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Energie & Management > Strom - Bestandskunden stützen Neukunden-Geschäft mit 11 Milliarden Euro
Octopus-CEO Bastian Gierull (2. v. l), Menna Elsobki und Phillipp Daun von der RWTH Aachen bei der Vorstellung der Studie. Quelle: Manfred Fischer
Strom

Bestandskunden stützen Neukunden-Geschäft mit 11 Milliarden Euro

Bestandskunden zahlen nach einer Studie um 13 Cent/kWh höhere Arbeitspreise als Neukunden. Die Begründungen von Preisanpassungen passen oft nicht zu den tatsächlichen Änderungen.
„Loyalty Penalty Deutschland“ ist die erste interaktive Grafik einer neuen Studie des Lehrstuhls für Energiesystemökonomik der RWTH Aachen überschrieben. Zwei junge Wissenschaftler des Lehrstuhls, der Teil des Eon Energy Research Center ist, haben sich mehr als 2.000 Preisanpassungsschreiben von 70 Stromanbietern aus der Zeit von Januar 2022 bis Oktober 2025 angesehen. Und sie errechneten die Einsparpotenziale, die ein Anbieter- beziehungsweise Tarifwechsel im jeweils günstigsten Fall erschlossen hätte. Ergebnis: Weil sie nicht wechselten, zahlen loyale Haushaltskunden im Jahr 2025 eine „Treuestrafe“ in Höhe von 11 Milliarden Euro.

Die Summe errechnet sich aus 4 Milliarden Euro durch einen Wechsel innerhalb der Grundversorgung zum Neukundenpreis sowie jeweils rund 3,5 Milliarden Euro durch einen Wechsel von Grundversorgern außerhalb der Grundversorgung zum Neukundenpreis und durch einen Wechsel zu wettbewerblichen Lieferanten. Etwa drei Viertel aller Haushalte berappten der Studie zufolge im vergangenen Jahr diese Treuestrafe. Bestandskunden bezahlten im Durchschnitt rund 13 Cent/kWh höhere effektive Arbeitspreise als Neukunden. Das entsprach einem durchschnittlichen Preisaufschlag von etwa 47 Prozent, heißt es.

Die Spanne bei den Arbeitspreisen reichte demnach 2025 von durchschnittlich 44,9 Cent/kWh in der Grundversorgung bis zu 27,3 Cent/kWh, dem günstigen Neukundenpreis bei wettbewerblichen Lieferanten. Preisanpassungen bei Neuverträgen schlagen sich nach der Auswertung der Wissenschaftler in Anstiegen um 20 bis 23 Prozent nieder. „Kleinere Verbrauchsgruppen sind prozentual stärker davon betroffen“, betonte Menna Elsobki, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Energiesystemökonomik, bei der Vorstellung der Studie am 12. März.

Neukunden-Geschäft mit negativen Margen

Bei den Neukundenpreisen beobachten sie und ihr Kollege Philipp Daun für die Zeit von 2022 bis 2025 einen Rückgang um 18 Cent/kWh. Bestandskundenpreise sanken in der gleichen Zeit um 14 Cent/kWh. Gefragt haben sich die beiden, wie das Bild aussähe, „wenn wir die Preise um die Umsatzsteuer bereinigen“. Elsobki: „Wir haben festgestellt, dass die Neukundenpreise zumindest teils unter dem Beschaffungsindex und den hoheitlichen Preisbestandteilen liegen könnten.“ Das deute darauf hin, so die Doktorandin weiter, „dass man im Neukunden-Wettbewerb sogar negative Margen in Kauf nimmt, um größere Marktanteile zu gewinnen“. Dieses Phänomen sei „eher bei den größeren Stromanbietern“ zu beobachten, nicht bei Discountern.

Auf Ungereimtheiten stießen Elsobki und Daun in den Begründungen von Preisanpassungen. „Wir sehen, dass die Kommunikation der Gründe nicht immer mit den tatsächlichen Änderungen der Preiskomponenten übereinstimmt“, schilderte Daun, der ebenfalls an der RWTH gerade promoviert. Kleinere Preiskomponenten wie die Steuern oder KWKG-Umlagen würden weitestgehend korrekt kommuniziert. Preiseffekte aus Beschaffung und Vertrieb hingegen oft nicht. Dabei: In fast 90 Prozent aller Preisanpassungsschreiben sei Beschaffung als Grund genannt worden, dicht gefolgt von den Netzentgelten mit 69 Prozent. „Wir haben einen Markt mit Defiziten, insbesondere mit Informations- und Transparenzdefiziten“, sagte Daun. 

