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Enerige & Management > Wasserstoff - Chemieindustrie und Wärmemarkt unter Transformationsdruck
Bild: Fotolia
WASSERSTOFF:
Chemieindustrie und Wärmemarkt unter Transformationsdruck
Welche Strategie ist bei der Wasserstoff-Infrastruktur die richtige? Hierzu ließen BEDW und VDE zwei konträre Marktplayer bei ihrer virtuellen Wasserstoff-Fachtagung zusammenkommen.
 
Der Aufbau einer eigenen Wasserstoffinfrastruktur separat zum Erdgasnetz, wie von der Bundesregierung anvisiert, dauert zu lange. Vor allem mit Blick auf die steigenden Klimaziele. In diesem Punkt waren sich die beiden Referenten zum Thema Wasserstoffinfrastruktur bei der virtuellen Wasserstoff-Fachtagung von BDEW und VDE sofort einig.

"Wir müssen jetzt anfangen und bestehende Infrastrukturen nutzen", appellierte Eva Henning vom Stadtwerke-Verbund Thüga aus München. "Wir haben 520.000 Kilometer Gasnetze im Boden liegen. Die Nutzung dieses Netzes gäbe uns die Geschwindigkeit, die Klimaziele bis 2030 zu erreichen", sagte die Leiterin Energiepolitik Europa bei der Thüga. "Parallel dazu brauchen wir die überregionale Wasserstoffinfrastruktur", so Henning mit Blick auf das geplante Wasserstoff-Backbone. "Nur so können wir die Industriekunden und Fernwärmeerzeugung vor Ort dekarbonisieren.".

Den größten Hebel, um mit Wasserstoff die Dekarbonisierung voranzutreiben, sieht demgegenüber Felix Seebach in der energieintensiven Industrie. Seebach ist Leiter Energie- und Klimapolitik beim Ludwigshafener Chemiekonzern BASF. "Wir stehen international im Wettbewerb und müssen die Transformation zu wettbewerbsfähigen Kosten schaffen". Seebachs Appell: Wasserstoff solle insbesondere dort zum Einsatz kommen, wo er heute bereits im großen Umfang genutzt wird. 250.000 Tonnen grauer Wasserstoff entstünden pro Jahr am Standort in Ludwigshafen und müssten substituiert werden.

BASF: Strom und Wärme kein Premium-Einsatzort für Wasserstoff

2019 fielen am Standort etwa acht Millionen Tonnen CO2-Emissionen an, die sich hälftig aufteilen in energetische Emissionen aus der Strom- und Dampfproduktion und auf stoffliche Emissionen, die aus chemischen Reaktionen entstehen. Am Standort Ludwigshafen produziert BASF über die Dampfreformierung grauen Wasserstoff aus Methan, was laut Seebach auf der Upstream-Seite für fast die Hälfte der Emissionen verantwortlich ist. 
 
CO2-Emissionen am BASF-Standort Ludwigsburg
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Grafik: BASF

"Wasserstoff ist kein Allheilmittel für jeden Sektor", betonte Seebach. Deutschland sei zu klein, zu bevölkerungsstark und mit zu wenig Erneuerbaren-Energien-Potenzial ausgestattet, "als dass man es sich leisten könnte, jeden Sektor mit Wasserstoff zu fluten". Seebach plädiert dafür, den Wasserstoff vor allem stofflich zu nutzen. 

Den Wärme- und Stromsektor sehe man bei BASF demgegenüber nicht als Premium-Einsatzort für Wasserstoff. "Wir glauben, dass der Wärme- und Stromsektor über ein breites Technologieportfolio verfügen, das man vorrangig zur Anwendung kommen lassen sollte", so Seebach. Als Beispiele nannte er die Reduzierung des Energiebedarfs und den Einsatz von Wärmepumpen. Rückverstromen und Verheizen von beigemischten oder reinem Wasserstoff sieht Seebach nicht als Option. "Dies ist zumindest aktuell, da wir keinen liquiden Markt haben, kein effizienter Weg".

Thüga: Wasserstoff für alle Sektoren

Wie erwartet nahm Eva Henning, Leiterin Energiepolitik Europa bei der Thüga, die entgegengesetzte Position ein. "Im Gegensatz zur BASF versorgt die Thüga-Gruppe unglaublich viele Kunden", so Henning. Sie sprach für rund hundert Unternehmen aus lokalen Stadtwerken und Regionalversorger, die in der Thüga vernetzt sind. "Über die ganze Gruppe zusammen versorgen wir zwei Millionen Gaskunden und 4,4 Millionen Stromkunden."

Dies unterscheide die Thüga von der Blickweise der BASF: "Wir gehen nicht von einem sehr großen Kunden aus, sondern davon, dass wir unseren vielen Kunden etwas für die Dekarbonisierung anbieten wollen, in allen Sektoren". Der Druck sei durch die verschärften Klimaschutzziele immens: "Innerhalb der nächsten neun Jahre müssen wir die CO2-Emissionen im Wärmesektor halbieren." Allein mit Wärmepumpen und mit steigenden Effizienzwerten der Häuser sei dies "definitiv nicht machbar". 

Der Unternehmensverbund sieht künftig den Wasserstofftransport zum Teil über die Ferngasnetze. Dies allein reiche aber nicht aus. Henning: "Wir brauchen in Deutschland ein Wasserstoffnetz parallel zum bestehenden Erdgasnetz. Zusätzlich gehen wir aber auch davon aus, dass wir Vor-Ort-Wasserstoff-Erzeugungen haben werden". Deswegen sei es wichtig, dass das Thema Beimischung adressiert wird. "Nur durch die Vor-Ort-Wasserstoffnetze können wir die vielen kleinen Wasserstofferzeuger anschließen". 

Die Thüga plädiert dafür, den Wasserstoff so viel wie möglich vor Ort zu nutzen und den Wasserstoff ins Verteilnetz einzuspeisen, um die Kunden vor Ort zu versorgen. Sukzessive könne man so immer mehr in die Dekarbonisierung einsteigen.
 

Davina Spohn
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Dienstag, 23.02.2021, 15:59 Uhr

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