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Energie & Management > Veranstaltung - Gastagung diskutiert Zukunft der Versorgung
Quelle: Handelsblatt
Veranstaltung

Gastagung diskutiert Zukunft der Versorgung

Bei einer Tagung zum Thema Gas in Berlin standen die Umbrüche der Branche im Fokus, die durch den Wegfall russischer Erdgaslieferungen und den Klimaschutz notwendig werden.
Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine standen Deutschland und Europa vor enormen Herausforderungen, die Energieversorgung in kurzer Frist ohne Pipelineerdgas aus Russland zu realisieren. Dies führte vor allem 2022 zu einer Energiepreiskrise. Die Auswirkungen der europäischen und nationalen Maßnahmen zur Eindämmung der Gas- und Energiepreiskrise auf den Wirtschaftsstandort Deutschland waren Thema auf der Handelsblatttagung Gas 2023 in Berlin am 19. September.

Prof. Andreas Goldthau, Direktor der Willy-Brandt-School für Private Policy an der Universität Erfurt, resümierte, dass Deutschland und die EU gut durch die Energiekrise im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine gekommen sind. Die Länder hätten viele staatliche Maßnahmen ergriffen, die teilweise nicht ausgeschöpft werden mussten. Allerdings habe sich damit die Versorgungslage grundsätzlich gewandelt: „Der Hauptimportweg in Europa für Gas ist nun LNG“, sagte Goldthau.

Damit entstünden neue Abhängigkeiten und Risiken. Der Gaspreis habe sich bei etwa einem Drittel über dem Vorkriegsniveau eingepegelt. Das hätte Produktionseinschränkungen, beispielsweise von Ammoniak in Europa zur Folge. Eine Herausforderung auch im Zeichen des Klimaschutzes sei, nicht zu viel in Flüssigerdgas (LNG) zu investieren, um keine Investitionsruinen (stranded assets) zu erzeugen. Teure Energie könne zur Abwanderung der Industrie führen, warnte Goldthau. Andererseits sei es langfristig kaum möglich, gegen hohe Energiepreise anzusubventionieren.

Mehrwertsteuersenkung für Erdgas läuft Ende 2023 aus

Für das Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) nahm Philipp Steinberg, Abteilungsleiter Wirtschaftsstabilisierung und Energiesicherheit an der Tagung teil. Er sagte, dass die Energiepreisbremsen und die Mehrwertsteuersenkung für Gas zum Ende des Jahres auslaufen. Eine Verlängerung der Preisbremsen bis Frühjahr 2024 sei geplant, hänge aber von der Zustimmung der EU-Kommission aus. Für die Mehrwertsteuer hätten sich die beteiligten Ministerien geeinigt, sie zum Jahresende 2023 wieder auf die normale Höhe von 19 Prozent anzuheben.

Es werde alles getan, um einen Lock-in-Effekt auf Erdgas zu verhindern, weil die schwimmenden LNG-Terminals nur gemietet seien und alle festen Installationen auch für Wasserstoff ausgelegt würden, versicherte Steinberg. Die Nachfrage der Unternehmen für klimaneutrale Gase sei bereits gegeben und so würden Brunsbüttel, Wilhelmshaven und Stade auch für den Import von grünem Ammoniak (NH3) oder Methanol ausgelegt.

Momentan werde der Osten Deutschlands mit über den Westen versorgt. Da aber Pipelines ausfallen können, müsse für die Resilienz und Versorgungssicherheit ein LNG-Terminal auch an der östlichen Küste, also in Mukran gebaut werden, unterstrich Steinberg. Die Speicher seien „in einem guten Zusammenspiel von Markt und Staat“ gut gefüllt, müssten aber Nachschub bekommen, um sicher über den Winter zu kommen. Sie könnten künftig auch in einer Wasserstoffwirtschaft genutzt werden, versicherte er.

Finanzierung der Wasserstoffwirtschaft in Planung

Der erste Entwurf für ein Wasserstoffkernnetz von über 11.000 Kilometer stehe und sei für den Anfang „sehr, sehr auskömmlich“. Allerdings müsse die Finanzierung noch auf sichere Füße gestellt werden. Man orientiere sich am Modell der Amortisationsfinanzierung der Deutschen Energieagentur (Dena), aber die Aufteilung der Risiken zwischen Staat und Wirtschaft sei noch zu klären. Strittig sei noch, wie das Modell kapitalmarktfähig werde, wie von den Fernleitungsnetzbetreibern gefordert.

Auch müsse die Bundesregierung immer die Zustimmung der EU bekommen. „Der Teufel steckt im Detail der Ausgestaltung“, sagte Steinberg. Für Uniper und Sefe (vormals Gazprom) würden derzeit Exitpläne erarbeitet, um die Verstaatlichung wieder rückgängig zu machen, versicherte er.

Auch Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) sagte, kein Staat könne die Energiewende bezahlen: „Wir müssen das private Kapital an den Tisch bringen“. Dafür seien einige ordnungspolitische Rahmen nötig, aber die ersten Projekte zeigten, dass erneuerbare Gase für die Industrie möglich wären. „Zu wenig, zu teuer“ seien auch vor über zwanzig Jahren die Argumente gegen erneuerbare Stromerzeuger gewesen. Es gelte einen weltweiten Wasserstoffmarkt zu ermöglichen, dann könne es auch hier eine Durchsetzung vieler Technologien geben, zeigte sich Lösch zuversichtlich.

