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Enerige & Management > Gas - Baumgärtner: "Zur Nummer drei in Deutschland aufgestiegen"
Bild: Fotolia.com, WoGi
GAS:
Baumgärtner: "Zur Nummer drei in Deutschland aufgestiegen"
Markus Baumgärtner, Leiter Wertschöpfungskette Gas bei der Energie Baden-Württemberg AG (EnBW), über die Gasaktivitäten des Konzerns nach dem Kauf von VNG.
 
E&M: Herr Baumgärtner, Banken und Versicherungen bereiten den Ausstieg aus fossilen Beteiligungen vor − EnBW hat für großes Geld die Verbundnetz Gas (VNG; d. Red.) in Leipzig gekauft. Haben Sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt oder ist Erdgas doch kein Auslaufmodell?
 
Baumgärtner: Wir haben die VNG nicht gekauft, sondern eine Mehrheitsbeteiligung daran gegen eine Minderheitsbeteiligung an EWE getauscht − das ist ein Unterschied hinsichtlich der Gestaltungsmöglichkeiten. Gleichzeitig haben wir unser Gasgeschäft damit praktisch verdoppelt und sind zur Nummer drei in Deutschland aufgestiegen. Wir glauben, dass Erdgas uns als emissionsarme Erzeugungsart bei der Umsetzung der Energiewende sehr helfen wird.
 
Markus Baumgärtner: „Unsere Transportnetze sind höchst lukrative Unternehmenswerte“
Bild: EnBW

E&M: Passt das Erdgas-Engagement zur EnBW, die sich stark auf Erneuerbare ausgerichtet hat?
 
Baumgärtner: Absolut. Heute ist Erdgas der natürliche Partner der Erneuerbaren. Und morgen – damit meinen wir realistisch ab 2030 − sehen wir, dass die Transformation von fossilem Erdgas zu grünem Gas bereits einen signifikanten Anteil ausmachen wird. So hätte Gas mit der bestehenden Infrastruktur aus Netzen und Speichern die Möglichkeit, der nachhaltige Partner der Erneuerbaren zu werden. Hierfür ist aber noch einiges zu tun.
 
E&M: Welche Rolle kann Erdgas in der Stromerzeugung spielen?
 
Baumgärtner: In der Umsetzung der Energiewende sehe ich für Gas eine wertvolle Rolle. Denn bei seinem Einsatz entsteht nur etwa halb so viel CO2 wie bei der Verbrennung von Kohle. Ein weiterer großer Vorteil ist, dass Gas einen sehr flexiblen Kraftwerkseinsatz ermöglicht. Wenn das aber wirklich kommen soll, brauchen wir deutlich höhere CO2-Preise als aktuell fünf Euro pro Tonne.

„Die Energiewende steht und fällt mit der Wertigkeit von CO2

E&M: Welches Ziel hat sich EnBW für die Stromerzeugung mit Gas gesetzt, und wie wollen Sie Gaskraftwerke ins Geld bringen?
 
Baumgärtner: Um es klar zu sagen: Wir haben als Stromplayer das Gasgeschäft nicht weiter ausgebaut, um mehr Strom aus Gas zu erzeugen. Am Strommarkt wird immer das Kraftwerk mit den geringsten Kosten eingesetzt, daher wären Zielsetzungen unrealistisch, wie viel Strom man zu welchem Zeitpunkt aus Gas erzeugen will. Wir haben auch genügend Gaskraftwerke im Portfolio, aber diese stehen unter einem massiven Druck, sie rechnen sich derzeit nicht. Wenn der CO2-Preis auf dem momentan niedrigen Niveau bleibt, gibt es zudem keinen Anreiz, in neue Kraftwerke zu investieren. Wir brauchen also CO2-Preise in ganz anderen Regionen – nach aktuellen Untersuchungen bräuchte es im Jahr 2050 Preise über 100 Euro pro Tonne. Die Energiewende steht und fällt mit der Wertigkeit von CO2.
 
E&M: Halten Sie eine staatlich verordnete CO2-Bepreisung für notwendig, wenn der CO2-Handel weiter nicht die gewünschten Impulse setzt?
 
Baumgärtner: Wir müssen unsere Anstrengungen im Klimaschutz erhöhen. Da wird der CO2-Preis ein wichtiger Treiber sein, weil dieser Prozess eine ökonomische Rationalität braucht. Deshalb glaube ich fest, dass die Politik die notwendigen Maßnahmen ergreifen wird – ob über den Emissionshandel oder über eine CO2-Bepreisung.
 
