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Enerige & Management > Regenerative - Der Ökostrommarkt im Umbruch
Bild: Fotolia.com, Jürgen Fälchle
REGENERATIVE:
Der Ökostrommarkt im Umbruch
In Zeiten der Energiewende müssen die Grünstromanbieter mehr liefern als grüne Kilowattstunden. Derzeit läuft eine Debatte, wie künftig das Profil der Grünstromer aussehen muss, um neue Kunden zu gewinnen.
 
Energiewende paradox: Der heimische Ökostrommarkt stagniert. Wer gedacht hatte, dass der beschlossene Ausstieg aus der Kernkraft mehr Bundesbürger zur persönlichen Energiewende motiviert, muss sich eines Besseren belehren lassen. Seit rund anderthalb Jahren verzeichnen nur die wenigsten Anbieter Zuwächse an Grünstromkunden.

Das zeigen auch die Ergebnisse der jüngst abgeschlossenen, mittlerweile neunten Ökostromumfrage von Energie & Management. Zwar konnte diese mit knapp fünf Millionen Haushalten (Vergleich 2011: 3,99 Mio.) noch nie so viele Privatkunden ermitteln, die Zahl gibt dennoch wenig Anlass zum Jubeln.
Zum einen basiert der auf den ersten Blick bestechende Anstieg im wesentlichen darauf, dass immer mehr Energieversorger ihre Portfolios komplett auf Ökostrom umstellen. Gemessen an den E&M-Zahlen macht das bereits über 20 Prozent der Endkunden im Grünstrommarkt aus. Ein weiterer Grund für die aktuelle Rekordzahl: Noch nie wurden bei der branchenweit anerkannten Erhebung so viele Anbieter mit ihren Ökostromtarifen erfasst.

E&M steht mit dem Befund, dass dem Ökostrommarkt derzeit die Dynamik fehlt, nicht alleine da. 137 Energiehändler hatte die Leipziger GET AG befragt, welche Entwicklung sie für die kommenden Monate erwarten: Gut die Hälfte ging dabei von einer Stagnation und einem Rückgang aus.

Das EEG ist der eigentliche Treiber des Ökostromausbaus

Ein Gutachten für das Bundesumweltministerium (BMU) über die Entwicklung und über den Status quo des Grünstrommarktes, das das Leipziger Institut für Energie (IE) jüngst im kleinen Kreis in Berlin vorgestellt hat, rüttelt an den Grundfesten des bisherigen Marktmodells. „Der größte Teil des Ökostromhandels beruht allein auf Umverteilung“, konstatierte IE-Projektleiter Matthias Reichmuth, „weder Herkunftsnachweise noch Lieferverträge führen per se zu einem Nutzen für den Klimaschutz.“

Und noch ein Tiefschlag: „Neue Investitionen in Deutschland können dem Ökostromhandel nur als Nebenfaktor zugeordnet werden, auch wenn sie direkt aus Aufpreisen bestimmter Modelle gespeist werden“, so Reichmuth. Eindeutig fiel deshalb das Fazit von BMU-Mann Joachim Nick-Lepthin zur IE-Studie aus: „Der größte Treiber für den Ausbau der erneuerbaren Energien sind gesetzliche Regelungen, allen voran das Erneuerbare-Energien-Gesetz.“

Dabei waren die Ökostrom-Pioniere vor 15 Jahren mit dem Vorsatz angetreten, den Ausbau der erneuerbaren Energien entscheidend voranzubringen. Der Bau neuer Wind-, Solar- oder Biomasseanlagen avancierte zudem in den vergangenen Jahren zu dem entscheidenden Differenzierungsmerkmal, wer zu den "guten" Ökostromanbietern zählt und wer nicht. Die Debatte um die Zusätzlichkeit der verschiedenen Ökostromangebote ist lange und heftig geführt worden. Das IE-Gutachten, räumt Marcel Keiffenheim ein, habe zurecht den Finger in die Wunde gelegt. „Die Zubauwirkung durch den freiwilligen Ökostrommarkt ist längst nicht so groß, wie wir es als Anbieter und wie es auch unsere Kunden erwartet haben“, räumt der Leiter der Politikabteilung bei Greenpeace Energy ein.

