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Enerige & Management > Windkraft - Class: "Der deutsche Windmarkt wird tendenziell schrumpfen"
Bild: Fotolia.com, DeVIce
WINDKRAFT:
Class: "Der deutsche Windmarkt wird tendenziell schrumpfen"
Die Restrukturierung bei der juwi AG ist abgeschlossen. Gegenüber E&M erklärt der neue Vorstandschef Michael Class die künftige Unternehmensstrategie.
 
E&M: Herr Class, Georg Müller, der Chef von MVV Energie und Ihr Aufsichtsratsvorsitzender, hat bei der 20-Jahr-Feier von juwi im Juni folgendes formuliert: "Lieber Markt, lieber Wettbewerber, habt acht, juwi ist wieder da." Was heißt das?

Class: Für juwi waren die zurückliegenden zwei Jahre ziemlich belastend; sie haben im Rahmen der Restrukturierung viele Veränderungen mit sich gebracht. Der Umbau, der eine Reihe von Arbeitsplätzen gekostet hat, ist abgeschlossen. Jetzt können wir uns wieder auf den Markt konzentrieren, denn wir wollen wachsen.

E&M: Restrukturierung heißt bei juwi - wie in den Anfangsjahren - die Konzentration auf die Planung von Wind- und Solarparks sowie deren Betriebsführung. Dieses Kerngeschäft gab es doch auch in den vergangenen beiden Jahren.

Class: Allerdings mit gebremstem Schaum. Die zurückliegenden Monate haben allen Mitarbeitern einiges abverlangt. Jetzt können wir wieder Vollgas geben, was sich bereits an zahlreichen Solarprojekten im Ausland zeigt. In diesem Segment wachsen wir bereits wieder kräftig. Bis Ende dieses Jahres werden wir wohl allein in 2016 rund 300 MW an Solarprojekten realisieren.

E&M: Für das zurückliegende Geschäftsjahr hat juwi einen Umsatz von 575 Mio. Euro und einen Gewinn von rund 2,3 Mio. Euro vermeldet. Wie teilt sich der Umsatz zwischen Wind und Solar auf?

Class: Annähernd 50 zu 50. Für uns ist aber die Aufteilung zwischen In- und Ausland wichtiger. Wir haben im vergangenen Jahr erstmals mit unseren Auslandsaktivitäten etwas mehr Umsatz erwirtschaftet als im Inland, wo wir das Projektierungsgeschäft betreiben und auch die Betriebsführung der Wind- und Solarparks zu einer Plattform zusammengeführt haben. Noch sind unsere Sparten annähernd gleich ertragsreich, aber der Stellenwert des Auslands- und Photovoltaikgeschäftes wird wachsen, denn die Solarenergie boomt derzeit weltweit. In immer mehr Regionen, wo mit Nicht-EU-Strafzöllen und natürlichen Rahmenbedingungen eine Grid Parity erreicht worden ist, wächst der Markt signifikant. Da in Deutschland mit dem im Sommer beschlossenen EEG vor allem im Windsektor neue Regulierungen auf uns zukommen, gewinnt unser solares Auslandsgeschäft mehr oder weniger automatisch zunehmend an Bedeutung.

Deutsche Solarprojekte erst wieder mit geänderter Gesetzeslage

E&M: Macht bei dem beschriebenen Solarboom für juwi der Wiedereinstieg in den deutschen Solarmarkt Sinn?

Class: Nicht bei diesen EEG-Regelungen, die ja schon seit 2014 gelten. Wir sind auf Großanlagen spezialisiert, bei denen wir unser Know-how im Engineering ausspielen können. So wie der heimische Solarmarkt derzeit strukturiert ist, sind wir in diesem Segment nicht konkurrenzfähig. Sollte sich die Gesetzeslage ändern, will ich eine Rückkehr in den deutschen Solarmarkt nicht ausschließen.

E&M: Juwi plant, ihre Solaraktivitäten in Asien, Indien oder Amerika auszubauen. Macht es nicht Sinn, diese Dependancen auch für die Projektierung von Windparks zu nutzen?
 
Michael Class: "Wir werden uns Stück für Stück weitere Länder anschauen, wo sich für uns das Windgeschäft lohnen könnte"
Bild: juwi AG

Class: Wir überlegen in der Tat, ob wir uns in den Ländern, in denen wir stark im Solargeschäft sind und die über gute Windbedingungen verfügen, stärker in die Windprojektierung vorwagen. Zu diesen Ländern zählt beispielsweise Südafrika. Dort werden wir wohl noch dieses Jahr den Windpark Garob mit einer Leistung von gut 140 Megawatt verkaufen. Vielleicht machen wir dort am Kap künftig mehr als nur die Projektrechte zu verkaufen.

E&M: Juwi geht also beim Wind wieder ins Ausland? Die eingangs angesprochene Restrukturierung ist immer so angekommen, dass Sie sich beim Windgeschäft nur auf Deutschland konzentrieren.

