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Enerige & Management > Interview - Brune: "Das Ausschreibungsverfahren ist noch nicht richtig durchdacht"
Bild: Fotolia.com, iQoncept
INTERVIEW:
Brune: "Das Ausschreibungsverfahren ist noch nicht richtig durchdacht"
Die Bremer Landesbank gehört zu den größten Windkraft-Finanziers bundesweit. Wie das Bankhaus die Situation und die Perspektiven der Windenergienutzung an Land beurteilt, darüber sprach E&M mit Vorstand Guido Brune.
 
E&M: Herr Dr. Brune, das im Sommer reformierte Erneuerbare-Energien-Gesetz ist lediglich ein Übergangsgesetz. Im Jahr 2016 steht die nächste Novelle bevor. Wie gehen Sie als Bank, die bei Projektfinanzierungen am liebsten auf langfristige Planungssicherheit setzt, mit dieser kurzen Laufzeit um?

Brune: Generell müssen wir als Banken uns immer auf geänderte Rahmenbedingungen einstellen. Für uns ist es erst einmal wichtig, dass wir mit dem neuen EEG für die nächsten Jahre feste Rahmenbedingungen bekommen haben. Ungern denken wir an den vom früheren Bundesumweltminister Peter Altmaier gemachten Vorschlag zurück, rückwirkend in das Vergütungssystem einzugreifen. Wir haben jetzt für alle Projektfinanzierungen im Windsektor einen Vertrauensschutz bis Ende 2016, wenn man die Übergangsfrist für bis zu diesem Zeitpunkt genehmigte Projekte berücksichtigt, sogar bis Ende 2018. Damit können wir als Banken gut leben, zumal es einen Bestandsschutz für Altanlagen gibt. Was mit dem Ausschreibungsverfahren kommt, ist eine andere Frage.

E&M: Gilt Ihre partiell positive Einschätzung zur EEG-Reform auch für Offshore-Windprojekte, die einen wesentlich längeren Planungs- und Genehmigungsvorlauf haben als Windparks an Land? Die Bremer Landesbank gehört zu dem Konsortium, das den Offshore-Windpark Butendiek finanziert.

Brune: Butendiek ist das einzige Projekt, das wir mit einem überschaubaren Engagement begleiten. Auch künftig wollen wir Offshore-Windparks nur mit angezogener Handbremse und in kleinen Portionen mitfinanzieren. Gemessen an den Volumina, die auf See notwendig sind, ist die Bremer Landesbank ein zu kleines Haus. Daher gilt unser Interesse vor allem der weiteren Onshore-Entwicklung.

"Die bisherige Dynamik beim Windkraftausbau droht ausgebremst zu werden"

E&M: Erwarten Sie für die aktuelle EEG-Übergangsversion nicht einen Run, weil Investoren ihre Projekte bis Ende 2016 abgeschlossen haben wollen? Niemand weiß, was das von der Bundesregierung gewollte Ausschreibungsverfahren bringen wird.

Brune: Wir sehen in der Tat diesen Trend, dass die potenziellen Windmüller möglichst viele ihrer Projekte bis Ende 2016 plus der Übergangsphase realisieren wollen. Wir haben zwischen Mitte 2013 und Anfang 2014 schon eine Delle bei der Finanzierung gehabt, weil viele Windenergieinvestoren verunsichert waren. Was sich auch mit Zahlen belegen lässt: Hatten wir 2012 noch ein Geschäftsvolumen von rund einer Milliarde Euro im Neuanlagengeschäft, so rechnen wir für dieses Jahr mit 800 Millionen Euro. Seit der EEG-Reform zieht das Geschäft wieder stark an. Wir erwarten, dass insbesondere im Jahr 2016 viele Windparkprojekte umgesetzt werden. Auch das Repowering wird für neue Impulse sorgen, da die Anlagen an den besten Windstandorten mittlerweile in dem Alter für einen Austausch sind.
 
Guido Brune: "Mit dem Ausschreibungsmodell stehen wir vor einem Strukturwandel in der Windbranche"
Bild: Bremer Landesbank

E&M: Wie bewerten Sie das Ausschreibungsverfahren, das die feste Einspeisevergütung im Windsektor ab 2017 ablösen soll?

Brune: Das Ausschreibungsverfahren wird eine hohe Unsicherheit mit sich bringen. Investoren, die einen Windpark planen, wissen nicht, ob sie den Zuschlag erhalten, müssen aber vorab einen sechsstelligen Betrag für die Planung ausgeben. Solch einen Betrag in den Sand zu setzen, können sich große Energieunternehmen leisten, die über mehrere Windparks oder andere Energieerzeugungsquellen verfügen. Sie haben außerdem die Möglichkeit, eine Art Mischkalkulation durchzuführen. Nicht aber Einzelinvestoren oder Bürgerwindparks, die damit finanziell überfordert sind. Daher gehe ich davon aus, dass wir mit dem Ausschreibungsmodell in der Windbranche vor einem Strukturwandel stehen: Weg vom Mittelstand, der heute das Windgeschäft prägt, hin zu den großen Versorgern. Es sei denn, es gäbe beispielsweise für Bürgerwindparks politisch gewollte Ausnahmen. Da hat sich das Bundeswirtschaftsministerium aber noch nicht festgelegt. Alle kleineren Projekte haben künftig unter einem Ausschreibungsregime ohne eine Art Schutzschirm keine Chance mehr.

