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Enerige & Management > Interview - "Diese Fernwärmeschiene ist möglich"
Bild: Georg Schreiber
INTERVIEW:
"Diese Fernwärmeschiene ist möglich"
Erstmals öffentlich sprechen die Chefs der Stadtwerke Düsseldorf und Köln über eine Fernewärmeverbindung zwischen ihren beiden Städten, was mehr als eine Vision ist.
 
Der Besprechungsraum auf der Vorstandsetage in der Rheinenergie-Zentrale ist funktional möbliert. An der Wand hängt in Öl gemalt überlebensgroß das Konterfei des größten Sohns der Domstadt, Nobelpreisträger Heinrich Böll. Offene Augen, nachdenklich, abwartende Miene.

Sozusagen vor ihm Platz genommen haben Hausherr Dieter Steinkamp, Vorstandschef von Rheinenergie, und sein Pendant bei den Düsseldorfer Stadtwerken, Udo Brockmeier. Beide Energiemanager haben einen Draht zueinander, zwischen ihren Unternehmen läuft mehr an Kooperationen als allgemein angekommen wird.

Beide Stadtwerkechefs eint die Tatsache, dass sie jeder in diesem Jahr ein neues GuD-Kraftwerk in Betrieb genommen haben, Düsseldorf auf der Lausward, Köln im Stadtteil Niehl. Noch eine Gemeinsamkeit gibt es: Beide Unternehmen setzen dank ihrer KWK-Anlagen auf einen Ausbau der Wärmeversorgung in ihren Städten.

Außerdem denken Brockmeier und Steinkamp über ein weiteres gemeinsames Projekt nach, über das sie erstmals mit E&M sprachen: die Fernwärmeschiene Rheinland.
 
Udo Brockmeier (l.) und Dieter Steinkamp
Bild: Georg Schreiber

E&M: Herr Dr. Steinkamp, Herr Dr. Brockmeier, meine erste Frage an Herrn Brockmeier als langjährigem Kraftwerksexperten: Ist eine Fernwärmeleitung zwischen Düsseldorf und Köln technisch machbar?

Brockmeier: Technisch machbar ist eine solche Trasse allemal. Zumal, wenn eine solche Verbindung nicht nur eine reine Transportleitung wäre, sondern wenn es auf dem Weg sowohl Abnehmer als auch Einspeiser beispielsweise aus der Industrie gäbe. Hinzu kommt, dass wir durch unsere gemeinsame Tochtergesellschaft Rheinwerke über die notwendigen Strukturen verfügen, um das Projekt zielgerichtet voranzutreiben.

E&M: Was bei einer möglichen Fernwärmeschiene Rheinland beispielsweise mit dem Bayer-Werk in Leverkusen der Fall wäre.

Brockmeier: Das ist richtig. Von den Dimensionen, das heißt, Maßen und Längen, ist diese Fernwärmeleitung durchaus vergleichbar mit dem Projekt, das derzeit im Ruhrgebiet geplant und vorbereitet wird. Um es auf den Punkt zu bringen: Eine Fernwärmeschiene zwischen Düsseldorf und Köln ist möglich.

Steinkamp: Die neue Fernwärmeschiene Rhein-Ruhr hat durchaus Pate für unsere Überlegungen gestanden. Als das NRW-Umweltministerium 2013 die Machbarkeitsstudie für dieses Projekt vorgestellt hatte, haben wir gegenüber dem Ministerium gesagt, dass eine solche Schiene zwischen Köln und Düsseldorf sinnvoll und realisierbar ist. Wir haben dann zunächst mit unseren internen Mitteln grob einen möglichen Trassenverlauf konzipiert.

E&M: Jetzt wird es interessant. Was war das Ergebnis?

