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INTERVIEW:
Baumgärtner: "Die Grünstromkunden wollen wirklichen Ökostrom kaufen"
Clean Energy Sourcing (Clens) zählt bundesweit zu den führenden Grünstromlieferanten für Industrie- und Gewerbekunden. Mit Dr. Frank Baumgärtner, dem neuen Vorstandschef, sprach E&M über die Perspektiven des Unternehmen - mit und ohne Grünstrommarktmodell.
 
E&M: Herr Dr. Baumgärtner, wie groß ist die Zahl der Leute in der Energiewirtschaft, die derzeit wissen, dass Sie neuer Vorstandschef von Clean Energy Sourcing sind?

Baumgärtner: Nicht viele.

E&M: Warum?

Baumgärtner: Wir haben in den vergangenen Monaten mehr mit uns zu tun gehabt, als das wir uns nach außen gezeigt haben.

E&M: Was damit zusammenhängt, dass Ihr Vorgänger und Clens-Mitbegründer Thomas Pilgram seinen Posten räumen musste. Warum?

Baumgärtner: Das ist ein kompliziertes Thema. Alles hängt mit ungelösten Steuer-Fällen aus den Jahren 2009 und 2010 zusammen, die aber so bedeutend waren, dass der Rücktritt von Thomas Pilgram unvermeidbar gewesen ist.

E&M: Was wird bei Clens anders ohne Pilgram werden, der stets das Gesicht des Unternehmens nach draußen war? Oder wird überhaupt etwas anders?

Baumgärtner: Mit unserem starken Team machen wir weiter wie bisher, keine Frage. Unser Kerngeschäft, das auf den drei Säulen Belieferung, Flexibilitätsmanagement und Beschaffung beruht, werden wir ohne Abstriche fortführen und forcieren. Und ganz klar, wir wollen wachsen, und zwar nicht nur allein in Deutschland.

E&M: Sehen Sie Clens künftig mehr als Energiedienstleister oder als grünes Stadtwerk?

Baumgärtner: Ganz klar als Energiedienstleister. Wir planen daher auch keinen großen Einstieg in das Geschäft mit den klassischen Privatendkunden, das ist schon ein entscheidender Unterschied. Das heißt, wir bauen keine eigene Strommarke auf. Wir fokussieren auf Energiemanagment-Aufgaben, die mit der Energiewende zusammenhängen. Der gewerbliche oder industrielle Konsument kann beispielsweise als Betreiber einer Biogasanlage zehn Minuten später schon Produzent sein und wieder umgekehrt. Auf solche Wechsel unserer Kunden sind wir eingestellt. Wenn jemand ins Endkunden-Geschäft drängt, dann sind das die von uns betreuten Anlagenbetreiber. Dann gibt es eine ganze Reihe, die regionale Stromprodukte anbieten wollen. Deshalb ist es wichtig, dass wir das Know-how und Equipment parat haben.

E&M: Sie betonten, dass Clens auf seine bewährte Drei-Säulen-Strategie setzt. Ist das Ihre Antwort auf den zunehmenden Wettbewerb bei der Direktvermarktung von Strom aus EEG-Anlagen, bei denen Ihr Unternehmen mit zu den führenden Anbietern zählt?

"Bei der Direktvermarktung werden zwei, drei, vier Player übrig bleiben"


Baumgärtner: Ganz eindeutig ja. Für uns ist es derzeit ein Rätsel, wie einige Direktvermarkter bei den derzeitigen Preisen mit mittelgroßen, allein auf Windenergie basierenden Portfolien versuchen, Geld zu verdienen. Bei dem Kostenapparat beispielsweise für den 24/7-Handel, der mit der Direktvermarktung unweigerlich verbunden ist, können solche Unternehmen nicht auf den grünen Zweig kommen. Wir sind deshalb froh um unsere Belieferung und das Flexibilitätsmanagement.

E&M: Also, wird sich die Konsolidierung in diesem Marktsegment verstärken?

Baumgärtner: Es werden, zwei, drei, vier Player übrig bleiben. Wenn ich jetzt sehe, dass die ehemals Großen Vier in das Direktvermarktungsgeschäft drängen, dann kann ich nur sagen, dieser Schritt wird ihre Probleme nicht lösen. Um den gesamten deutschen Markt bei der Direktvermarktung zu managen, bedarf es vielleicht 400 Mitarbeiter insgesamt, wenn überhaupt. Angesichts von tausenden Arbeitsplätzen, die Eon, RWE & Co. schon abgebaut haben und weiter abbauen müssen, ist das ein Klacks.

E&M: Im Jahr 2013 hatten Sie rund 4 Terawattstunden Grünstrom geliefert. Wie sehen die Zahlen für das vergangene Jahr aus?