E&M: Brauchen wir einen politisch verordneten Kohleausstieg?

Baumgärtner: Im Jahr 2050 wird für Kohle sicherlich kein Platz mehr sein. Wir werden aber noch für einige Jahre an Strom aus Kohle nicht vorbeikommen. Und auch nach dem Ende der Kernkraft 2022 wird es eine Herkulesaufgabe sein, die Kohle zu ersetzen. Die Politik wird sich bemühen müssen, in Abwägung zwischen Versorgungssicherheit und Klimaschutz einen für den Bürger bezahlbaren Kompromiss zu finden. Wir gehen davon aus, dass der Beitrag der konventionellen Stromerzeugung an unserem Ergebnis bis 2020 gegenüber 2012 um 80 Prozent zurückgehen wird. Die schwindende Bedeutung von Kohle ist also bereits in unserer aktuellen Unternehmensstrategie hinterlegt. EnBW hat infolge der Marktsituation bereits sieben Entscheidungen zur Stilllegung älterer Kohlekraftwerke getroffen.
 
„Gas wird dazu beitragen, dass wir auf die Energiewendespur kommen“


E&M: Welche Perspektiven hat Erdgas am Wärmemarkt?
 
Baumgärtner: Gas wird stark dazu beitragen, dass wir auf die Energiewendespur kommen. Eine Entscheidung für eine Erdgas-Brennwertheizung mit Solarunterstützung ist mit Blick auf das Erreichen der Klimaziele in den kommenden Dekaden deshalb eine sehr gute Lösung. Wir bräuchten am Wärmemarkt eine Modernisierungsquote von drei Prozent, um beim Klimaschutz voranzukommen – aktuell erreichen wir nicht einmal ein Prozent. Installateure sagen uns, dass sich Hausbesitzer lieber ein neues Bad einbauen lassen, als ihre Heizung zu sanieren. In den Köpfen der Bürger ist also noch ein Umdenken erforderlich. Wir müssen aber auch sehen, dass sie finanziell nicht überfordert werden, Heizen muss bezahlbar bleiben.
 
E&M: Hat Erdgas im Zusammenhang mit der Diskussion des letzten Jahres über den Klimaschutzplan und ein Verbot von Gasheizungen schon an Performance verloren?
 
Baumgärtner: Nein, die Diskussion hat an der Sympathie für Gas und am Verbraucherverhalten nichts verändert. In der Klimaschutzdiskussion im letzten Jahr wurde Gas undifferenziert in einen Topf mit allen anderen fossilen Brennstoffen geworfen − das halte ich nicht für zielführend. In den letzten Monaten hat sich die Reputation von Gas aber wieder stark verbessert.
 
E&M: Wie sollen Energieversorger damit umgehen?
 
Baumgärtner: Die momentane Situation ist skurril: Die Kunden wollen Erdgas, aber Verteilnetzbetreiber sind mit Blick auf das Energiewendeziel 2050 schon am Überlegen, ob sich die Neuerschließung von Wohngebieten mit Gasleitungen, die Abschreibungszeiten von mehr als 40 Jahren haben, überhaupt noch rentiert.
 
E&M: Die EnBW-Töchter GVS und VNG beliefern Stadtwerke und Industrie mit Erdgas, bedienen also als Großhändler die selbe Zielgruppe. Soll das so bleiben?
 
Baumgärtner: Seit der vollständigen Übernahme von GVS im Jahr 2014 und der Mehrheit an VNG 2016 sind wir ein veritabler Gasplayer geworden. Ziel war aber nicht, unser Gasgeschäft an einem Ort zu zentralisieren. Wir glauben, dass wir mit mehreren agilen und gut geführten Gesellschaften sehr erfolgreich am Markt sein werden. Selbstverständlich hat hierbei die VNG eine besondere Verantwortung. Aber der VNG-Deal war nie synergie- sondern vielmehr kompatibilitätsgetrieben. Im Vertrieb wird es darum gehen, intelligent zusammenzuarbeiten. Wir schauen uns dafür die spezifische Kompetenz jeder Gesellschaft an und sind überzeugt, dass die GVS eine ebenso starke Marke in Süddeutschland ist wie die VNG in Ostdeutschland. Beim Thema Märkte, Preise und Produkte werden wir als EnBW schauen, dass ein Konzernoptimum erreicht wird.
 
