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Enerige & Management > Statistik - Deutschland im Windkraft-Rausch
Bild: Fotolia.com, 3Dmask
STATISTIK:
Deutschland im Windkraft-Rausch
Der deutsche Windmarkt erlebt mit 4 750 MW brutto einen Zubau an Land, den selbst langjährige Windexperten nicht für möglich gehalten haben.
 
Soviel Windkraft war noch nie in Deutschland: Zwischen deutsch-dänischer Grenze und dem Alpenvorland sind im vergangenen Jahr 1 766 Windturbinen mit einer Gesamtleistung von 4 750 MW neu in Betrieb gegangen. Zwölf Jahre hat es damit gedauert, bis der Zubaurekord aus dem Jahr 2002 mit 3 247 MW getoppt werden konnte – und zwar um gleich gut 47 %. An Land verfügte Deutschland Ende 2014 über eine Windkraft-Leistung von 38 115 MW plus 1 059 MW auf See.
 
Noch eine andere, politische Zahl ist wichtig: Die Netto-Zubauleistung (dabei wird auch der Abbau durch Repowering-Projekte berücksichtigt) von gut 4 386 MW liegt deutlich über dem Ausbaukorridor von 2 500 MW, den sich die schwarz-rote Bundesregierung bei der letztjährigen Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes zum Ziel gesetzt hatte. Auf die Debatten in Berlin angesichts des Wind-Rushs darf man in nächster Zeit gespannt sein.
 
Die neue Rekordmarke wäre unvollständig mit dem in den vergangenen zwölf Monaten erfolgten Ausbau auf See mit 529 MW. Daher wird das Jahr 2014 mit einem Gesamtausbau von 5 279 MW in die Annalen eingehen. Deutschland dürfte damit auch die wesentliche Stütze des letztjährigen Windkraftausbaus in Europa gewesen sein.
 
Selbst die beiden führenden Windenergie-Verbände, den Bundesverband Windenergie (BWE) und VDMA Power Systems, hatten ein derart hohen Zubau an Land nicht erwartet. „Positiv bemerkbar haben sich die zusätzlichen Flächenausweisungen gemacht, die viele Bundesländer nach dem Fukushima-Gau beschlossen hatten“, benannte BWE-Präsident Hermann Albers eine der Ursachen für den Rekordausbau. Lars Bondo Krogsgaard, der das Lenkungsgremium Windenergie im VDMA vertritt, sieht noch einen zweiten „Treiber“: „Bei dem angekündigten Systemwechsel bei der Vergütung zu einem Ausschreibungsmodell spüren wir seit Wochen eine starke Verunsicherung im Markt. Die Projektentwickler, bei denen es irgendwie möglich war, haben einige für die Folgejahre geplante Windparks wohl vorgezogen.“ Da niemand derzeit abschätzen kann, wie das Ausschreibungsdesign für Windparkprojekte ab 2017 aussieht, geht Krogsgaard auch für dieses Jahr von einem Zubau in der Größenordnung zwischen 3 500 und 4 000 MW an Land aus. Die Windenergie etabliert sich damit als die eigentliche regenerative Säule für die Energiewende.
 
„Das ist auch gut so, da die Windkraft die preisgünstige Energiequelle unter den erneuerbaren Energien ist“, betonte BWE-Mann Albers. Der unerwartet hoch ausgefallene Onshore-Windausbau schließt für ihn die „Lücke“, die es nach den jüngsten Einbrüchen im Photovoltaik- und Biogassektor gegeben hat. „Die Bundesregierung kann froh über unsere immensen Schub sein, da sie so bei den von ihr verfolgten Ausbauzielen bei den erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2025 weiter auf Kurs bleibt.“ Die Windenergie als Lückenfüller – ein Bild, an das sich die Politik erst noch gewöhnen muss.
 
Verunsicherung vor dem Ausschreibungsmodell führt zu Vorzieheffekten
 
Wie Krogsgaard forderte auch Albers faire und nachvollziehbare Bedingungen für alle Windmüller bei dem von der schwarz-roten Bundesregierung favorisierten Ausschreibungsmodell: „Es ist deshalb hilfreich für die weitere Debatte gewesen, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel jüngst betont hat, dass die Ausschreibungsbedingungen für die Photovoltaik nicht einfach in Gänze auf die Windkraft übertragen werden können.“ Wie wichtig das künftige Ausschreibungsmodell ist, unterstrich Krogsgaard mit folgendem Satz: „Die Ausschreibungen und das neue Strommarktdesign müssen ein Erfolg werden. Etwas anderes können wir uns in Deutschland auch als globaler Technologieführer nicht leisten.“
 
Mit den derzeit zu beobachtenden „Vorzieheffekten“ und den mit dem Systemwechsel zum Ausschreibungsmodell verbundenen Anpassungsschwierigkeiten gehen BWE und VDMA von deutlich schwächeren Windzubaujahren zwischen 2018 und 2020 aus. „Damit werden die Spitzen, die wir bis Ende 2016 sehen werden, sicherlich ausgeglichen“, so Albers. Noch liegen nicht für alle Länder die letztjährigen Ausbauzahlen im Windsektor vor; es zeichnet sich aber ab, dass Deutschland wie im Vorjahr nach China die Nummer zwei auf dem Weltmarkt geblieben ist.
 