Dienstag, 19.09.2023, 12:42 Uhr
Susanne Harmsen
Energie & Management > Veranstaltung - Gastagung diskutiert Zukunft der Versorgung
Quelle: Handelsblatt
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Gastagung diskutiert Zukunft der Versorgung
Bei einer Tagung zum Thema Gas in Berlin standen die Umbrüche der Branche im Fokus, die durch den Wegfall russischer Erdgaslieferungen und den Klimaschutz notwendig werden.
Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine standen Deutschland und Europa vor enormen Herausforderungen, die Energieversorgung in kurzer Frist ohne Pipelineerdgas aus Russland zu realisieren. Dies führte vor allem 2022 zu einer Energiepreiskrise. Die Auswirkungen der europäischen und nationalen Maßnahmen zur Eindämmung der Gas- und Energiepreiskrise auf den Wirtschaftsstandort Deutschland waren Thema auf der Handelsblatttagung Gas 2023 in Berlin am 19. September.

Prof. Andreas Goldthau, Direktor der Willy-Brandt-School für Private Policy an der Universität Erfurt, resümierte, dass Deutschland und die EU gut durch die Energiekrise im Zuge des russischen Angriffs auf die Ukraine gekommen sind. Die Länder hätten viele staatliche Maßnahmen ergriffen, die teilweise nicht ausgeschöpft werden mussten. Allerdings habe sich damit die Versorgungslage grundsätzlich gewandelt: „Der Hauptimportweg in Europa für Gas ist nun LNG“, sagte Goldthau.

Damit entstünden neue Abhängigkeiten und Risiken. Der Gaspreis habe sich bei etwa einem Drittel über dem Vorkriegsniveau eingepegelt. Das hätte Produktionseinschränkungen, beispielsweise von Ammoniak in Europa zur Folge. Eine Herausforderung auch im Zeichen des Klimaschutzes sei, nicht zu viel in Flüssigerdgas (LNG) zu investieren, um keine Investitionsruinen (stranded assets) zu erzeugen. Teure Energie könne zur Abwanderung der Industrie führen, warnte Goldthau. Andererseits sei es langfristig kaum möglich, gegen hohe Energiepreise anzusubventionieren.

Mehrwertsteuersenkung für Erdgas läuft Ende 2023 aus

Für das Bundeswirtschaftsministerium (BMWK) nahm Philipp Steinberg, Abteilungsleiter Wirtschaftsstabilisierung und Energiesicherheit an der Tagung teil. Er sagte, dass die Energiepreisbremsen und die Mehrwertsteuersenkung für Gas zum Ende des Jahres auslaufen. Eine Verlängerung der Preisbremsen bis Frühjahr 2024 sei geplant, hänge aber von der Zustimmung der EU-Kommission aus. Für die Mehrwertsteuer hätten sich die beteiligten Ministerien geeinigt, sie zum Jahresende 2023 wieder auf die normale Höhe von 19 Prozent anzuheben.

Es werde alles getan, um einen Lock-in-Effekt auf Erdgas zu verhindern, weil die schwimmenden LNG-Terminals nur gemietet seien und alle festen Installationen auch für Wasserstoff ausgelegt würden, versicherte Steinberg. Die Nachfrage der Unternehmen für klimaneutrale Gase sei bereits gegeben und so würden Brunsbüttel, Wilhelmshaven und Stade auch für den Import von grünem Ammoniak (NH3) oder Methanol ausgelegt.

Momentan werde der Osten Deutschlands mit über den Westen versorgt. Da aber Pipelines ausfallen können, müsse für die Resilienz und Versorgungssicherheit ein LNG-Terminal auch an der östlichen Küste, also in Mukran gebaut werden, unterstrich Steinberg. Die Speicher seien „in einem guten Zusammenspiel von Markt und Staat“ gut gefüllt, müssten aber Nachschub bekommen, um sicher über den Winter zu kommen. Sie könnten künftig auch in einer Wasserstoffwirtschaft genutzt werden, versicherte er.

Finanzierung der Wasserstoffwirtschaft in Planung

Der erste Entwurf für ein Wasserstoffkernnetz von über 11.000 Kilometer stehe und sei für den Anfang „sehr, sehr auskömmlich“. Allerdings müsse die Finanzierung noch auf sichere Füße gestellt werden. Man orientiere sich am Modell der Amortisationsfinanzierung der Deutschen Energieagentur (Dena), aber die Aufteilung der Risiken zwischen Staat und Wirtschaft sei noch zu klären. Strittig sei noch, wie das Modell kapitalmarktfähig werde, wie von den Fernleitungsnetzbetreibern gefordert.

Auch müsse die Bundesregierung immer die Zustimmung der EU bekommen. „Der Teufel steckt im Detail der Ausgestaltung“, sagte Steinberg. Für Uniper und Sefe (vormals Gazprom) würden derzeit Exitpläne erarbeitet, um die Verstaatlichung wieder rückgängig zu machen, versicherte er.

Auch Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) sagte, kein Staat könne die Energiewende bezahlen: „Wir müssen das private Kapital an den Tisch bringen“. Dafür seien einige ordnungspolitische Rahmen nötig, aber die ersten Projekte zeigten, dass erneuerbare Gase für die Industrie möglich wären. „Zu wenig, zu teuer“ seien auch vor über zwanzig Jahren die Argumente gegen erneuerbare Stromerzeuger gewesen. Es gelte einen weltweiten Wasserstoffmarkt zu ermöglichen, dann könne es auch hier eine Durchsetzung vieler Technologien geben, zeigte sich Lösch zuversichtlich.

Dienstag, 19.09.2023, 12:42 Uhr
Susanne Harmsen

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