"Für die Trasse kommt nur die rechte Rhein-Seite infrage"

Steinkamp: Für eine solche Trasse kommt nur die rechte Rhein-Seite infrage. Links sehen wir zwischen Köln und Düsseldorf nicht die großen Potenziale. Anders sieht es rechtsrheinisch aus: Wir erschließen dort gerade den Kölner Stadtteil Mülheim, der an Leverkusen grenzt. Leverkusen ist ein Ballungsraum, in dem die Fernwärmeversorgung sinnvoll mit unserem dortigen Tochterunternehmen angegangen werden kann. Mit der Bahnstadt Opladen als Stadtteil von Leverkusen ist auch bereits ein größeres Vorhaben auf den Weg gebracht worden. Düsseldorf plant derzeit eine Verbindung vom Kraftwerk Lausward in den südlichen Stadtteil Garath, der auch auf der rechten Seite des Flusses liegt.

E&M: Und zwischen Düsseldorf-Garath und Köln-Mülheim liegen außerdem noch Städte wie Monheim oder Langenfeld und damit vor allem auch potenzielle Abnehmer.
 
Udo Brockmeier
Bild: Georg Schreiber

Brockmeier: Das ist richtig, genauso richtig wie die Tatsache, dass wir einen 18 Kilometer langen Abzweig nach Garath unter Einbindung des Henkel-Werkes planen. Wichtig ist, dass es zwischen unseren Kraftwerken nicht nur grüne Wiese gibt. Genauso wichtig ist auch, dass mit der chemischen Industrie in Leverkusen ein potenzieller industrieller Wärmeeinspeiser vorhanden ist. Mit unseren beiden Kraftwerken dürfte es schwerfallen, 100 000 oder 200 000 neue Fernwärmekunden plus mehrere Industriebetriebe entlang der Trasse allein zu versorgen. Wir brauchen dafür die Industrieeinspeisung. Deshalb ist die rechte Rhein-Seite für eine mögliche Trasse für mich gesetzt. Hier finden wir den Bedarf auf der Abnahmeseite sowie zusätzliche Einspeisequellen auf der Kundenseite.

"Kraft-Wärme-Kopplung ist praktizierte Sektorkopplung"

Steinkamp: Das sehe ich auch so, zumal sich unsere Netze auf dieser Seite langsam aufeinander zubewegen. Hier liegen einfach künftige Potenziale und mit der Bayer AG auch eine immense Wärmequelle. Es geht im Grunde genommen um einen größeren Lückenschluss. Das ist auch so im Ruhrgebiet der Fall, wo mit der Fernwärmeschiene Rhein-Ruhr drei Inselnetze verbunden werden sollen. Da sind ähnliche Entfernungen zu verbinden wie die Trasse Köln-Düsseldorf. Es bedürfte also keines technischen Wunderwerkes. Wenn man das 25-Prozent-Ziel der Bundesregierung für den Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung ernst nimmt, muss ein Projekt wie eine Fernwärmeschiene Rheinland ganz oben auf der Agenda stehen. Das ist gelebter Klimaschutz und praktizierte Sektorkopplung. Bei der KWK findet diese an der Quelle und nicht in der Senke statt.

E&M: Herr Brockmeier, die von Herrn Steinkamp skizzierten Potenziale sehen Sie auch?

Brockmeier: Auf jeden Fall. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass wir mit unseren Unternehmen in einer wachsenden Region unterwegs sind. Alle Prognosen sagen ein deutliches Bevölkerungswachstum voraus, damit verbunden ist auch ein Plus an Industrie und Gewerbe. Ich sehe es wie Dieter Steinkamp: Ohne dass wir es ursprünglich explizit geplant hatten, bewegen wir uns mit unseren Fernwärmenetzen aufeinander zu.

Ein Wort noch zu der industriellen Einspeisung: Eine mögliche Fernwärmeverbindung Düsseldorf-Köln bekäme mit der industriellen Abwärme unter Klimagesichtspunkten eine fantastische Einspeisung, was ein Vorteil für uns wäre. Aber auch für Industriebetriebe würden sich Vorteile ergeben. Unter Redundanzgesichtspunkten könnte sich die Sicherheit für deren Wärmeversorgung durch die neue Trasse deutlich erhöhen.
 
Dieter Steinkamp
Bild: Georg Schreiber

E&M: Lassen sich Politik, Gremien und die vorhandenen Anlieger für ein Projekt wie eine Fernwärmeschiene Rheinland begeistern?