Von der letztjährigen Dynamik auf dem deutschen Windmarkt haben fast alle Hersteller hierzulande profitiert. Marktführer Enercon hat mit knapp über 2 000 MW in Deutschland sein bislang bestes Vertriebsjahr in der Unternehmensgeschichte erlebt (Weltweit lag der Absatz, wie zu hören ist, bei gut 4 000 MW). Deshalb können die erfolgsgewohnten Ostfriesen es auch verkraften, dass ihr Marktanteil auf gut 43 % sank –2012 hatte die Quote noch bei gut 55 % gelegen. Dem Enercon-Management dürfte trotz der guten Zahlen nicht verborgen geblieben sein, dass die Wettbewerber technologisch aufgeholt haben. Deshalb planen die Ostfriesen die Lücke in Ihrem Portfolio zwischen 3 und 7,5 MW demnächst mit einer neuen 4-MW-Plattform mit 126 m Rotordurchmesser zu schließen.
 
Zu den Gewinnern im Hersteller-Kreis zählt zweifellos Nordex. Der für das Deutschland-Geschäft zuständige Vertriebsleiter Siegbert Pump kann das mit Zahlen belegen: „169 Anlagen haben wir 2014 ans Netz gebracht. Das ist die höchste Anzahl, die Nordex in seiner Firmengeschichte in einem Jahr in Deutschland errichtet hat.“ Der Gesamtzubau bei Nordex lag dank der sehr erfolgreichen Schwachwindanlage N117/2400 bei 412 MW. Für das laufende Jahr zeigt sich Pump wirklich optimistisch: „Das Jahr 2015 ist bereits sehr gut gebucht und wir gehen davon aus, dass alle Aufträge für das laufende Jahr in den nächsten Wochen in trockene Tücher gebracht werden. Dabei spielt auch die neue Generation Delta mit den Anlagen 3 MW und mehr eine immer wichtigere Rolle.“
 
Nicht ganz so optimistisch für das diesjährige Deutschland-Geschäft zeigt sich Henning Zint von der FWT energy-Gruppe. Das Nachfolgeunternehmen der einstigen Fuhrländer AG hatte im vergangenen Jahr eine einzige Anlage in Deutschland aufgestellt, aber insgesamt 22 Maschinen à 2 MW nach Kasachstan geliefert. Gerade in Osteuropa werden die Westerwälder in diesem Jahr weitere Windturbinen aufstellen. „Wie viele Anlagen es in Deutschland werden, hängt davon ab, wie schwierig die Finanzierungsgespräche mit den Banken für unsere neue 3,3-MW-Anlage werden“, so Zint.
 
Noch ein Blick auf die Zahlen für das Windjahr 2014: Wie im Vorjahr hat es in Schleswig-Holstein im Vergleich der Bundesländer mit 1 303 MW den größten Zubau gegeben. Auf das Land im Norden entfiel immerhin ein Viertel des bundesweiten Zubaus. Danach folgen Niedersachsen (627 MW), Brandenburg (498 MW), Rheinland-Pfalz (463 MW) und Bayern (410 MW) in den Top fünf. Angesichts der umstrittenen 10-H-Abstandsregeln dürfte der weiß-blaue Freistaat wohl zum letzten Mal einen der vorderen Ränge beim Windkraftausbau belegt haben.
 
Baden-Württemberg weiterhin Schlusslicht beim Windkraftausbau
 
Unter den großen Flächenländern hat Baden-Württemberg trotz einer seit dem Jahr 2011 regierenden grün-roten Landesregierung die rote Laterne beim Zubau behalten. Im Ländle gingen lediglich acht Windturbinen mit einer Leistung von weniger als 20 MW neu in Betrieb – das gleiche Level erreichte übrigens der kleine Stadt-Staat Bremen. Damit dürfte der Tiefstpunkt im Südwesten erreicht sein. Umwelt- und Energieminister Franz Untersteller erwartet jedenfalls „ordentlich Rückenwind“ für die kommenden Monate. Im vergangenen Jahr seien 62 neue Anlagen genehmigt worden – doppelt so viele wie in den Jahren 2011 bis 2013 zusammen.
 
Der Wind-Rausch in Deutschland geht jedenfalls in diesem Jahr weiter. Zu den prognostizierten rund 4 000 MW an Land könnten auf See bis zum Jahresende rund 2 000 MW hinzukommen. Sprich, wenn alles rund läuft, könnte Deutschland 2015 erstmals die 6-GW-Marke knacken.
 

Ralf Köpke
© 2020 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 29.01.2015, 14:12 Uhr

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