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Enerige & Management > Interview - Zapreva: "Wir denken auch in Stress-Szenarien"
Bild: Fotolia.com, iQoncept
INTERVIEW:
Zapreva: "Wir denken auch in Stress-Szenarien"
Dr. Susanna Zapreva, aus Wien gekommene Vorstandsvorsitzende der Stadtwerke Hannover, über ihre ersten 100 Tage im neuen Unternehmen und das Programm enercity 4.0.
 
E&M: Frau Zapreva, sind die Deutschen bei der Energiewende auf dem richtigen Weg?
 
Zapreva: Deutschland hat grundsätzlich den richtigen Weg einschlagen, denn an den Zukunftsthemen wie erneuerbare Energien und nachhaltige Mobilität führt kein Weg vorbei. Die Frage ist jedoch, wie und mit welchen Maßnahmen der Weg in die neue Energiewelt beschritten wird.
 
E&M: Gibt es energiepolitische Unterschiede zu Österreich?
 
Zapreva: Durch den hohen Anteil an Wasserkraft hat es Österreich natürlich leichter. Von den knapp 80 Prozent Erneuerbaren-Anteil an der inländischen Energieerzeugung stammen 60 Prozent aus Wasserkraft, der Rest ist Windenergie und Photovoltaik. Doch auch die Förderpolitik für Erneuerbare ist eine andere: Es gibt einen maximalen Jahresbeitrag. Ist der ausgeschöpft, werden Anträge beziehungsweise Projekte ins nächste Jahresbudget übertragen. Doch in Österreich spielt sich die Energiewende wie in anderen Ländern auch überwiegend im kleinsten Segment ab, im Strombereich. Dabei entfallen im Gesamtenergieverbrauch 50 Prozent auf Wärme, 30 Prozent auf Verkehr und nur 20 Prozent auf Strom.
 „Die Förderpolitik für Erneuerbare ist eine andere“

E&M: Gibt es wesentliche Unterschiede zwischen Wien Energie und den Stadtwerken Hannover?
 
Zapreva: Die Rahmenbedingungen sind für beide Unternehmen im Wesentlichen die gleichen. Aber im Augenblick versuchen wir alle, uns neu zu erfinden. Denn wir haben es nicht nur mit einer Energiewende, sondern auch mit einer Digitalisierungs- und Finanzierungswende zu tun. Überraschend finde ich jedoch, wie stark hier die Übertragungsnetzbetreiber sind. In Wien konnte ich bei unseren Händlern in der Leitstelle quasi online mit 15 Minuten Verzug sehen, wie die Regelzone steht, welche Mengenabweichungen vorhanden sind und welche Preise sich einstellen. Das geht in Deutschland nicht. In unserem Fall verfügt nur TenneT über alle Informationen. Das führt zu einer Ineffizienz im System und höheren Redispatchkosten. Würde man diese Daten allen Marktteilnehmern zur Verfügung stellen, könnten sie flexibel reagieren – bevor redispatched wird. Das würde Kosten sparen.
 
Susanna Zapreva: „Digitalisierung nimmt keine Rücksicht auf Strukturen“
Bild: Stadtwerke Hannover

E&M: Handeln Sie jetzt nach dem Motto: Es gibt viel zu tun, packen wir es an?
 
Zapreva: Nach einer ersten Analyse haben wir einen Strategie- und Transformationsprozess angestoßen: das Programm enercity 4.0 – mit den Kernthemen Strategie, Struktur und Unternehmenskultur. Wir wollen Zukunftsthemen erarbeiten, wie zum Beispiel die digitale Strategie für das gesamte Unternehmen. Wenn dieser Baustein steht, werden wir uns mit der erfolgreichen Umsetzung, also mit der Struktur, befassen. Über dem Ganzen steht das Thema Unternehmenskultur. Wir müssen offen sein für das, was auf uns zukommt. Denn die Digitalisierung nimmt keine Rücksicht auf Strukturen: Grenzen verschwimmen und stellen Organisationen vor neue Herausforderungen. Das muss ein Unternehmen aushalten können. Wir wollen den Wandel von der kompletten Sicherheit und der Null-Fehler-Toleranz in eine flexible, schnelle Try-and-Error-Kultur vollziehen.
 
E&M: Wie wird dieser Prozess im Unternehmen implementiert?
 
Zapreva: Für den Strategieprozess sind 15 Mitarbeiter im Unternehmen aus unterschiedlichen Bereichen abgestellt. Wir mobilisieren Know-how, machen regelmäßige Workshops mit Vorstand und Führungskräften. Wir wollen Offenheit, Dialogfähigkeit und Transparenz. Im Spätherbst wird die Strategie vorliegen. Wir beschäftigen uns mit der Ist-Welt, denken in Varianten und Zukunftsbildern, aber auch in Stress-Szenarien, zum Beispiel, was unsere Rolle wäre, wenn jeder seine Energie selbst produzieren würde. Das schafft Handlungsdruck, eröffnet neue Perspektiven und daraus resultierende Geschäftsmodelle.

„Kernthemen sind Strategie, Struktur und Unternehmenskultur“
 
E&M: Sie haben spannende Bürgerbeteiligungsmodelle entwickelt? Was erwartet die Kunden der Stadtwerke?
 
Zapreva: Der Vertrieb ist das Interface zum Kunden. Und da werden wir sicherlich eine Schönheitskur vornehmen. Denn wir müssen unsere Kunden besser verstehen. Wir müssen in der Lage sein, das anzubieten, was Mehrwert schafft. Die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen wird genauso im Fokus stehen, wie die Erlebniswelten für unsere Kunden, die wir schaffen wollen. Hinsichtlich der Bürgerkraftwerke befasst sich gerade die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht mit unseren Ideen.
 
E&M: Ihre Vision von den Stadtwerken Hannover für das Jahr 2030?
 
Zapreva: Für unsere Kunden die iEnergy bieten. Wir wollen in der Region Hannover die erste Adresse in allen Fragen rund um das Thema Energie sein – unschlagbar in der Kundenbetreuung.
 

Sybille Nobel-Sagolla
© 2020 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 14.07.2016, 15:30 Uhr

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