• Strom: Day Ahead weiterhin billig
  • Gas: Leichte Erholung bei niedrigen Preisen
  • Durchstarten mit EWE Go
  • "Ein verlorenes Jahr für die Energiewende"
  • Infraserv Höchst handelt automatisch
  • Mehr Flexibilität in der Zellproduktion
  • Neuer Chef bei Karlsruhe Netzservice
  • Hybride USV für sichere und netzschonende Stromversorgung
  • Start für die Initiative "Wirtschaft pro Klima"
  • Schulze will Wasserstoff-Wirtschaft mit Quote ankurbeln
Enerige & Management > Stromnetz - Den Konsens beim Netzausbau möglich machen
Bild: Fotolia.com, Gina Sanders
STROMNETZ:
Den Konsens beim Netzausbau möglich machen
Das Forum Netzintegration der Deutschen Umwelthilfe (DUH) hat Politikempfehlungen zum Um- und Ausbau der Stromnetze präsentiert. Auf den „Plan N 2.0“ haben sich fast 60 Unternehmen der Stromwirtschaft, Bürgerinitiativen, Verbände und Wissenschaftsinstitutionen in einem zweijährigen Diskussionsprozess verständigt.
 
Ziel des von der DUH initiierten Forums Netzintegration ist es, Vorschläge für die politische Gestaltung eines natur- und sozialverträglichen Netzausbaus zu entwickeln, der Akzeptanz bei der betroffenen Bevölkerung findet. Bereits 2010 wurden dazu Empfehlungen an die Politik übergeben.

Zentrale Punkte des mehr als hundert Seiten umfassenden neuen „Plan N 2.0“ sind zum einen die Verbesserung der Beteiligung von Bürgern und Trägern öffentlicher Belange am Planungsprozess sowie auch ihre finanzielle Teilhabe und ein Nachteilsausgleich sowie ein besserer Wohnumfeldschutz, vor allem auch im Interesse der Gesundheitsvorsorge. Weitere Themen sind technologische Alternativen sowie Flexibilitätsoptionen im Verteilnetz.

Angesichts des breiten Spektrums der Beteiligten von Übertragungsnetzbetreibern (ÜNB) bis Bürgerinitiativen und teilweise sehr kontroverser Diskussionen sei die Einigung auf gemeinsame Vorschläge „nicht selbstverständlich“, unterstreicht DUH-Politikleiter Gerd Rosenkranz. Allerdings: nicht alle haben am Ende unterzeichnet. Die Übertragungsnetzbetreiber Amprion und Transnet Baden-Würtemberg wie auch der BDEW haben zwar im Forum mitgewirkt, aber bis zur Unterschrift unter die Politikempfehlungen ging es nicht. Vor allem der BDEW habe „sehr intensiv und konstruktiv“ mitgearbeitet. „Wir sind enttäuscht“, sagt Rosenkranz, „denn in dem Papier ist auch BDEW drin“.

Bei der Bürgerbeteiligung mache es Sinn, die Bürger und ihre Experten nicht erst im formalen Planverfahren, sondern auch bereits im Vorverfahren einzubeziehen, sagt Peter Ahmels, Leiter Erneuerbare Energien der DUH und Koordinator des Forums Netzintegration. Wie sich bereits bei einem Projekt in Schleswig-Holstein gezeigt habe, könnten dadurch Planungsfehler verhindert werden. Bei der Planung von Höchstspannungsleitungen sollte laut den Politikempfehlungen besonderes Augenmerk zwei Prozessphasen gelegt werden: Der Szenariorahmen müsse „in einem intensiven gesellschaftlichen Dialog“ erarbeitet werden, da hier bereits entscheidende Weichenstellungen für den Netzaus- und -umbau erfolgen. Bei der Bundesfachplanung, in der verbindliche Leitungsverläufe festgelegt werden, könnten im informellen Verfahren mit der Einbeziehung der betroffenen Körperschaften und Bürger noch Trassenalternativen diskutiert werden.

Konflikte vor Ort können laut den Ergebnissen des Netzforums durch einen verbesserten Schutz des Wohnumfeldes wie auch durch eine verstärkte Diskussion über Technologiealternativen wie Erdkabel oder Gleichstromtechnik gemildert werden. Grundsätzlich sollten neue Höchstspannungsfreileitungen weiter entfernt von der Wohnbebauung errichtet werden als bisher, lautet eine Empfehlung. Der Wohnumfeldschutz müsse rechtlich verankert werden, um ihn zu einem „abwägungsrelevanten“ Tatbestand im Planungsverfahren zu machen. Eine verbreitete Sorge der Bürger sind die durch Stromleitungen erzeugten elektromagnetischen Felder. Hier gebe es noch weiteren Forschungsbedarf, so Ahmels.

