geblieben sind, haben Interesse an der Digitalisierung und sich reingekniet."

Dass die Digitalisierung die Energiebranche in den nächsten Jahren massiv verändern wird, gilt bei den Experten als ausgemacht: "Alles, was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert werden", so Stadtwerkechef Pfitzer. Auch Cord erwartet technische "Quantensprünge" in der Zukunft − sieht aber wie seine Kollegen den Menschen als das Maß der Dinge: "Wenn die Auswirkungen der Digitalisierung nicht mehr als Fortschritt für die Menschen wahrgenommen werden, dann haben wir die Grenze der Digitalisierung erreicht." 
 

Peter Koller
Redakteur
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Donnerstag, 22.04.2021, 15:43 Uhr

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