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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Print-Ausgabe - Blaupause für die Zukunft
Quelle: E&M
AUS DER AKTUELLEN PRINT-AUSGABE:
Blaupause für die Zukunft
Siemens sieht die Expo 2020 als Vorbild für eine Smart City. Ein Rundgang durch die Weltausstellung in Dubai.
 
 
 Das Thema Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle auf der Expo 2020 in Dubai
 
So ganz ohne jeden Schnickschnack geht es dann doch nicht. Im nüchternen Siemens-Büro auf dem Expo-Gelände gibt es in einem abgetrennten Bereich eine multimediale Installation namens „Blueprint“. An mehreren Stationen wird über das Tun der Siemens-Einheit Infrastructure informiert. So klärt beispielsweise in futuristisch anmutendem Lichtdesign eine weibliche Stimme aus dem Off den ausgewählten Besucher über die Smart City der Zukunft auf. Denn auf dem Expo-Gelände selbst ist Siemens nicht mit einem Pavillon oder einer Ausstellungshalle präsent − gleichwohl geht ohne Siemens nichts auf der Weltausstellung in Dubai. 

Die Internet-of-Things-Plattform „MindSphere“ des Münchner Unternehmens wurde von den Expo-Verantwortlichen als zentraler Daten-Hub für die Expo 2020 ausgewählt. Betreut wird sie auf der Weltausstellung von Siemens Infrastucture, der Einheit im Konzern, die für Smart Grids, Smart Infrastructure und Smart Buildings verantwortlich ist. Die Weltausstellung in Dubai soll als Blaupause für die smarte Stadt der Zukunft dienen, Mindsphere ist dabei die zentrale Datendrehscheibe.

Die Smart City besteht aus drei Schichten 

„Bringing IoT to life“, das sei das Ziel von Siemens auf der Expo 2020, sagte Afzal Shabaz Mohammed bei der Präsentation im Siemens-Büro vor Journalisten. Er ist Vice President IoT and Technology & Innovation bei Siemens Industrial in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Eine smarte Stadt, so erklärt er, bestehe aus drei Schichten, die unterschiedliche Daten produzieren. „Die Kunst ist es, alle Daten zusammenzubringen.“

Da sind zum einen die Gebäude mit ihrer Strom-, Wasser- und Wärmeversorgung als eine Schicht. Die Infrastruktur außerhalb des Gebäudes für den privaten und öffentlichen Verkehr als zweite und die Untergrundinfrastruktur mit ihren Ver- und Entsorgungsröhren als dritte. „Verbunden werden diese drei Schichten in der Smart City durch digitale Plattformen wie Mindsphere, aber auch über datengetriebene Anwendungen und Blockchain-Lösungen. Das ist die digitale Schicht.“

Die zu verarbeitenden Datenmengen sind dabei gewaltig, wie sich anhand der Expo gut nachvollziehen lässt. 200.000 Datenpunkte auf dem Gelände sind an die Siemens-IoT-Plattform angeschlossen. Informationen aus 130 Gebäuden laufen bei Mindsphere in Echtzeit zusammen. Allein 15.000 Kameras gibt es auf dem Expo-Gelände, 5.000 Türen sind mit auslesbaren Sensoren ausgestattet. Die Temperatur in den Gebäuden, die Besucherströme, die Auslastung der Parkplätze, der Wasserverbrauch − alles wird in Mindsphere erfasst, lässt sich auswerten und zu einem gewissen Umfang bei Bedarf entsprechend steuern.

 „Für uns als Siemens ist die Expo eine einzigartige Gelegenheit, in Sachen Infrastruktur und Digitalisierung die gesamtheitliche Betrachtung einer smarten Einheit umzusetzen“, sagt Oliver Kraft von Siemens, Executive Vice President der Expo. Denn die Städte müssen nachhaltig werden. 50 % der Weltbevölkerung leben in Ballungsräumen, Tendenz steigend. Der Gebäudesektor produziert rund 40 % der weltweiten Treibhausgasemissionen. Der dazugehörige Markt ist riesig und ständig am Wachsen.

Auf 187 Mrd. Euro beziffert Siemens den Umsatz mit smarter Infrastruktur im Jahr 2020. Das Unternehmen geht dabei von einer jährlichen Wachstumsrate von 3 % aus. Demnach liegt der Umsatz 2025 bereits bei über 220 Mrd. Euro. Treiber dieser Entwicklung sind unter anderem die Europäische Union mit ihrem Programm „Green Deal“ und China, das die Digitalisierung im eigenen Land massiv vorantreibt. Aber auch die individuelle Nachfrage nach smarten Lösungen wie bei der E-Mobilität oder der Wunsch nach einer stabilen Stromversorgung im Zuge des Ausbaus der erneuerbaren Energien sorgen für Schwung im Infrastrukturmarkt.
 
Vor fünf Jahren war das Gelände der Expo noch Wüste
Quelle: E&M / Stefan Sagmeister

Bei einem Rundgang durch die Expo wird deutlich: Auch erstaunlich viele Nationen greifen das Thema Nachhaltigkeit auf. Es findet sich kaum ein Länderpavillon, bei dem einem nicht vom Bildschirm das Wort „Sustainability“ entgegenprangt. In den zahlreichen Multimediapräsentationen drehen sich Windräder oder streift die Kamera über Solaranlagen − egal ob im griechischen, usbekischen oder indonesischen Pavillon. Sanfte Stimmen erklären, mit stimmungsvoller Musik unterlegt, wie wichtig Nachhaltigkeit doch sei.
 
