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Enerige & Management > Aus Der Aktuellen Printausgabe - "Am Bedarf besteht kein Zweifel"
Quelle: E&M
AUS DER AKTUELLEN PRINTAUSGABE:
"Am Bedarf besteht kein Zweifel"
Das 450-MHz-Netz für die Energiewirtschaft nimmt Gestalt an. Im Frühjahr 2023 soll in ersten Regionen der Betrieb beginnen, wie Frederik Giessing berichtet.
 


Zur Person: Frederik Giessing

Frederik Giessing ist Geschäftsführer der 450 Connect GmbH. Der promovierte Wirtschaftsingenieur war zuvor für das Business Development der Alliander AG in Deutschland verantwortlich und davor Geschäftsführer der Alliander Netz Heinsberg GmbH.
 
Frederik Giessing
Quelle: Axel Schmidt/450 Connect

E&M: Herr Giessing, vor zwei, drei Jahren war immer die Rede davon, das 450-MHz-Netz diene der Krisenkommunikation. Jetzt rücken immer stärker die Anwendungen im Smart Grid in den Vordergrund. Hat hier ein Umdenken stattgefunden?

Giessing: Der Bedarf der Energiewirtschaft war schon immer deutlich kommuniziert und bezog sich neben einer Krisenkommunikation vor allem auch auf Millionen von Machine-to-Machine-Anwendungen. Bei einer immer kleinteiligeren und immer stärker vernetzten Energielandschaft braucht man ein hochverfügbares und schwarzfallfestes Kommunikationsnetz. Einerseits geht es um die Kommunikation in Krisensituationen − auch um Sprachkommunikation. Andererseits wird aber immer offensichtlicher, dass für eine sichere Energieversorgung ein Netz unabdingbar ist, das das Steuern von Millionen Anlagen in Echtzeit ermöglicht. Mit ‚sicher‘ ist hier sowohl die Versorgungssicherheit an sich gemeint als auch der Schutz vor Cyberattacken.
 
„Wir können das Netz schwarzfallfest machen“
 
E&M: Der herkömmliche Mobilfunk bietet diese Sicherheit nicht?

Giessing: Wir können zum einen das Netz schwarzfallfest machen, da wir mit einer relativ geringen Zahl von Funkstandorten auskommen und damit die Umsetzung wirtschaftlich gut abbilden können. Außerdem können wir über verschiedene Mechanismen beispielsweise bestimmte Anwendungen priorisieren. Es steht außer Frage, dass Schalthandlungen an Anlagen, die für die Energieversorgung kritisch sind, eine höhere Priorität haben müssen als ein Software-Update oder die routinemäßige Ermittlung eines Messwerts. Das Gleiche gilt für die Sprachkommunikation in Krisensituationen. Beim öffentlichen Mobilfunk erfolgt die Leistung nach ‚best effort‘. Das heißt, es gibt keine Verfügbarkeit für Echtzeit-Datentransfer oder für die Priorisierung bestimmter Anwendungen.

E&M: Was macht das 450-MHz-Netz sicherer vor Cyberattacken?

Giessing: Wir nutzen eine ganz andere Infrastruktur als der öffentliche Mobilfunk. Die Geräte und Anlagen, beispielsweise von Stadtwerken, verbinden sich über die Luftschnittstelle mit unserem Funknetz. Die einzelnen Funkstandorte sind über Richtfunkstrecken mit unserem Backbone verbunden. Somit nutzen wir eine Infrastruktur, die nur der 450 Connect zugänglich ist, und haben deshalb schon rein physikalisch ein anderes Schutzniveau als öffentliche Telekommunikationsunternehmen.

E&M: Spielt es auch eine Rolle, dass sozusagen nur ‚Profis‘ das 450-MHz-Netz nutzen?

Giessing: Der Nutzerkreis besteht in der Tat aus Unternehmen, die sehr professionell und bewusst unsere Dienste nutzen und als Betreiber kritischer Infrastrukturen zumeist auch ISMS-zertifiziert (ISMS steht für Informationssicherheitsmanagementsystem; d. Red.) sind. Auch das trägt zum hohen Sicherheitsniveau insgesamt bei.

E&M: Wie kommt der Aufbau des Netzes voran?

Giessing: Wir werden im kommenden März in ersten ausgewählten Regionen in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und im Saarland mit dem kommerziellen Betrieb beginnen. In 2025 werden wir dann den flächendeckenden Ausbau abschließen.