Gesucht ist deshalb ein Modell für den Ökostrommarkt 2.0. „Für die Anbieter kommt es darauf an, sich künftig richtig zu positionieren“, sagt Martin Baumert, als Geschäftsführer der Naturwatt GmbH einer der Pioniere des heimischen Grünstrommarktes. Absehbar ist, so seine Meinung, dass der „reine Verkauf von Kilowattstunden künftig zu den uninteressanten Anforderungen zählen wird“. Was verständlich ist, da die Margen im Grünstromsektor wie beim Graustrom im Sinkflug sind. In den Fokus rücke deshalb das Dienstleistungsgeschäft für Privatkunden, aber auch für Kommunen und Industriebetriebe auf Ökostrombasis, sagt Baumert, ohne seine Überlegungen derzeit genau zu konkretisieren.

Auch Greenpeace-Mann Keiffenheim kündigt für die kommenden Wochen „einen Kriterienkatalog“ an, welche Anforderungen Ökostromangebote der Zukunft erfüllen müssen, „wir als Anbieter sind jetzt einfach gefordert“.

So sieht das auch EnergieVision e.V., der Trägerverein des ok-power-Labels. „Die Anforderungen der Verbraucher an ihre Ökostrom-Lieferanten haben sich in Zeiten der Energiewende deutlich verändert“, begründet Vereinsvorsitzender Udo Sieverding den branchenweit bislang umfassendsten Vorstoß. Der Gütesiegel-Verein hat Anfang des Jahres die Hamburg Institut Consulting GmbH (HIC) beauftragt, Leitlinien zu entwickeln, worauf sich Anbieter und Zertifizierer künftig einstellen müssen. Noch ist das Gutachten nicht abgeschlossen. „Ich denke, dass demnächst bislang vernachlässigte Kriterien zum Systemumbau eine verstärkte Rolle spielen werden“, lässt HIC-Geschäftsführer Robert Werner durchblicken, „wir untersuchen deshalb Konzepte für neue ökologische Zusätzlichkeiten, wie beispielsweise mehr Flexibilität zur größtmöglichen Aufnahme von erneuerbaren Energien in das Energiesystem.“

Ein bundesweit einheitliches Ökostromlabel wird es nicht geben

Auch die Frage, wie sich die einzelnen Anbieter auf politischem Terrain für die Energiewende engagieren, gehöre mit zu dem künftigen Anforderungsprofil. „Wir wissen noch nicht, wie und ob wir das messen können“, sagt Sieverding. „Was wir mittlerweile wissen ist, dass immer mehr Verbraucher dezidiert erläutert haben wollen, was ihr Ökostromversorger konkret für die Energiewende macht.“ Das stelle auch die Ökostromzertifizierer vor neue Herausforderungen.

Für den Ökostrommarkt 2.0 reicht es nicht aus, ein bundesweit einheitliches Label oder Mindeststandards für „guten“ Ökostrom zu schaffen, um dem Markt wieder mehr Schwung zu verleihen. Auf staatliche Unterstützung können die Ökostromanbieter dabei ohnehin nicht rechnen, was bei der IE-Präsentation deutlich wurde. „Da sehe ich die Branche in der Pflicht“, betonte Nick-Lepthin kurz und bündig.

Wie die jüngste E&M-Umfrage zeigt, verfügen die meisten Anbieter bereits über ein, wenn nicht zwei Ökostrom-Siegel. Die Label-Frage ist nicht die entscheidende für den freiwilligen Ökostrommarkt. „Wir brauchen einfach Akteure, die Zeichen setzen“, sagt Werner. Nach seiner Einschätzung braucht es auch im Energiewendezeitalter den freiwilligen Ökostrommarkt: „Unter den Anbietern gibt es eine Reihe von Unternehmen, die mit dazu beigetragen haben, die Bundesbürger für Ökostrom zu sensibilisieren und zu begeistern. Diese Vorreiter sind auch erforderlich, um der Bevölkerung die Machbarkeit der Energiewende nahezubringen.“

Wer als Ökostromanbieter in nächster Zeit wachsen will, sollte sich das Ökogas-Geschäft näher anschauen: Von den Kunden- und Absatzzahlen her dümpelt dieses Segment, wie die aktuelle E&M-Ökogasumfrage zeigt, weiter vor sich hin. Allerdings gibt es auch hier eine Debatte um die ökologische Zusätzlichkeit von Biogas, die der im Ökostrombereich in nichts nachsteht.
 

Ralf Köpke
© 2020 Energie & Management GmbH
Montag, 15.07.2013, 09:11 Uhr

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