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Enerige & Management > Interview - Becker: "Die Märkte werden bereits heute verteilt"
Bild: Fotolia.com, iQoncept
INTERVIEW:
Becker: "Die Märkte werden bereits heute verteilt"
Sven Becker, Sprecher der Geschäftsführung der Trianel GmbH in Aachen, über das Stadtwerkegeschäft im Wandel.
 
E&M: Herr Becker, derzeit beherrschen Schlagworte wie Digitalisierung und Flexibilisierung die Energieszene. Bahnt sich da das nächste Hype-Thema seinen Weg?

Becker: Die Realisierung von Flexibilitätspotenzialen hat stark zugenommen, was zu einem erheblichen Preisverfall an den Sekundärregelmärkten geführt hat. Gleichwohl hat das Thema auch zukünftig eine enorme Bedeutung, weil wir mit dem weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien eine zunehmende Einspeisung stochastischer Energie erhalten. Die zentrale Herausforderung wird die Synchronisierung von Erzeugung und Verbrauch sein, dafür werden wir beide Sektoren managen müssen.
Darum entwickeln sich neue Geschäftsmodelle mit virtuellen Kraftwerken, abschaltbaren Lasten, Smart Metering und Kurzfristhandel. Ich sehe ein großes Potenzial für Flexibilisierung. Zukünftig werden Energieversorger nicht mehr nur durch den Verkauf von Kilowattstunden ihr Geschäft machen, sondern auch durch die Bewirtschaftung der Flexibilität der Kunden. Das Geschäft wird zwei Dimensionen haben: Arbeit und Leistung, dafür wird es auch zwei Märkte und unterschiedliche Preise geben.

E&M: Ist es sinnvoll, über Flexibilitäten nachzudenken, solange es noch üppige Überkapazitäten in der Erzeugung gibt?

Becker: Wir sehen zurzeit wegen dieser Überkapazitäten einen Verfall der Arbeits- und Leistungspreise. Die Frage ist, wie lange sich die großen Energieversorger bei den derzeit sehr niedrigen Börsenpreisen diese Überkapazitäten noch am Markt halten. Irgendwann wird es aber auch wegen des Abschaltens der Kernkraftwerke wieder Preisspitzen geben, bei denen Flexibilitäten aus der Industrie nötig sein und einen Wert haben werden. Dann erst damit anzufangen, diese Potenziale zu erschließen, könnte zu spät sein. Wie lange so etwas dauern kann, zeigt die sehr lange Vorlaufzeit für die Einführung des Smart Meterings. Wir fangen jetzt 2017 an, die Systeme einzurichten, Bedeutung und Wirkung zeigen wird Smart Metering erst nach 2021. Aber die Märkte werden jetzt verteilt. Darum müssen Stadtwerke jetzt präsent sein, um sich Potenziale zu sichern. Das gilt genauso beim Thema Flexibilitäten. 
Sven Becker: "Die zentrale Herausforderung wird die Synchronisierung von Erzeugung und Verbrauch sein"
Bild: Trianel

E&M: Aber Geld wird noch nicht verdient?
Becker: Wir haben einen Sekundärregelpool in allen vier Regelzonen, in dem wir mittlerweile über 700 MW Kapazitäten eingesammelt haben und Deckungsbeiträge erzielen. Wir profitieren dabei auch von der Tatsache, dass sich erste Anbieter schon wieder aus dem Markt zurückziehen und erste Konzentrationstendenzen erkennbar werden. Das läuft genauso wie bei der Direktvermarktung von Strom aus EEG-Anlagen, bei der auch eine Konsolidierung erkennbar ist.

"Energieeffizienz ist nach wie vor ein verhaltenes Thema"
 
E&M: Verdient denn Trianel mittlerweile mit dem vor Jahren angeschobenen Dienstleistungsgeschäft Geld?

Becker: Wir sind 2009 relativ früh in diese neuen Technologiethemen hineingegangen, weil neue Geschäftsmodelle nicht von jedem Stadtwerk für sich entwickelt werden sollten, sondern gemeinschaftlich. Wir haben dabei die Themen Elektromobilität, dezentrale Energieerzeugung, Energieeffizienz und Smart Metering verfolgt. Nicht alle sind richtig geflogen. Elektromobilität ist nach wie vor ein Geschäft, in dem man kein Geld verdienen kann.

Über unseren gemeinschaftlichen Ansatz, das Thema im Netzwerk anzugehen, haben wir es immerhin geschafft, dass unsere Stadtwerke mit minimalen Kosten dort präsent sein konnten. Das Thema Energieeffizienz hat über die gesetzlich vorgeschriebenen Energie-Audits mittlerweile Aufwind bekommen. Da haben wir im vergangenen Jahr positive Deckungsbeiträge erzielt. Insgesamt ist Energieeffizienz aber nach wie vor ein verhaltenes Thema - wir sind auf der Suche nach skalierbaren, gewinnbringenden Geschäftsmodellen, beispielsweise mit Energiemanagementsystemen.