E&M: Es ist ja ein Unterfangen, das vom Bundeswirtschaftsministerium in den vergangenen Jahren sehr unterstützt wurde. Spüren Sie noch Rückenwind?

Giessing: Das Bundeswirtschaftsministerium sieht den Aufbau des 450-MHz-Funknetzes als entscheidenden Wegbereiter für die Energiewende. Dies war auch einer der wesentlichen Gründe, weshalb sich das Ministerium so energisch für die Nutzbarmachung der Frequenzen für Betreiber kritischer Infrastrukturen eingesetzt hatte. Diesen Rückenwind spüren wir weiterhin. Aber das schützt uns nicht vor den Herausforderungen großer Infrastrukturprojekte wie beispielsweise dem Ausbau der Übertragungsnetze. Allerdings haben wir den Vorteil, dass wir nur 1.600 Funkstandorte für ein flächendeckendes Netz benötigen. In der Regel können wir Standorte bei Energieversorgern anmieten oder auf kommerzielle Mastanbieter zurückgreifen. Nur in wenigen Gegenden müssen wir nachverdichten oder einzelne Strecken über Tiefbaumaßnahmen an unseren Backbone anschließen. Dann benötigen wir Genehmigungen und es müssen Dienstbarkeiten ins Grundbuch eingetragen werden. Im Dialog mit den Ämtern vor Ort schaffen wir es aber, dass wir gut im Zeitplan liegen.
 
„Wir benötigen nur 1.600 Funkstandorte“
 
E&M: Die Zuteilung der Frequenz war mit der Auflage verbunden, ein bundesweites Netz aufzubauen. Welche Erfahrungen aus den Projekten mit Ihren Ankerkunden können Sie dafür nutzen?

Giessing: Wir können ja nicht nur auf die Erfahrungen mit den Ankerkunden zurückgreifen, sondern auch auf die Erfahrungen von Alliander beim Aufbau eines 450-MHz-Netzes in den Niederlanden sowie auf zahlreiche Teststellungen in den letzten zehn Jahren mit der Energiewirtschaft. Hier haben wir sehr viel über die Bedürfnisse der Kunden und die tatsächlichen Einsatzszenarien gelernt. Natürlich kommen uns auch die praktischen Erfahrungen mit der Technik etwa bei der Integration der Geräte zugute.

E&M: Bei einem bundesweiten Netz muss eigentlich auch gewährleistet sein, dass Sie am Ende genügend Kunden haben.

Giessing: In gewisser Weise gehen wir in Vorleistung. Aber am Bedarf für das 450-MHz-Netz besteht kein Zweifel. Das hat sich auch bei unserem Stadtwerketag im September gezeigt. Die Veranstaltung war schon lange vor dem Termin ausgebucht. Und schon im politischen Ringen um die Zuteilung zwischen dem Bundeswirtschafts- und dem Bundesinnenministerium hat sich die Energiewirtschaft sehr geschlossen präsentiert und sich für die Zuteilung stark gemacht. Nicht zuletzt lässt sich auch an unseren Anteilseignern erkennen, wie stark der Rückhalt in der Branche und darüber hinaus ist. Denn die Versorgerallianz repräsentiert sowohl die Energieals auch die Wasserwirtschaft. Unsere mehr als 70 Gesellschafter decken mit ihren Leistungen über 50 Prozent der Fläche Deutschlands ab. Deshalb machen wir uns keine Sorgen, nicht genügend Kunden zu bekommen.

E&M: Haben die Anteilseigner als Kunden Vorteile gegenüber anderen Unternehmen?

Giessing: Nein, wir bieten unser Produktportfolio allen Kunden diskriminierungsfrei an. Jeder bekommt die gleichen Konditionen und den gleichen Funkdienste-Rahmenvertrag, egal ob es sich um einen Gesellschafter handelt oder um ein anderes Unternehmen.
 
„Es gibt auch Wettbewerbslösungen“
 
E&M: Ist Ihnen irgendwann schon einmal die Kritik zu Ohren gekommen, Sie seien ja quasi Monopolist?

Giessing: Nein. Das wäre auch völlig gegenstandslos, weil wir eine Branchenlösung haben, die von den Verbänden und den Unternehmen mitgetragen wird, weil eine Vielzahl der Energieversorger selbst zu unseren Gesellschaftern gehört und weil es tatsächlich auch Wettbewerbslösungen gibt. Für den Betriebsfunk gibt es Alternativen zur 450-MHz-Frequenz, die Anbindung von Smart Meter Gateways kann beispielsweise auch mit Powerline oder dem öffentlichen Mobilfunk erfolgen. Aber natürlich sehen wir unsere Lösung gegenüber anderen Technologien deutlich im Vorteil.

