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Enerige & Management > Kohlekraftwerke - Bahn pendelt zwischen Öko-Lust und Kohle-Frust
Bild: Photocase.com, Markus Imorde
KOHLEKRAFTWERKE:
Bahn pendelt zwischen Öko-Lust und Kohle-Frust
Gefangen zwischen Grün und Grau: Die Deutsche Bahn meldet stolz die geplante Einrichtung eines Solarparks, schweigt aber zum Altdeal um den Kohlemeiler Datteln 4.
 
Während die Deutsche Bahn ihren kommenden Solarpark im schleswig-holsteinischen Wasbek westlich von Neumünster mit einem Stromertrag von jährlich etwa 38 Mio. kWh medial feiert, drückt die graue Gegenwart auf die Stimmung.

Die von ehemaligen Mitgliedern der Kohlekommission geäußerte harsche Kritik am Kohleausstiegsplan wird mittelbar auch die Bahn treffen. Denn mit dem noch in Gesetzesform zu bringenden Kohleausstiegsplan, durch den das Kohlekraftwerk Datteln 4 ans Netz gehen darf, wird voraussichtlich auch ein Großauftrag von Datteln-Betreiber Uniper und der Bahn wirksam. Der Schienen-Carrier hatte 2007 noch in Verhandlungen mit Uniper-Vorgänger Eon eine 413-MW-Scheibe in Datteln für sich reserviert. Mit etwa 3 Mrd. kWh pro Jahr würde die Bahn bis zum Betriebsende des Kraftwerks (vermutlich dem Kohleausstiegsjahr 2038) mehr als ein Viertel ihres Jahresstrombedarfs von 10 Mrd. kWh aus Steinkohle decken.

Das erschüttert das Selbstbild der Deutschen Bahn als zunehmend auf Ökostrom setzender Großverbraucher. Das selbst gesteckte Ziel, bis 2038 zu 100 % auf Erneuerbare umgestellt zu haben, ist nur zu erreichen, wenn die Bahn aus dem Datteln-Vertrag mit Uniper aussteigt oder andere Abnehmer für den georderten Kohlestrom auftreibt. Die Inbetriebnahme von Datteln 4, auf die sich die Bundesregierung in der vergangenen Woche mit den Ministerpräsidenten der vier Kohleländer verständigt hat, ist nicht nur klimapolitisch ein Treppenwitz. Die Einigung bedeutet auch, dass die Bundesregierung ihr eigenes Staatsunternehmen mehr oder weniger auf Kohle-Kurs hält, obgleich die Weichen vor Jahren auf Grünstromversorgung gestellt worden sind.

Stromkunden der DB Energie orientieren sich neu

Mit Interesse verfolgt auch Peter Westenberger die Grünstromstrategie der Bahn nach dem Datteln-Deal. Er vertritt als Geschäftsführer des Netzwerkes Europäischer Eisenbahnen (NEE) 68 DB-Wettbewerber der Güterverkehrssparte, auf die bereits mehr als die Hälfte des deutschen Schienengüterverkehrs entfällt. Zuvor war er jahrelang im Umweltzentrum der DB unter anderem mit der Strombeschaffungsstrategie der DB Energie befasst. Einige seiner Mitgliedsunternehmen beziehen bereits Strom von Dritten, viele aber weiterhin von der Bahn-Tochter DB Energie, die nach eigenen Angaben mit einem Stromabsatz von 25 Mrd. kWh der fünftgrößte deutsche Stromversorger ist. Sollte der Kohlestrom aus Datteln auf die Ökostrombilanz der DB oder das Portfolio der DB Energie durchschlagen, werde er den nachhaltig orientierten NEE-Mitgliedern raten, ihren Stromlieferanten zu wechseln. „Wir kennen noch nicht genug Details, alle Bahnunternehmen brauchen aber eine seriöse Ökostromstrategie“, so Westenberger auf E&M-Anfrage

Über Details zum Datteln-Vertrag schweigt DB Energie sich weiterhin aus, auch gegenüber E&M gab es vom Unternehmenssitz in Frankfurt keine Stellungnahme. Bekannt ist, dass die Bahn schon seit einigen Jahren aus dem Kohle-Deal aussteigen wollte. Bei einer technischen Laufzeit von 40 Jahren hätte sich nach Einschätzung von NEE-Geschäftsführer Westenberger trotz erwartbarer Schadensersatzzahlungen an Uniper sogar eine einseitige Kündigung des Vertrages durch die DB rechnen können. Umso enttäuschender sei es, dass die Bundesregierung offenbar den Weg für das Kraftwerk samt DB-Deal frei gemacht habe.

Solarpark Wasbek gut fürs grüne Image
 
Der Imageschaden für die Bahn ist durch den Alt-Deal derweil noch nicht absehbar. Als „schweren Rückschritt“ bei der Umstellung auf erneuerbare Energien bezeichnet Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn die drohende Dattelner Altlast. Zugleich gab er zu bedenken, dass der weiterhin nötige Kohlestrom immerhin aus einem modernen und effizienten Kraftwerk stamme. „Das ist kein großer Schritt, wenn man auf die schädlichen Emissionen blickt, aber ein machbarer.“ Aus Fahrgastsicht sei es wichtig, dass Bahn und Politikbetrieb weitere Anstrengungen zu mehr Grünstrom unternähmen, etwa durch Solarzellen an Lärmschutzwänden oder Windenergieanlagen an Bahnstrecken.
 
Das Bild des Ökostrom-Carriers hatte die Bahn Anfang der Woche weiter gezeichnet. Das Unternehmen veröffentlichte die Meldung, wonach es für das Wasbeker Solarkraftwerk einen über 30 Jahre laufenden PPA-Vertrag mit dem Hamburger Projektentwickler Enerparc abgeschlossen habe. Der dort erzeugte Strom soll direkt über das DB-Umrichterwerk Neumünster in das 16,7-Hz-Bahnstromnetz fließen. Das sollte als weiteres Puzzleteil verstanden werden, den Energiebedarf bis 2038 zu 100 % aus Grünstrom zu decken. Die Bahn bezeichnet sich selbst mit einer Quote von aktuell 60 % als bundesweit größten Ökostromverbraucher.
 

Volker Stephan
© 2020 Energie & Management GmbH
Mittwoch, 22.01.2020, 16:33 Uhr

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