E&M: Was heißt das für Ihre Geschäfte als Bankhaus?

Brune: Wir kommen weg von der Projektfinanzierung, hin zur Unternehmensfinanzierung. In der Regel finanzieren Energieunternehmen vor allem die großen Projekte über ihre Bilanz und aus dem Cashflow. Da mit dem Ausschreibungsverfahren unserer klassischen Klientel das Nachsehen droht, sehen wir dem Systemwechsel bei der Förderung erneuerbarer Energien mit sehr großer Skepsis entgegen.

E&M: Zugespitzt gefragt: Bedeutet das Ausschreibungsverfahren das Ende der Bürgerwind-Bewegung?

Brune: Ja, wenn es in Reinkultur kommt. Darin sehe ich auch einen Rückschritt für die Dezentralität der Energieversorgung, die mit der Energiewende bislang angestrebt wird. Der Mittelstand war bislang der Motor des Windkraftausbaus hierzulande, nicht die Energiewirtschaft. Die bisherige Dynamik beim Windkraftausbau droht ausgebremst zu werden. Die Energieunternehmen haben gar kein Interesse an einem forcierten Windkraftausbau, da die Windmühlen eine Konkurrenz für ihre fossilen Kraftwerke bedeuten. Ich kann den politischen Willen, die Kosten beim Ausbau der erneuerbaren Energien zu senken, nachvollziehen. Nur, was jetzt mit dem Ausschreibungsverfahren geplant wird, ist nicht zielführend: Der Ausbau der Windenergie und der erneuerbaren Energien wird sehr viel an Schwung verlieren. Das Ausschreibungsverfahren, das kommen soll, ist meines Erachtens noch nicht so richtig durchdacht. Das zeigt auch die Idee, die Erfahrungen aus den Pilotverfahren im Photovoltaiksektor auf die Windbranche zu übertragen. Die Photovoltaik als Blaupause ist unseres Erachtens ungeeignet, weil es andere, kleinere Betriebsrisiken gibt. Außerdem sind die Vorlaufkosten wie beispielsweise für die Planung geringer.

E&M: So richtig scheint diese Botschaft noch nicht angekommen zu sein, weder bei den Verbänden der erneuerbaren Energien noch im Bankensektor. Ist der Erhalt der Akteursvielfalt bei den erneuerbaren Energien derzeit eher ein Nischenthema?

Brune: Die Befürchtung habe ich auch. Nachdem die EEG-Reform abgeschlossen ist, scheinen sowohl Verbände als auch die Politik in ein großes Loch gefallen zu sein. Zwar wird auf Verbandsebene schon diskutiert, aber dringt man auch durch? Die Banken haben derzeit mit anderen Themen zu kämpfen. Zudem engagieren sich nur wenige Banken so prominent wie wir in der Projektfinanzierung von Windkraftprojekten. Das Thema, wie lässt sich die Akteursvielfalt in Zeiten eines Ausschreibungsmodells erhalten, ist noch nicht prominent genug auf der politischen Agenda. Deshalb gibt es auch noch keine Lösungsvorschläge. Wir müssen die Diskussion intensivieren, da die Eckpunkte für das Ausschreibungsverfahren im nächsten Jahr festgeschrieben werden.

Dr. Guido Brune
Jahrgang 1960, gehört seit November 2003 zum Vorstand der Bremer Landesbank. Zuvor hatte er mehr als ein Jahrzehnt in verschiedenen Funktionen für die NORD/LB Norddeutsche Landesbank gearbeitet. Bei der Bremer Landesbank ist Brune unter anderem für die Bereiche Financial Markets, Firmenkunden, Privatkunden und Spezialfinanzierungen verantwortlich.

Die Bremer Landesbank
zu deren Gesellschaftern die Norddeutsche Landesbank mit 54,8 %, das Land Bremen mit 41,2 % sowie der Sparkassenverband Niedersachsen mit 4,0 % zählen, gehört hierzulande unbestritten zu den größten Finanziers in der Windbranche. Bislang summierten sich die Kredite, die die Hanseaten von der Weser für erneuerbare Energien überwiegend in Deutschland seit 1991 vergeben haben, auf rund 4,5 Mrd. Euro. Davon entfielen 3,5 Mrd. Euro auf die Windenergie, 600 Mio. Euro auf die Photovoltaik sowie 400 Mio. Euro auf Biogasprojekte. Nach eigenen Angaben hat die Bremer Landesbank etwa jede zehnte Windturbine, die heute am Netz ist, finanziert. Beim Neuanlagengeschäft lag der Marktanteil im Jahr 2013 bei rund 15 %.
 

Ralf Köpke
© 2020 Energie & Management GmbH
Mittwoch, 22.10.2014, 11:54 Uhr

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