Steinkamp: Davon gehe ich fest aus, auch, wenn wir für dieses Projekt sicherlich einen langen Atem brauchen. Aber, wer die Klimaziele von Paris ernst nimmt, wird erkennen, dass sich in Ballungsräumen nur dank Fernwärme innerhalb kürzester Zeit enorme Mengen Kohlendioxid reduzieren lassen. Das ist mit keinem anderen Energieträger möglich. Auch in Bezug auf CO2-Vermeidungskosten spricht alles für die Fernwärme, zumal, wenn punktuell industrielle wie auch regenerative Einspeisung hinzukommt. In dieser Kombination sind die CO2-Vermeidungskosten ungemein wichtig.

Auch wenn wir noch keine Zahlen vorliegen haben, sind wir uns sicher, dass sich mit der Fernwärmeschiene Rheinland bedeutend größere Treibhausgasmengen reduzieren lassen als mit einer enormen Anzahl von dezentralen Einzelprojekten. Kraft-Wärme-Kopplung, das wissen wir beide nur zu genau, hat nicht den Charme des Neuen oder von Innovation, aber dafür einen sehr langen Hebel beim Klimaschutz. Um für das Projekt Fernwärmeschiene Rheinland zu werben, müssen wir vor allem alle Beteiligten für die Kraft-Wärme-Kopplung begeistern.

Brockmeier: Das sollte uns aber gelingen. An den beiden Enden der potenziellen Fernwärmeleitung Rheinland stehen Europas modernste Gaskraftwerke. Wir kommen beide auf einen elektrischen Wirkungsgrad von über 60 Prozent und einen Nutzungsgrad, der bei rund 85 Prozent liegt. Die beiden Kraftwerke ermöglichen es uns, der Fernwärmeschiene Rheinland nicht nur eine ökonomische, sondern auch eine ökologische Logik zu geben, zumal sie auch bei anderen drängenden Problemen, wie etwa der Feinstaub- oder Stickoxyd-Problematik in Ballungsräumen, helfen kann. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir in diese Leitung künftig das immer grüner werdende Gas einspeisen können, was bedeutet, dass das Projekt absolut zukunftsfähig ist.

E&M: Wie geht es weiter mit der Rhein-Schiene für die Fernwärme?

Brockmeier: Wir haben eine Machbarkeitsstudie für das erste Teilstück nach Garath in Auftrag gegeben, die unsere bisherige Grobskizze in Sachen Trassenführung, Auslegungskriterien und Potenzialabschätzung für einen möglichen Wärmeabsatz konkretisieren soll. Bei einem positivem Ergebnis könnte die Trasse Lausward-Garath bis 2020 in Betrieb gehen. Die Studie lehnt sich an die gleichen Fragestellungen an, die es vor einigen Jahren bei der Untersuchung einer möglichen Fernwärmeschiene Rhein-Ruhr gegeben hat. Ohne diese Untersuchung vollständig vorliegen zu haben, wäre es einfach unseriös, bereits heute Zahlen über Kosten oder Bauzeiten in die Öffentlichkeit zu bringen.

Auf alle Fälle ist es das Projekt allemal eine intensive Voruntersuchung wert. Die Schiene hat für mich einen symbolischen Wert für das Zusammengehen der Region, in der wir leben und arbeiten. Dementsprechend ist es für mich auch wichtig zu erwähnen, dass wir auf ein Partnerschaftskonzept setzen. Es geht uns nicht um Endkundenakquise, sondern um intelligente Formen der Zusammenarbeit, etwa als Vorlieferant oder auch anders herum als Wärmeempfänger.

E&M: Wann könnte die Fernwärmeschiene Rheinland starten?

Steinkamp: Wenn wir in vielleicht fünf Jahren mit allen Beteiligten die notwendigen Beschlüsse hinbekommen, wäre das ein richtiges gutes Tempo.
 

Ralf Köpke
© 2019 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 29.12.2016, 13:52 Uhr

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