Viele Pavillons gleichen Marketinginstallationen

Trotz Betonung der Umweltverträglichkeit gleichen allerdings viele Ausstellungshallen riesigen Marketinginstallationen. Suggestive Bilder und dramatischer Sound sollen Land und Leute von ihrer besten Seite zeigen. Das ist beim libanesischen Beitrag nicht anders als im spanischen Pavillon. Und es drängt sich beim Rundgang die Frage auf, wie nachhaltig die Expo selbst ist in einem Land, das über wenige Wasserressourcen verfügt und wo das Ausstellungsgelände vor fünf Jahren noch eine Sandwüste war.

Zugleich gibt es bei jeder Weltausstellung besonders gelungene und bei den Zuschauern beliebte Präsentationen. Zu nennen wären hier die Pavillons aus Saudi-Arabien und Japan und gerade am Abend der brasilianische. Doch auch der deutsche Beitrag für die Expo 2020 erfreut sich hoher Beliebtheit. Wartezeiten von mindestens einer halben Stunde sind die Regel, um in die Ausstellungshalle zu kommen.
 
Der deutsche Pavillon ist als Hochschulcampus konzipiert
Quelle: E&M / Stefan Sagmeister
 
„Das Konzept des Pavillons ist es, weniger Show und mehr Informationen spielerisch zu vermitteln“, sagt Jana Soll. Sie ist Mitarbeiterin der Koelnmesse, die im Auftrag der Bundesregierung den Messeauftritt organisiert und die Ausstellungshalle betreibt. Es stimmt, im deutschen Pavillon gibt es viel zum Mitmachen, Drücken, Ziehen und Springen. Er ist als Ort der Wissenschaft konzipiert, was sich bereits in seinem Namen ausdrückt: „Campus Germany“.

Großen Raum nimmt auch im deutschen Pavillon das Thema Nachhaltigkeit ein. Dem internationalen Zuschauer sollen in zahlreichen Stationen die Möglichkeiten einer nachhaltigen Lebensweise vermittelt werden. Ideen für die Smart City und erneuerbare Energien stehen dabei im Mittelpunkt, Wert wird auch auf den Erhalt von Biodiversität gelegt.

Anhand von verschiedenen Beispielen wird das veranschaulicht. Wie bei Enerkite. Es handelt es um einen am Boden verankerten Flugdrachen. Der erzeugt Strom mittels Bewegung in Form einer auf der Seite liegenden 8. Interaktiv am Bildschirm sichtbar gemacht, kann der Besucher die Bewegung des Drachens mit einem Seilzug nachvollziehen. Oder beim Projekt der Stadtwerke München, die ihre Fernwärme bis 2040 klimaneutral erzeugen wollen − auch mithilfe von Geothermie. Mittels einer Kette wird an der betreffenden Station im Pavillon das Prinzip der Erdwärme aktiv erklärt.
 
Mitmachen ist im deutschen Pavillon angesagt
Quelle: E&M / Stefan Sagmeister

Oder bei Stensea − Stored Energy in the Sea. Das Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik hatte die Idee eines Meerespumpspeichers. Hohle Betonkugeln werden dabei auf dem Meeresboden verankert und mit Luft oder Wasser gefüllt. Im Vorbeiströmen an einer Turbine wird so Strom aus Offshore-Windparks dort gespeichert. Hier muss der Besucher fest eine Stange in die Installation hineindrücken, um das Prinzip des Pumpspeicherkraftwerks zu simulieren.

Licht an und aus 

Wie Jana Soll sagt, wurden die Ausstellungsgegenstände für den deutschen Pavillon in einer Ausschreibung ermittelt. Gleichwohl bleibt beim Rundgang festzustellen, dass es sich bei vielen der Projekte um Prototypen handelt, bei denen es fraglich ist, ob sie jemals ihren Teil zur weltweiten Energiewende beitragen werden. Und am Ende kommt trotz aller Pädagogik auch der deutsche Beitrag auf der Expo 2020 nicht ganz ohne Showeffekte aus.

Am Ende des Rundgangs werden die Besucher in einen großen abgedunkelten Raum gebeten. Der Campusidee des Pavillons folgend, handelt es sich um die „Graduation Hall“. Die Besucher nehmen im Kreis auf Schaukeln Platz, das Licht erlischt. Laute Musik erklingt, alle sollen nun anfangen zu schaukeln, von der Decke bewegen sich daraufhin weiße Bälle im Takt der Musik. An den Wänden werden tolle Landschaften über und unter Wasser sichtbar, Namen eingeblendet. Die Botschaft laut Ausstellerinfo: Schon kleinste Bewegungen − minimales Engagement im übertragenen Sinne − können Großes bewegen, wenn man sich zusammentut. Licht an und aus.
 

Expo 2020 in Dubai

  • Die Expo 2020 findet seit Oktober 2021 bis März 2022 in Dubai statt. Wegen der Corona-Pandemie wurde die Weltausstellung um ein Jahr verschoben, der Name aber belassen.
  • Das Motto lautet „Connecting Minds, Creating the Future“.
  • 192 Länder präsentieren sich in verschiedenen Pavillons auf 438 Hektar. Die Ausstellungsfläche ist doppelt so groß wie das Fürstentum Monaco.
  • Rund 80 % der Anlagen und Gebäude sollen nach der Expo weiterverwendet werden.
  • Erwartet werden rund 25 Mio. Besucher.
  • Die Gesamtkosten einschließlich Planung, Entwicklung, Infrastruktur und Nachbereitung werden auf 7 Mrd. US-Dollar beziffert.
  • Der Bericht wurde mit Unterstützung einer von Siemens Infrastructure organisierten Pressereise nach Dubai erstellt.




 
 

Stefan Sagmeister
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Donnerstag, 23.12.2021, 08:15 Uhr

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