Baumgärtner: Wir liegen derzeit bei einem Absatz von rund 2 Terawattstunden. Bei uns ist durch den Wegfall des Grünstromprivilegs mit der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im vergangenen August mehr oder weniger die Belieferung von Weiterverteilern komplett zusammengebrochen. Wir sind etwa auf die 2 Terawattstunden zurückgefallen, die wir bereits 2013 an rund 150 Kunden aus dem Industrie- und Gewerbebereich geliefert haben. Zurzeit beobachten wir, dass die Mengen pro Kunde eher abnehmen, die Zahl der Kunden insgesamt eher steigt. So liefern wir mittlerweile Ökostrom auch an den produzierenden Mittelstand oder mittelgroße Gewerbekunden.

E&M: Setzen Sie, um Ihren Absatz anzukurbeln, auf das von Ihnen mitinitiierte Grünstrommarktmodell?

Baumgärtner: Wenn dieses oder ein ähnliches Modell für die regionale Ökostrom-Direktvermarktung an Endkunden kommt, gehen wir davon aus, dass wir mittelfristig deutlich mehr als 4 Terawattstunden liefern werden. Wir hoffen, dass die Bundesregierung im Energiewendeland Deutschland ein Einsehen hat, dass es hierzulande genügend Kunden gibt, die explizit deutschen Ökostrom kaufen wollen. Auch im Autoland Deutschland ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Kunden deutsche Autos kaufen können. Das ist derzeit unsere größte Baustelle: Das Gros der Grünstromkunden wollen wirklichen Ökostrom kaufen, nicht grün gemachten.

E&M: Welche Signale empfangen Sie aus Berlin: Setzt das Bundeswirtschaftsministerium die in der EEG-Novelle festgeschriebene Verordnungsermächtigung für die regionale Ökostrom-Direktvermarktung um?

Baumgärtner: Ja, es gibt mittlerweile eine breite werdende Unterstützung für dieses Ansinnen. Nicht nur Ökostromunternehmen und Verbände, sondern auch der Bundesverband Neue Energiewirtschaft und der DIHK, sprich die Abnehmerseite, zählen zu den Befürwortern. Bevor jetzt die Frage kommt, wann mit Verordnung zu rechnen ist, will ich nur sagen: Wir rechnen mit einer Entscheidung im Juni.
 
Frank Baumgärtner: "Bei Partnerschaften muss unser Logo nicht vorne stehen."
Bild: Clens Energy Sourcing/Matthias Knoche


E&M: Bei Ihrem Optimismus gehen wir davon aus, dass Sie schon Pläne für diesen Tag X in der Schublade liegen haben. Was ist von Clens zu erwarten, wenn die Verordnungsermächtigung kommt?

Baumgärtner: Nach diesem Modell werden wir unsere aktuellen Kunden und auch die, die wir zurückgewinnen wollen, mit echtem Grünstrom beliefern. Die Frage wird sein, wie schnell schaffen wir und können wir unsere Marktposition ausbauen. Ich gehe mal davon aus, dass das Grünstrommarktmodell für die kommenden fünf oder zehn Jahre bestand haben wird. Wir bauen für den Vertrieb eine Reihe von Partnerschaft aus, die bereits heute bestehen oder die derzeit verhandelt werden. Klar ist, dass wir diesen Partnerschaften unser Logo nicht immer vorne stehen haben müssen.

E&M: Also, heißt es derzeit Warten auf den Weißen Rauch aus Berlin?

Baumgärtner: Damit kein falscher Eindruck entsteht: Wir wachsen, unsere Geschäfte laufen, und zwar profitabel – auch ohne das Grünstrommarktmodell . Mit der Verordnungsermächtigung bekommt der Grünstrommarkt aber eine neue Qualität für die Endkunden. Wir können da weniger für die Haushaltskunden sprechen, sondern wissen von unseren Industriekunden, dass sie ganz großen Wert auf deutschen Ökostrom legen. Kommt die Verordnung, erwarten wir eine verstärkte Nachfrage aus Industrie- und Gewerbekreis nach Grünstrom. Kommt die Verordnung, von deren Sinnhaftigkeit wir die Abgeordneten der Regierungsfraktionen in Berlin nicht mehr überzeugen müssen, löst das einen Wettbewerb um bessere Ideen und Innovationen aus, auf den wir uns freuen.

Zur Person
Dr. Frank Baugärtner, Jahrgang 1962, ist seit 2010 in der Energiewirtschaft tätig. Zuvor hatte er fast anderthalb Jahrzehnte für TellSell Consulting gearbeitet, eine auf Vertriebsberatung spezialisierte Agentur. 2010 gründete Baumgärtner die TeraJoule Energy GmbH, die als Mehrheitsgesellschafterin die spätere Clean Energy Sourcing GmbH von Q-Cells übernommen und das virtuelle Kraftwerk in die Clens eingebracht hat. Dem Clens-Management gehört Baumgärtner seit Ende 2012 an.
 

Ralf Köpke
© 2017 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 16.04.2015, 09:00 Uhr

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