Class: Außer in Südafrika planen wir derzeit auch in Bahrain im Rahmen eines Kombiprojektes einen Energiepark mit PV, Speicherlösungen und auch zwei Windrädern. Wir werden uns Stück für Stück weitere Länder anschauen, wo sich für uns das Windgeschäft lohnen könnte.

E&M: Damit reagieren Sie auf die schwieriger werdenden Bedingungen durch die neue EEG-Novelle auf dem deutschen Windmarkt?

Class: Ja. Wir haben viel Know-how im Windgeschäft. Der deutsche Windmarkt wird tendenziell schrumpfen. Für uns stellt sich daher die Frage, ob wir das vorhandene Know-how unserer Mitarbeiter nicht nutzen sollten, um neue Märkte zu erschließen und um unsere Wettbewerbsfähigkeit weiter zu stärken. Wir schauen uns deshalb die Regionen sehr genau an, wo wir mit dem Solargeschäft bereits den Fuß in der Tür haben und die Gegebenheiten vor Ort gut einschätzen können.

E&M: Erwarten Sie mit den bevorstehenden Ausschreibungen eine Konsolidierungswelle unter den Projektentwicklern in der deutschen Windbranche?

Class: Gute Frage. Ja, so wie die Ausschreibungen bei einem gedeckelten Zubau in den kommenden Jahren angelegt sind, könnte eine Konsolidierungswelle ins Rollen kommen. Ob es wirklich dazu kommt, hängt von der Struktur der einzelnen Unternehmen ab. Kleinere Projektierer können auch heute eine Durststrecke von ein, zwei Jahren gut überstehen, ohne dass sie ein Projekt verkauft haben. Unternehmen wie juwi verfügen über eine hohe Professionalität und Projektierungstiefe, haben aber höhere laufende Kosten. Welches Modell sich durchsetzt, kann ich derzeit nicht sagen. Wir machen uns jedenfalls fit für die Ausschreibungswelt, die kommt.

E&M: Zusammen im Konzernverbund, das heißt mit Windwärts und MVV Windenergie, den anderen beiden Windunternehmen bei MVV Energie?

Class: Diese gemeinsame Vorbereitung gibt es. Wir beschäftigen uns mit Marktmodellen, unter anderem auch mit spieltheoretischen Ansätzen. Am Ende sind das aber alles Sandkastenübungen. Was passiert, hängt davon ob, ob sich alle Wettbewerber wirtschaftlich rational verhalten. Das wird sich zeigen.

E&M: Sehen Sie einen verstärkten Trend von Kooperationen zwischen kleineren Projektentwicklern und größeren Unternehmen wie juwi?

"MVV hält sich juwi nicht wie einen Oldtimer als Hobby"

Class: Wir sind für solchen Kooperationen auf allen Stufen der Wertschöpfungskette offen und werden sicherlich einige Konstellationen erleben. Es gibt erste lockere Gespräche, die sich mit dem Vorliegen der ersten Ausschreibungsbedingungen konkretisieren werden.

E&M: Inwieweit wird die Konkurrenz für die Projektentwickler durch größere Energieunternehmen wachsen, die alle ins Windgeschäft drängen?

Class: Diese Bewegung gibt es in der Tat. Ob und wie erfolgreich diese Unternehmen sein werden, lässt sich noch nicht ausmachen. Für sie gelten der gleiche gesetzliche Rahmen und allzu oft auch die gleichen Einkaufsbedingungen wie für uns. Wir haben aber andere, niedrigere Erwartungen an die Eigenkapitalrendite. Auch hier bleibt abzuwarten, wie sich der Markt und einzelne Bilanzen entwickeln werden.

E&M: Welche Gewinne will die MVV Energie aus der Beteiligung an juwi künftig in ihrer Bilanz verbuchen? Gibt es für juwi Gewinnvorgaben aus Mannheim?

Class: MVV hält sich juwi nicht wie einen Oldtimer als Hobby. Sowohl der Vorstand als auch die Altgesellschafter Fred Jung und Matthias Willenbacher erwarten von uns künftig wieder Dividenden. Aber auch wir haben da eigene Ansprüche, die wir erfüllen wollen.

E&M: Wie sieht der Ausblick für dieses Jahr aus?

Class: Beim Umsatz werden wir ein gutes Stück über die 600 Mio. Euro hinauskommen, beim Ebit werden wir wohl im niedrigen zweistelligen Millionenbereich landen.

Zur Person
Michael Class ist seit Anfang Juli Vorstandschef der juwi AG. Bis zu seinem Wechsel hatte der studierte Agrarwissenschaftler seit 2008 als Geschäftsführer der MVV Umwelt GmbH gearbeitet. Davor war der Südbadener unter anderem Sprecher der Geschäftsführung der Sita Kommunalservice GmbH, eines Unternehmens der Sita Suez Gruppe. Zu seiner neuen Tätigkeit hat Class auf der 20-Jahr-Feier von juwi gesagt: „Ich hatte bislang einen Traumjob, der neue Job ist noch ein bisschen besser.“
 

Ralf Köpke
© 2020 Energie & Management GmbH
Mittwoch, 10.08.2016, 12:03 Uhr

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