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Enerige & Management > Interview - "Die Stärken von BHKW geraten in den Hintergrund"
Bild: wellphoto / Fotolia
INTERVIEW:
"Die Stärken von BHKW geraten in den Hintergrund"
Wasserstoff ist momentan das „Hype-Thema“. Warum der politische Fokus allerdings angepasst werden sollte, erläutert Stefan Liesner vom BHKW-Hersteller 2G im Interview.
 
E&M: Herr Liesner, 2G Energy ist einer von wenigen BHKW-Herstellern, die bereits mehrere Wasserstoff-BHKW erfolgreich installiert haben. Seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema?

Liesner: Durch unsere lange Historie in der Biogasbranche haben wir uns schon seit der Gründung 1995 intensiv mit der Nutzung verschiedener Gase und Gasqualitäten in unseren Produkten beschäftigt. Der bei uns immer schon starke Innovationsgeist, gepaart mit langjähriger Erfahrung im Bereich der Gasmotorenentwicklung war dann auch vor etwa zehn Jahren der Wegbereiter, um mit der Nutzung von Wasserstoff in unseren BHKW zu beginnen. Bereits 2014 konnten wir in Berlin den ersten Prototypen installieren, der mit 100 Prozent Wasserstoff betrieben wurde. Interessanterweise war die öffentliche Aufmerksamkeit seinerzeit weitaus geringer, als es aktuell der Fall ist. Wir haben die vergangenen Jahre darüber hinaus genutzt, um die Wasserstofftechnologie weiter zu optimieren, und können inzwischen wasserstoffbetriebene BHKW in vielen Leistungsklassen anbieten. Dass der Zeitpunkt der technischen Marktreife nun mit der zunehmenden Identifikation von Wasserstoff als wichtigem Element der zukünftigen Energiewelt einhergeht, ist natürlich umso schöner.

E&M: Die Technologie ist bei Ihnen also gewachsen. Welchen wirtschaftlichen Stellenwert hat das Thema momentan im Unternehmen?

Liesner: Wasserstoff ist für uns indirekt bereits heute ein Umsatzträger, da die H2-Fähigkeit auf Seiten der Kundschaft immer aktiver gefordert wird. Nationale wie internationale Ausschreibungen beinhalten zu Recht zunehmend die Forderung nach der Umrüstbarkeit von Erdgas-BHKW auf den späteren Betrieb mit Wasserstoff und dokumentieren damit die Zukunftsträchtigkeit von BHKW. Auch bei Produkten, die schon heute als reine Wasserstoffvariante ausgeliefert werden, bemerken wir, dass das Thema zunehmend mehr Marktteilnehmer beschäftigt und auch die Anzahl einzelner Pilotprojekte beziehungsweise konkreter Anfragen langsam wächst. Vieles steht und fällt hier ganz einfach mit der Infrastruktur und hängt von der Umsetzung der nationalen und internationalen Wasserstoffstrategien ab. Festzuhalten bleibt: Jedes heute von 2G ausgelieferte Erdgas-BHKW kann zu einem späteren Zeitpunkt mit überschaubarem Aufwand für den Betrieb mit Wasserstoff umgerüstet werden.
 
Stefan Liesner
Bild: 2G Energy

E&M: 2G wirbt damit, dass Blockheizkraftwerke ‚Enabler‘ für die Energiewende sein könnten. Was meinen Sie damit?

Liesner: Es besteht sicherlich Einigkeit darüber, dass Wind und Sonne zukünftig einen Großteil der weltweit benötigten Energie liefern werden. Bei allen internationalen Bekenntnissen zu diesen Technologien bleibt jedoch das Problem des saisonalen Versatzes zwischen Energieerzeugung und Energiebedarf weiterhin bestehen − zumal der schwer zu dekarbonisierende Wärmesektor oftmals gern ausgeklammert wird. Durch eine intelligente Sektorkopplung unter Einbeziehung der Gasinfrastruktur als saisonale und zunehmend regenerative Speicherlösung wird ein realistischer Pfad geschaffen, der das Erreichen der Klimaziele ermöglicht.
Ein 100 Prozent erneuerbares Energiesystem wird in Zukunft ein effizienter Mix aus verschiedenen Energiequellen und Energieträgern sein − ermöglicht durch intelligente Digitalisierungslösungen. Vor diesem Hintergrund werden dezentrale BHKW in dreifacher Hinsicht zum ‚Enabler‘: Zum einen können sie die im Gassystem eingelagerte Wind- und Sonnenenergie hocheffizient wieder zurücktransformieren. Zum anderen sind sie aufgrund der komplementären Betriebsweise die natürliche Partnertechnologie zur PV-Anlage. Zusätzlich sind BHKW systemdienlich und können jederzeit nach Bedarf die Residuallast hocheffizient abdecken.

E&M: Wo sehen Sie in den nächsten Jahren die größten Herausforderungen für BHKW-Hersteller?

Liesner: Ich sehe die Herausforderungen weniger in der technischen Umsetzung bei den BHKW-Herstellern. Unsere bisher installierten Wasserstoff-BHKW laufen schon heute problemlos mit hohen Wirkungsgraden sowie hohen Effizienzen über einen Zeitraum von mehreren Tausend Stunden. Uns besorgt derzeit eher, dass bei allem Wasserstoff-Hype die eigentlichen Stärken von Blockheizkraftwerken als dezentrale und schnell umsetzbare Lösung in den Hintergrund geraten. Anders als etwa auf europäischer Ebene berücksichtigt der deutsche Gesetzgeber die Rückverstromung im Rahmen der Wasserstoffstrategie zu wenig. Auch im Rahmen der letzten KWKG-Novelle wurde das Thema vollständig ausgeklammert. Wir sehen Wasserstoff im Rahmen der Sektorkopplung als elementaren Teil der saisonalen Speicherung, um regenerative Energie jederzeit bedarfsgerecht zur Verfügung stellen zu können. In Kombination mit komplementär arbeitenden PV-Anlagen und dezentralen Elektrolyseuren lassen sich Systemwirkungsgrade von bis zu 90 Prozent realisieren und tragen damit der hohen Wertigkeit von Wasserstoff Rechnung.

E&M: Was müsste mehr in den Fokus?

Liesner: Die über Jahrzehnte ausgereifte BHKW-Technologie in Kombination mit der bestehenden, zunehmend regenerativen Gasinfrastruktur ermöglicht kurzfristig sichtbare Erfolge in der Klimapolitik und setzt gleichzeitig den langfristigen Rahmen für eine dezentrale, sichere und klimaneutrale Energieversorgung der Zukunft - getreu dem Motto: ‚Heute Erdgas − morgen Wasserstoff‘. Bezogen auf den gesamten Endenergiebedarf über alle Sektoren stammen noch nicht einmal 20 Prozent aus regenerativen Energien. Da liegt noch einiges vor uns.

Zur Person
Stefan Liesner ist Head of Public Affairs bei der 2G Energy AG, einem international tätigen Hersteller von KWK-Anlagen mit Hauptsitz in Heek (Nordrhein-Westfalen). Der Wirtschaftsingenieur mit Fachrichtung Maschinenbau ist seit 2008 bei 2G und war bei dem BHKW-Hersteller in verschiedenen Funktionen tätig, etwa in der Entwicklung, im Marketing oder im internationalen Vertrieb. Außerdem ist Liesner Mitglied im Vorstand des Bundesverbandes Kraft-Wärme-Kopplung.
 

Heidi Roider
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