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Enerige & Management > E&M Vor 20 Jahren - Contracting: Der Optimismus bleibt
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E&M VOR 20 JAHREN:
Contracting: Der Optimismus bleibt
Vor 20 Jahren wurde viel über innovatives Contracting diskutiert. Allerdings wuchs der Markt langsamer als optimistische Prognosen vorhergesagt hatten.
 
Dass der Contracting-Markt genügend Potenzial für viele kreative Dienstleister bietet, darüber war sich die Branche 2001 weitgehend einig. Wie Stadtwerke sich das Geschäftsfeld erschlossen, zeigte eine Euroforum-Konferenz, von der E&M-Redakteur Armin Müller im Herbst 2001 berichtete.
 
Bei der Tagung „Innovatives Contracting von EVU“ des Tagungs-Spezialisten Euroforum kamen nicht nur erfolgreich verlaufende Contacting-Projekte zur Sprache, sondern auch Planungen für künftige Angebote und Berichte über Hindernisse im Markt.



Nach Ansicht von Andreas Klemm, Rechtsanwalt in Düsseldorf, sind solche Hindernisse vor allem rechtlicher Natur - die lebhafte Diskussion nach seinem Vortrag und die zahlreichen Nachfragen zu juristischen Details unterstrichen seine Einschätzung. So behindern Klemm zufolge Gesetzes-Lücken beim Mietrecht die Entwicklung von Contracting im Wohnungsmarkt. Unklarheiten beim Eigentums- und Vergaberecht bremsen Contractoren, die der Industrie und der öffentlichen Hand Angebote unterbreiten wollen. Möglichst früh sollten deswegen von allen Contracting-Partnern Anwälte zur Vertragsverhandlung hinzugezogen werden, empfahl Klemm. Schwierig und teuer werde es, wenn die Juristen erst im Streitfall auf den Plan treten.
 
„Den Wettbewerb der Banken nutzen“

Offensichtlich einfacher als die korrekte Vertragsgestaltung ist das Erschließen von Finanzquellen für innovative Contracting-Projekte. Jedenfalls vermittelte diesen Eindruck Michael Schroers, Leiter Förderprogramme und Existenzgründung bei der Dresdner Bank in Düsseldorf. Eine ganze Reihe von Fördergeldern oder verbilligten Darlehen lassen sich in die Finanzierung von Contracting-Modellen einbinden. Durch geschickte Vertragsgestaltung und durch Wahl der Gesellschafts-Formen könne außerdem den unterschiedlichen Wünschen der Banken zur Risikoabsicherung Rechnung getragen werden, betonte Schroers. Sein Rat an alle Contracting-Anbieter: Zuerst mit Finanzierungswünschen auf die Hausbank zugehen und „bei der Erstellung cleverer Finanzierungen den Wettbewerb der Banken nutzen“.

Das Hauptgeschäft der Contracting-Anbieter ist nach wie vor die Wärmelieferung, doch immer mehr Zusatz-Angebote werden um diese herum gruppiert, um die Wertschöpfung zu erhöhen. Insbesondere die Stadtwerke haben erkannt, dass sich so in Zeiten des offenen Strommarktes auch die Kundenbindung erhöhen lässt.

So versuchen etwa die Stadtwerke München, die ihnen drohenden Umsatzverluste beim Gas, die durch die Modernisierungen von Heizungen verursacht werden, mit Contracting-Modellen zur Wärmelieferung zu kompensieren. Insbesondere Bauträger, Hausverwaltungen und Projektentwickler, die Gewerbe-Immobilien errichten wollen, haben die Stadtwerke laut Bertram Kölsch als Kundengruppen im Visier.

Während der Münchner Angebots-Schwerpunkt bei der Wärmelieferung bleiben soll und sich außerdem auf das Stadtgebiet beschränkt, wollen die Städtischen Werke Kassel auch außerhalb ihres angestammten Versorgungsgebietes Kunden gewinnen und langfristig binden. Zur Verfügung steht ihnen dazu ein breites Dienstleistungs-Angebot, das die Wärme- und Stromversorgung einschließt, aber zusätzlich durch Kältelieferung, Energiemanagement, Gebäudemanagement und Photovoltaik-Pakete (die übrigens auch die Mannheimer MVV in einem Contracting-Paket anbietet) ergänzt wird. Für Industriekunden bieten die Kasseler auch die Modernisierung und den Neubau von Produktionsstätten und die Konversion von Industrieflächen an, erläuterte Paul Reuter von den Städtischen Werken. Erfreulich für sein Unternehmen: Der durch die Contracting-Modelle erzielte Umsatz-Zuwachs geht nicht auf Kosten des ursprünglichen Stadtwerke-Geschäfts.
 
Erstes virtuelles Kraftwerk in Oldenburg

An ein ganz neues Contracting-Feld will sich nach Aussage von Andreas Ballhausen die EWE AG in Oldenburg wagen. Der Strom- und Gasversorger im Norden Deutschlands, der auch Gebäudemanagement und Wärmelieferung anbietet, will in den nächsten Jahren mit insgesamt 300 Brennstoffzellen ein sogenanntes „virtuelles Kraftwerk“ realisieren. Liefern sollen die Aggregate mit etwa 1 kW (el) und 2 kW (th) Sulzer Hexis und Vaillant, jeder 150 Stück. Die dezentralen Stromerzeuger werden im Rahmen eines Contracting-Modells betrieben und sollen dem Energieversorger helfen, die schwankende Einspeisung aus Windenergie-Anlagen zu kompensieren.
 
Derzeit sind im Netz der EWE 1.300 MW Windenergie-Leistung installiert. In den nächsten Jahren soll das Windkraftwerks-Potenzial auf 3.200 MW ausgebaut werden, kalkulierte Ballhausen. Die Brennstoffzellen will man in Wohnsiedlungen installieren, und diese dann unabhängig vom übergeordneten Stromnetz versorgen. Das Netz dient nur noch zur Sicherheit, zur Kompensation von Blindstrom und zur Frequenzhaltung.

Dass dieses System noch nicht wirtschaftlich sein kann, ist den Oldenburger Versorgern durchaus bewusst. Die seit Ende 1998 laufenden Versuche mit Brennstoffzellen zeigen laut Ballhausen deutlich, dass diese Technik noch im Prototypen-Stadium steckt. Aber man müsse als Energieversorger und Contractor „heute beginnen, die Märkte von morgen zu erschließen“, gab Ballhausen seinen Zuhörern mit auf den Weg.
 

Armin Müller und Fritz Wilhelm
© 2021 Energie & Management GmbH
Freitag, 08.10.2021, 16:19 Uhr

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