Preisdeckel gegen „Anlocken und Abzocken“

Noch deutlicher wurde Bastian Gierull, Chef von Octopus Energy, sein Unternehmen hatte die Studie in Auftrag gegeben. „Wir haben zunehmend ein Zwei-Klassenmodell im Strommarkt. Auf der einen Seite Neukundentarife, wo sich die Anbieter mit negativen Margen überbieten, um neue Kunden zu gewinnen. Und das finanzieren sie aus dem Großteil der Bestandskunden“, resümierte er. Der Markt in Deutschland funktioniere nicht, so Gierull, der sich über die Zahlen verwundert zeigte: „Dieses Ausmaß hat uns überrascht, und dann auch noch 11 Milliarden Euro – ich glaube, dass wir in Europa das größte Problem von Anlocken und Abzocken im Energiemarkt haben“, sagte er. 

Auch Gierull verwies auf mangelnde Transparenz als entscheidenden Knackpunkt. „Die Marktmacht der Anbieter, ihre Strompreise und ihre Rechnungen so zu gestalten, dass es der Durchschnittsmensch gar nicht versteht, wird extrem ausgenutzt“, monierte er.

Der CEO von Octopus Energy sieht die Politik in der Pflicht. Als probates Mittel empfiehlt er einen Preisdeckel. Aktuell hält einen Wert zwischen 40 und 45 Cent als Obergrenze für plausibel. Die Bundesnetzagentur sollte befähigt sein, Preistransparenz herzustellen und bei Werten über dem Preisdeckel einschreiten können. Wie extrem Treue bestraft wird, machte er an einem Beispiel aus Berlin deutlich. 75 Cent/kWh seien dort einer Rentnerin zuletzt berechnet worden.

Donnerstag, 12.03.2026, 15:59 Uhr
Manfred Fischer
Energie & Management > Strom - Bestandskunden stützen Neukunden-Geschäft mit 11 Milliarden Euro
Octopus-CEO Bastian Gierull (2. v. l), Menna Elsobki und Phillipp Daun von der RWTH Aachen bei der Vorstellung der Studie. Quelle: Manfred Fischer
Strom
Bestandskunden stützen Neukunden-Geschäft mit 11 Milliarden Euro
Bestandskunden zahlen nach einer Studie um 13 Cent/kWh höhere Arbeitspreise als Neukunden. Die Begründungen von Preisanpassungen passen oft nicht zu den tatsächlichen Änderungen.
„Loyalty Penalty Deutschland“ ist die erste interaktive Grafik einer neuen Studie des Lehrstuhls für Energiesystemökonomik der RWTH Aachen überschrieben. Zwei junge Wissenschaftler des Lehrstuhls, der Teil des Eon Energy Research Center ist, haben sich mehr als 2.000 Preisanpassungsschreiben von 70 Stromanbietern aus der Zeit von Januar 2022 bis Oktober 2025 angesehen. Und sie errechneten die Einsparpotenziale, die ein Anbieter- beziehungsweise Tarifwechsel im jeweils günstigsten Fall erschlossen hätte. Ergebnis: Weil sie nicht wechselten, zahlen loyale Haushaltskunden im Jahr 2025 eine „Treuestrafe“ in Höhe von 11 Milliarden Euro.

Die Summe errechnet sich aus 4 Milliarden Euro durch einen Wechsel innerhalb der Grundversorgung zum Neukundenpreis sowie jeweils rund 3,5 Milliarden Euro durch einen Wechsel von Grundversorgern außerhalb der Grundversorgung zum Neukundenpreis und durch einen Wechsel zu wettbewerblichen Lieferanten. Etwa drei Viertel aller Haushalte berappten der Studie zufolge im vergangenen Jahr diese Treuestrafe. Bestandskunden bezahlten im Durchschnitt rund 13 Cent/kWh höhere effektive Arbeitspreise als Neukunden. Das entsprach einem durchschnittlichen Preisaufschlag von etwa 47 Prozent, heißt es.