Belastungsgrenzen für Bündelung

Erforderlich sei außerdem eine Überprüfung des „Bündelungsgebots“, also beispielsweise der Leitungsbau parallel zu Autobahnen oder Schienenstrecken oder auch die Bündelung mehrerer Leitungen auf einem Gestänge. Auch wenn dies grundsätzlich positiv sei, so hält das Forum doch die Definition einer Belastungsgrenze für nötig, um eine Überbeanspruchung bestimmter Regionen zu vermeiden. So gibt es beispielsweise aus Thüringen, das bereits sehr mit Transportinfrastruktur belastet ist, schon Widerstand auch aus der Landesregierung gegen weitere Leitungsplanungen.

Weiter wird im Plan N 2.0 gefordert, die Möglichkeiten zu Ausnahmen von der Verpflichtung zu Erdkabeln für die 110-kV-Ebene nach § 43h EnWG in einer Durchführungsverordnung zu konkretisieren und die Einbeziehung von Kommunen, Bürgern und Naturschützern bei Entscheidungen über Ausnahmen zu gewährleisten.

Wichtiger Punkt auch: Die Flexibilitätsoptionen zur besseren Nutzung des Verteilnetzes sollten durch innovative Betriebsmittel wie ab- und zuschaltbare Lasten gehoben werden. Dafür sind Anreize nötig, wie die Abschaffung des Zeitverzugs in der Anreizregulierung. Über eine entsprechend Ausgestaltung der Netzentgelte könnte zudem netzentlastendes Verhalten der Stromverbraucher gestärkt werden.

Dosierte Teilverkabelungen und Kompensationen

Für die finanziellen Beteiligungsmöglichkeiten der Bürger an den Netzen sollten regionale und lokale Modelle entworfen und erprobt werden. Die Möglichkeit zum Nachteilsausgleich für Städte und Gemeinden wird positiv gesehen, hier fehle es aber ebenfalls noch an Konkretisierungen. „Wir sollten allerdings Kompensationen dosiert einsetzen und nicht nach dem Gießkannenprinzip“, meint der Leiter Kommunikation und Public Affairs des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz, Olivier Feix. „Sonst könnte dies die Kosten des Netzausbaus wesentlich erhöhen“, warnt er.

Auch die Teilverkabelung sollte „intelligent“ eingesetzt werden und sei „kein Allheilmittel“, so Feix. „Man darf sich über den Umfang der Teilverkabelung keine Illusionen machen“, sagt denn auch Hans-Jürgen Siegel. Sein Wohnort, Delligsen in der Hilsmulde, liegt an der Leitung Wahle-Mecklar. Dort würden 8 km erdverkabelt, berichtet er. Siegel, der als Vertreter einer von neun Bürgerinitiativen im Forum Netzintegration mitgearbeitet hat, nimmt aus dieser Arbeit vor allem eines mit: „Die Teilnahme am Forum hat zu unserer Fortbildung beigetragen. Wir können nun viel besser bewerten, was vor Ort passiert.“

„Der lange, phasenweise auch zähe Diskussionsprozess zwischen weit divergierenden Interessen hat sich gelohnt: Während anderswo das ‚Gemeinschaftswerk Energiewende‘ nur beschworen wird, haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Forums Netzintegration bewiesen, dass es geht. Konsens und praktische Empfehlungen müssen bei der Energiewende kein Widerspruch sein, wenn sachorientiert und geduldig diskutiert wird“, betont Koordinator Ahmels.

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE), der ebenfalls im Forum mitgearbeit hat, lobt die Vorschläge des Forums Netzintegration. „Der Plan N 2.0 des Forums zeigt, dass die intelligente Verknüpfung von Stromerzeugung und -verbrauch den Ausbau der Netze in Grenzen halten kann. Das dämpft die Kosten und erhöht die Akzeptanz bei den Bürgerinnen und Bürgern“, so BEE-Geschäftsführer Hermann Falk.

Plan N 2.0 soll im Januar 2014, wenn sich eine neue Bundesregierung formiert hat, Spitzenvertretern der zuständigen Ministerien bzw. des zuständigen Ministeriums offiziell übergeben werden. Das Forum Netzintegration wird seit fünf Jahren vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) gefördert.

Der Plan N 2.0 kann bei der Deutschen Umwelthilfe unter www.duh.de   abgerufen werden.
 

Angelika Nikionok-Ehrlich
Redakteurin
+49 (0) 170 2383219
eMail
facebook
© 2020 Energie & Management GmbH
Montag, 09.12.2013, 10:13 Uhr

Mehr zum Thema