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Enerige & Management > Klimaschutz - Bewegender CO2-Preis
Bild: Fotolia.com, Nicole Effinger
KLIMASCHUTZ:
Bewegender CO2-Preis
Vor allem der rasant gestiegene Preis für Emissionszertifikate wirbelt die Kostenstruktur im Strommarkt durcheinander. Die Frage ist: Wie nachhaltig ist dieser Trend?
 
20, 30, 40 oder gar 100 Euro die Tonne? Seit Jahren streiten Experten um den richtigen CO2-Preis, wobei „richtig“ immer eine Frage der Perspektive ist. Klimaschützer wollen einen möglichst hohen CO2-Zertifikatepreis, um damit den Ausstoß von Kohlendioxid unattraktiv zu machen. Industrievertreter, aber auch Betreiber von fossil gefeuerten Kraftwerken warnen hingegen vor überbordenden CO2-Zertifikatekosten und nennen als Argumente die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und – das zieht immer – Arbeitsplätze.

Fakt ist: Vor einem Jahr kostete das Emissionszertifikat für den Ausstoß einer Tonne Kohlendioxid für Erfüllung in 2018 noch weniger als fünf Euro. Anfang September kletterte die Notierung auf über 25 Euro, danach gab es eine Korrektur auf etwa 20 Euro die Tonne. Fakt bleibt: Seit zehn Jahren lag der CO2-Preis nicht mehr auf so einem hohen Niveau.

„Was den Trend zu höheren CO2-Preisen angeht, ist sicherlich die Marktstabilitätsreserve einer der Hauptgründe“, erklärt Kathrin Becker, Analystin beim Kraftwerksbetreiber Uniper, die Vervierfachung der CO2-Preise. Diese Marktstabilitätsreserve hatte die EU 2015 beschlossen, um überschüssige Zertifikate aus dem europäischen Emissionshandelssystem zu nehmen. Nach EU-Untersuchungen waren 2017 rund 1 700 Mio. Emissionszertifikate zu viel im Umlauf. Dieses Zuviel war lange Zeit der Grund, warum der CO2-Preis die vergangenen fünf Jahre zwischen fünf und acht Euro die Tonne dümpelte. Mit der Marktstabilisierungsreserve können bis zu 25 % der Zertifikate aus dem Markt genommen werden; sie tritt zum 1. Januar 2019 in Kraft.

Strom, Gas, Kohle − alles im Höhenflug

Ein weiterer Grund für den Preisanstieg: In der vierten Emissionshandelsperiode ab 2021 sollen die CO2-Gesamtemissionen jährlich um einen höheren Beitrag verringert werden. Ab 2021 werden dem Markt dann jährlich 2,2 % weniger Zertifikate zur Verfügung gestellt, bis dahin liegt die jährliche Degression bei 1,74 %. „Die Erwartungshaltung, dass weniger Zertifikate im Markt angeboten werden, treibt die Preise nach oben“, so Becker.

Der veränderte CO2-Preis schlägt auch ordentlich auf den langfristigen Strompreis am Großhandelsmarkt durch. Das Kalenderjahr 2019 Baseload an der Terminmarktbörse EEX kletterte parallel zum CO2-Preis Anfang September auf über 55 Euro/MWh – so hoch wie seit sechs Jahren nicht mehr. Nach einer Korrektur steht der Kontrakt bei 50 Euro/MWh. Zum Vergleich: Vor einem Jahr lag das Frontjahr 2019 noch unter 30 Euro/MWh.

Doch auch andere fossile Brennstoffe wie Erdgas und Kohle, aus denen Strom erzeugt wird, haben sich in jüngster Vergangenheit verteuert. Der Erdgaskontrakt im Marktgebiet Netconnet Germany für das Kalenderjahr 2019 kletterte in den vergangenen sechs Monaten um zehn Euro/MWh auf über 26 Euro/MWh.

Für den Preisanstieg beim Erdgas macht Uniper-Analystin Becker unter anderem die niedrigen Speicherstände in Europa verantwortlich: „Der vergangene Winter in Europa mit seinen tiefen Temperaturen Ende Februar, Anfang März hat für niedrige Füllstände der Erdgasspeicher gesorgt.“ Zudem hätten potenzielle Abnehmer wie Industrie- und Energieunternehmen erwartet, dass mehr Schiffe mit verflüssigtem Erdgas (LNG) in Europas Häfen anlanden würden. Aufgrund einer höheren Nachfrage in Asien schipperten die LNG-Tanker aber verstärkt nach Fernost.