E&M: Wie sieht es beim Smart Metering und bei der dezentralen Erzeugung aus?

Becker: Beim Smart Metering sehen wir gute Möglichkeiten. Da haben wir zwar im vergangenen Jahr wegen des mehrmaligen Aufschubs bei der Gesetzgebung den Durchbruch noch nicht gesehen. Derzeit arbeiten wir mit 26 Stadtwerken zusammen und haben bereits über 3 000 Zähler auf unserer Smart-Metering-Plattform. Wir entwickeln diese technisch weiter und haben schon interessante Tools zur Datenauswertung und -verarbeitung erarbeitet. Wir zahlen hier noch Lehrgeld, aber das gehört bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle dazu. Wir haben aber die Investitionen aus Deckungsbeiträgen selbst finanziert. Von daher sind wir auch betriebswirtschaftlich zufrieden.

Ein Riesenpotenzial sehen wir außerdem in dezentralen Erzeugungsdienstleistungen, die wir über unsere Plattform T-PED (Trianel Plattform Energiedienstleistungen; d. Red.) auf den Markt bringen. Auch da werden positive Deckungsbeiträge erwirtschaftet. Wir haben mittlerweile fast 50 Stadtwerke unter Vertrag, die über T-PED unter anderem Contracting mit Photovoltaik und Mini-BHKW vertrieblich steuern. Die Plattform gibt uns auch die Möglichkeit, weitere Lösungen wie Batteriespeicher anzubieten. Aber natürlich ist sie auch so aufgebaut, dass Stadtwerke eigene Energiedienstleistungen über T-PED leicht in den Markt intergieren und Skaleneffekte im Vertrieb erzielen können. Die Kosten werden geringgehalten, da die Abwicklung standardisiert ist.

"TEE ist wirklich eine Erfolgsgeschichte"
 
E&M: Welche Perspektiven sehen Sie speziell für T-PED?

Becker: Wir haben die Plattform im vergangenen Jahr eingeführt. Für dieses Jahr erwarten wir, dass mehr als 1 000 Energiedächer mit diesem Konzept realisiert werden. Fast 50 Stadtwerke sind bislang auf T-PED aktiv und wir sind dabei, auch größere kommunale Versorger auf die Plattform zu ziehen. Am Ende des Jahres werden wahrscheinlich 60 Unternehmen dabei sein. Wenn jedes davon im Schnitt 50 Energiedächer verwirklicht, dann wären das 3 000 Anlagen. Das wird auf jeden Fall ein profitables Zukunftsgeschäft für uns und die Stadtwerke. Trianel wird das noch viel Freude machen.

E&M: Ist dieses Denken in Plattformen ein Beispiel für die viel diskutierte Digitalisierung?

Becker: Obgleich der Begriff Digitalisierung derzeit sehr in Mode ist, hat jeder eine andere Auffassung davon. Wir haben für das Thema Digitalisierung keine zentrale Unternehmensstrategie, sondern aus unseren Geschäftsbereichen heraus Initiativen entwickelt, aus denen digitale Geschäftsmodelle heranwachsen sollen. Da sehen wir zuerst Smart Metering, dann das T-PED und drittens unser T-DESK, das heißt, die Automatisierung des Energiehandels und der Beschaffung über eine Schnittstelle zwischen den Stadtwerken und Trianel. Für uns bedeutet Digitalisierung also Kosteneffizienz durch Automatisierung von Prozessen und das Schaffen neuer digitaler Vertriebskanäle. Stadtwerke müssen diese digitalen Vertriebskanäle besetzen, sonst machen es andere.

E&M: Ein Hoffnungsträger für Trianel sind die erneuerbaren Energien. Wie wird sich dieses Geschäft entwickeln, wenn nach der bevorstehenden EEG-Novelle Ausschreibungen zur Regel werden?

Becker: Trianel Erneuerbare Energien (TEE; d. Red.) ist wirklich eine Erfolgsgeschichte. Wir konnten bereits über 40 Stadtwerke an uns binden, die nicht nur aus unserem Gesellschafterkreis kommen. Alle zusammen haben über 140 Mio. Euro gezeichnet. TEE hat bereits mit ersten Solarprojekten Fahrt aufgenommen, die wir übrigens bei Ausschreibungen gewonnen haben. Bei den Ausschreibungen für Onshore-Windprojekte werden meiner Ansicht nach die Anbieter mit den effizientesten Kosten die Nase vorn haben. Dass wir dazuzählen, ist für mich keine Frage. Ich gehe auch von einer verstärkten Zusammenarbeit mit Projektentwicklern aus, denen durchaus das Kapital bewusst ist, das hinter TEE steckt. Dass wir unser Ziel von 275 MW Windkraft an Land bis Ende 2020 erreichen, zeichnet sich für mich ab.
 

Von Peter Focht und Ralf Köpke
© 2019 Energie & Management GmbH
Dienstag, 29.03.2016, 09:54 Uhr

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