Die Spanne bei den Arbeitspreisen reichte demnach 2025 von durchschnittlich 44,9 Cent/kWh in der Grundversorgung bis zu 27,3 Cent/kWh, dem günstigen Neukundenpreis bei wettbewerblichen Lieferanten. Preisanpassungen bei Neuverträgen schlagen sich nach der Auswertung der Wissenschaftler in Anstiegen um 20 bis 23 Prozent nieder. „Kleinere Verbrauchsgruppen sind prozentual stärker davon betroffen“, betonte Menna Elsobki, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Energiesystemökonomik, bei der Vorstellung der Studie am 12. März.

Neukunden-Geschäft mit negativen Margen

Bei den Neukundenpreisen beobachten sie und ihr Kollege Philipp Daun für die Zeit von 2022 bis 2025 einen Rückgang um 18 Cent/kWh. Bestandskundenpreise sanken in der gleichen Zeit um 14 Cent/kWh. Gefragt haben sich die beiden, wie das Bild aussähe, „wenn wir die Preise um die Umsatzsteuer bereinigen“. Elsobki: „Wir haben festgestellt, dass die Neukundenpreise zumindest teils unter dem Beschaffungsindex und den hoheitlichen Preisbestandteilen liegen könnten.“ Das deute darauf hin, so die Doktorandin weiter, „dass man im Neukunden-Wettbewerb sogar negative Margen in Kauf nimmt, um größere Marktanteile zu gewinnen“. Dieses Phänomen sei „eher bei den größeren Stromanbietern“ zu beobachten, nicht bei Discountern.

Auf Ungereimtheiten stießen Elsobki und Daun in den Begründungen von Preisanpassungen. „Wir sehen, dass die Kommunikation der Gründe nicht immer mit den tatsächlichen Änderungen der Preiskomponenten übereinstimmt“, schilderte Daun, der ebenfalls an der RWTH gerade promoviert. Kleinere Preiskomponenten wie die Steuern oder KWKG-Umlagen würden weitestgehend korrekt kommuniziert. Preiseffekte aus Beschaffung und Vertrieb hingegen oft nicht. Dabei: In fast 90 Prozent aller Preisanpassungsschreiben sei Beschaffung als Grund genannt worden, dicht gefolgt von den Netzentgelten mit 69 Prozent. „Wir haben einen Markt mit Defiziten, insbesondere mit Informations- und Transparenzdefiziten“, sagte Daun. 

Preisdeckel gegen „Anlocken und Abzocken“

Noch deutlicher wurde Bastian Gierull, Chef von Octopus Energy, sein Unternehmen hatte die Studie in Auftrag gegeben. „Wir haben zunehmend ein Zwei-Klassenmodell im Strommarkt. Auf der einen Seite Neukundentarife, wo sich die Anbieter mit negativen Margen überbieten, um neue Kunden zu gewinnen. Und das finanzieren sie aus dem Großteil der Bestandskunden“, resümierte er. Der Markt in Deutschland funktioniere nicht, so Gierull, der sich über die Zahlen verwundert zeigte: „Dieses Ausmaß hat uns überrascht, und dann auch noch 11 Milliarden Euro – ich glaube, dass wir in Europa das größte Problem von Anlocken und Abzocken im Energiemarkt haben“, sagte er. 

Auch Gierull verwies auf mangelnde Transparenz als entscheidenden Knackpunkt. „Die Marktmacht der Anbieter, ihre Strompreise und ihre Rechnungen so zu gestalten, dass es der Durchschnittsmensch gar nicht versteht, wird extrem ausgenutzt“, monierte er.

Der CEO von Octopus Energy sieht die Politik in der Pflicht. Als probates Mittel empfiehlt er einen Preisdeckel. Aktuell hält einen Wert zwischen 40 und 45 Cent als Obergrenze für plausibel. Die Bundesnetzagentur sollte befähigt sein, Preistransparenz herzustellen und bei Werten über dem Preisdeckel einschreiten können. Wie extrem Treue bestraft wird, machte er an einem Beispiel aus Berlin deutlich. 75 Cent/kWh seien dort einer Rentnerin zuletzt berechnet worden.

Donnerstag, 12.03.2026, 15:59 Uhr
Manfred Fischer

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