Zu guter Letzt kamen auch noch im Sommer reduzierte Erdgaslieferungen aus Russland hinzu: All diese Faktoren haben den Preis nach oben getrieben. Nicht zu vergessen ist der in den vergangenen sechs Monaten gestiegene Kohlepreis. Dieser ist um ein Viertel auf fast 100 US-Dollar (rund 85 Euro) die Tonne nach oben gegangen. Die Nachfrage aus Asien, vor allem aus China, sei der Grund dafür, so die Antwort von Marktteilnehmern.

Wo geht er hin, der CO2-Preis?

„Die Strompreiskurve hat schon die Indikation einer Blase“, sagte Tobias Federico, Geschäftsführer des Beratungshauses Energy Brainpool. Trotzdem geht er davon aus, dass der Strompreis sich am langen Ende weiterhin zwischen 50 und 60 Euro/MWh bewegen wird. Trotz der gestiegenen Kohle- und Gaspreise – auch der psychologisch wichtige Ölpreis geht nach oben – hat der rapid gestiegene CO2-Preis auch für Federico aktuell den größten Einfluss auf den Strompreis.

Wo geht er hin, der wichtige CO2-Preis? Dazu gibt es unterschiedliche Einschätzungen. „Wir bei Energy Brainpool gehen von steigenden CO2-Preisen in der kommenden Handelsperiode aus. Da ist 20 Euro eher ein niedriges Niveau.“ Die norwegische Beratungsfirma Wattsight sieht den CO2-Preis mittelfristig hingegen auf einem Niveau unter 20 Euro, hieß es auf einer Veranstaltung in Brüssel. Karen Pittel, Leiterin des Ifo-Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen, hielt auf einer Veranstaltung in Berlin einen CO2-Preis von 30 bis 40 Euro pro Tonne für realistisch.

Für die britische Denkfabrik Carbon Tracker ist die Überschreitung der 40-Euro-Marke bis 2023 durchaus möglich. Allerdings geht es auch ganz anders: Der World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur geht in einem Szenario für das Jahr 2040 von einem Zertifikatepreis von 120 Euro die Tonne aus.

Für Felix Matthes vom Öko-Institut ist hingegen die entscheidende Frage, ob die gestiegenen CO2-Preise nachhaltig sind oder nicht. Es sei möglich, dass der CO2-Preis aufgrund der Verknappung sich nun dauerhaft nach oben bewegt. Andererseits gibt Matthes zu bedenken, dass spätestens ab 2023 aufgrund von EU-Regeln die Kürzungen der CO2-Volumina wieder geringer ausfallen sollen. Das könnte dazu führen, dass der CO2-Preis wieder deutlich sinkt.

Um sich diesen Unwägbarkeiten zu entziehen, ist Matthes Anhänger eines CO2-Mindestpreises in Zusammenarbeit mit Frankreich und den Niederlanden. Gestartet werden solle jetzt mit 20 Euro, sodass in zehn Jahren das 40-Euro-Level erreicht werden könne. „So sichern wir uns auch gegen eine mögliche Preisdelle Anfang der 2020er-Jahre ab.“ Die damit verbundenen Diskussionen über weitere Instrumente zur Stabilisierung des CO2-Preises müssten nicht geführt werden.

Die Verbraucher müssen mit höherem Strompreis rechnen

Ein weiterer Fakt ist auch: Durch die höheren CO2-Preise werden mittelfristig die Strompreise für die Industrie, aber auch für die anderen Verbraucher steigen, was Matthes nicht weiter beunruhigt. Die stromintensive Industrie bekäme die durch CO2-Preise bedingten Stromkostensteigerungen derzeit und auch in Zukunft „sehr weitgehend zurückerstattet“. Für die anderen Verbraucher würden die steigenden Strompreise durch eine absehbar sinkende EEG-Umlage teilweise kompensiert. Zudem könnte wegen der zusätzlichen Einnahmen aus der CO2-Bepreisung auch an anderer Stelle an der Abgabenschraube gedreht und so die Verbraucher zusätzlich entlastet werden. Stichwort: Abschaffung der Stromsteuer.

Udo Sieverding, der die Energieabteilung bei der NRW-Verbraucherzentrale leitet, sieht es ähnlich. Kurzfristig glaubt er nicht an eine große Preissteigerung, da die Unternehmen ihren Strom in der Regel langfristig beschaffen. Prinzipiell befürwortet er einen hohen CO2-Preis als Lenkungsinstrument für den Klimaschutz. Sollte sich das wirklich in stark erhöhten Strompreisen für die Verbraucher auswirken, so plädiert Sieverding ebenfalls für eine Reform des Umlagensystems beim Strom, vor allem des EEG, verbunden mit einer sozialen Abfederung für finanziell schwächere Haushalte.
 
Seit Beginn des Jahres hat sich der CO2-Preis vervierfacht 
Grafik: Energy Brainpool

 
 

Stefan Sagmeister
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Montag, 15.10.2018, 10:23 Uhr

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