 

450 Connect

450 Connect hat im Juli 2021 von der Bundesnetzagentur die bundesweite Zuteilung für die 450-MHz-Frequenzen bis zum Jahr 2040 erhalten. Das Unternehmen ist ein von der Energie- und Wasserwirtschaft getragenes Joint Venture, an dem vier Gesellschafter mit jeweils 25 Prozent beteiligt sind. Zum einen ist dies der Telekommunikations- und Stromnetzbetreiber Alliander, zum anderen ein Konsortium der sogenannten Ankerkunden − Regionalversorger, zu denen beispielsweise EWE Netz, die Wemag und die Entega gehören − sowie die Versorger-Allianz 450. Diese ist aus einem eingetragenen Verein hervorgegangen, der die Interessen von knapp 200 kommunalen Energie- und Wasserversorgern gebündelt hat. Als vierter Gesellschafter ist Eon an der 450 Connect beteiligt.

Mit den Ankerkunden hat 450 Connect seit 2016, damals noch als 100-prozentige Tochtergesellschaft von Alliander, begonnen, regionale 450-MHz-Netze aufzubauen und zu betreiben.
 

Vorrang für die kritischen Infrastrukturen

Im November 2020 verständigten sich das Bundeswirtschafts- und Bundesinnenministerium darauf, der Bundesnetzagentur bei ihren Vorbereitungen für eine Zuteilung der 450-MHz-Frequenzen an die Betreiber kritischer Infrastrukturen „nicht in den Arm zu fallen“, wie aus Kreisen der Beteiligten zu hören war. Zuvor hatte viele Monate lang Streit zwischen den Häusern von Wirtschaftsminister Altmaier (CDU) und Innenminister Seehofer (CSU) geherrscht. Sie hatten sich einen politischen Schlagabtausch geliefert, dessen stellenweise aufblitzende Polemik selbst erfahrene und mit dem Berliner Politikbetrieb vertraute Branchenvertreter verwunderte. Der eine favorisierte die Energiewirtschaft, der andere die Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben.

Dem „Friedensabkommen“ der Ministerien war eine Entscheidung der Präsidentenkammer der Bundesnetzagentur vorausgegangen, die klarstellte: „Die Frequenznutzungsrechte im Frequenzbereich 450 MHz (…) werden (...) vorrangig für die Anwendungen kritischer Infrastrukturen bereitgestellt.“ Damit hat sie die Energiewirtschaft zwar nicht exklusiv. Aber die Bedeutung der Frequenz für die Energiewende und die Versorgungssicherheit wird in dem rund 100-seitigen Dokument mehrfach betont.

Eine neue Zuteilung der Frequenz war nötig geworden, weil die bisherigen Lizenzen, von denen Alliander eine besaß, bis zum 31. Dezember 2020 befristet waren. Vor dem jüngsten Zuteilungsverfahren war das Unternehmen alleiniger Eigentümer der 450 Connect, die mit ihren Ankerkunden begonnen hatte, regionale Funknetze aufzubauen. Der niederländische Konzern hatte sich dann aber bereit erklärt, zugunsten einer Branchenlösung die Mehrheit an der 450 Connect abzugeben, sodass die neue Gesellschaft mit einer breiten Basis in der Energiewirtschaft am Zuteilungsverfahren teilnehmen konnte.
 

Partner für den Netzaufbau

Für die Finanzierung des Netzausbaus hat 450 Connect im Juli die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) als langfristigen Partner vorgestellt. Als Sole Underwriter habe die LBBW eine Finanzierung in Höhe von rund 130 Millionen Euro arrangiert, strukturiert und übernommen. Im Rahmen der Primärsyndizierung von rund einem Drittel des Kreditvolumens sei bereits im November 2021 die Nord/LB als Partner gewonnen worden.

Der Infrastrukturanbieter Gasline stellt die Lichtwellenleiter-Infrastruktur (LWL) zur Verfügung und die regionalen Glasfaseranbindungen zu den zentralen Richtfunkstandorten her. Auf dieser Infrastruktur betreibt 450 Connect ein LWL-Transportnetz mit eigener Technik und 72-Stunden-Notstromversorgung.
 

Fritz Wilhelm
Stellvertretender Chefredakteur
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Dienstag, 06.12.2022, 09:17 Uhr

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