E&M: Braucht es zwei Netzgesellschaften oder lassen sich zwischen der VNG-Tochter Ontras in Ostdeutschland und Terranets BW in Baden-Württemberg Synergien erschließen?

„VNG gehört zu Leipzig wie das Gewandhaus“

Baumgärtner: Im Gastransportnetz sind wir jetzt die Nummer zwei in Deutschland nach Open Grid Europe. Eine Zusammenlegung ergibt aber keinen Sinn, aufgrund der Entfernung zwischen Baden-Württemberg und Ostdeutschland sehen wir keine Synergiepotenziale.
 
E&M: Welchen strategischen Wert haben Ferngasnetze – auch im Hinblick auf Power-to-Gas? Spielt das eine Rolle in Zukunftsüberlegungen von EnBW?
 
Baumgärtner: Unsere Transportnetze sind höchst lukrative Unternehmenswerte – Ontras ist heute der große Ergebnisbringer der VNG. Die transportierten fossilen Gasmengen werden jedoch zurückgehen. Es geht also darum, Erdgas durch grünes Gas zu ersetzen, damit die Infrastruktur auch 2050 noch eine Berechtigung hat. Und es gibt für eine Volkswirtschaft, die auf Versorgungssicherheit angewiesen ist, gute Gründe, eine bestehende Infrastruktur nicht zu verschrotten, sondern zu erhalten. Wir werden uns im Konzern gemeinsam damit auseinandersetzen und unser Vorgehen beim Thema ,Gas wird grün‘ schärfen. Für solche übergeordneten Themen wird die VNG zum Kompetenzzentrum Gas des EnBW-Konzerns. Power-to-Gas ist heute aber noch nicht wirtschaftlich. In den nächsten fünf Jahren wird es deshalb nach meiner Einschätzung keine Power-to-Gas-Anlagen in signifikant größerer Zahl geben.
 
E&M: Braucht EnBW das von VNG entwickelte Geschäft mit Exploration und Produktion (E&P; d. Red.) von Erdgas?
 
Baumgärtner: Ich finde das E&P-Geschäft der VNG in Norwegen grundsätzlich klasse. Wir glauben an das Engagement entlang der gesamten Wertschöpfungskette – und da gehört es dazu. Man braucht dafür jedoch Kompetenz und entsprechende finanzielle Mittel, um erfolgreich zu sein. VNG ist von der Kompetenz her ein angesehener E&P-Akteur in Norwegen und wurde 2015 zum Explorer of the Year gekürt. In Leipzig läuft gerade ein Strategieprozess zur Zukunft des E&P-Geschäfts. Aus Konzernsicht müssen wir schauen, wie es in die Gesamtstrategie passt.
 
E&M: Das Gasspeichergeschäft der VNG lahmt seit einiger Zeit…
 
Baumgärtner: Es ist momentan so, dass Gasspeicher niedrig bewertet sind. Dies lockt bereits Marktteilnehmer, vornehmlich aus dem Ausland, Speicher zu kaufen. Denn es könnte ja durchaus sein, dass im Zusammenspiel zwischen Strom und Gas wieder mehr Volatilität in den Speichermarkt hineinkommt. Keiner weiß, wo in fünf Jahren die Wertigkeit von Gasspeichern steht. Deshalb sehen wir im Portfolio von VNG mit den zwei großen Speichern in Bernburg und Bad Lauchstädt, die in hervorragendem technischen Zustand sind, eine interessante Option. Neue Speicher würden wir derzeit aber nicht bauen.
 
E&M: Rechnen Sie damit, dass die ostdeutschen Kommunen als VNG-Gesellschafter bei der Stange bleiben − einige haben Verkaufsabsichten geäußert.
 
Baumgärtner: Wir arbeiten mit den kommunalen Gesellschaftern sehr gut zusammen. Wir haben von Anfang an gesagt, die VNG gehört zu Leipzig wie das Gewandhaus. Das hat Wirkung gezeigt, weil die Standortsicherung ein wichtiges Anliegen der Kommunen ist. Wie die Kommunen jetzt ihre Gesellschafterangelegenheiten ordnen, das ist ihre Angelegenheit.
 

Peter Focht
Redakteur
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Donnerstag, 16.03.2017, 12:16 Uhr

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