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Bild: TÜV Süd
ELEKTROFAHRZEUGE:
Stochern in der E-Tankstellen-Statistik
Zurzeit gibt es eine Diskussion um die genaue Anzahl der Ladepunkte für E-Autos. Verbände und Behörden rechnen anders als die Praktiker. Warum?
 
Die Bundesnetzagentur hat Mitte April eine Karte mit 3 335 Ladepunkten für E-Autos veröffentlicht. Der niedersächsischen Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) kritisierte die Karte. Sie spiegele nicht einmal im „Ansatz die Wirklichkeit wider“, weil es viel mehr E-Tankstellen gebe, zitierte die Deutsche Presseagentur den Politiker. Der Energieverband BDEW teilte im März in einer Statistik mit, dass es Ende 2016 immerhin 7 407 Ladepunkte öffentlich zugänglich waren. E-Auto-Nutzer halten auch diese Zahl für zu niedrig. Es kommt bei der Betrachtung darauf an, was als Ladepunkt gilt.
 
Die Grünen wollten es ganz genau wissen: Ende Januar übermittelten sie der Bundesregierung eine Kleine Anfrage mit 41 Fragen zum „Aufbau einer flächendeckenden Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge“. Vier Wochen später kamen die Antworten. Doch die Experten im Verkehrsministerium mussten häufig passen – vor allem bei detaillierten Fragen zum Status quo der Ladeinfrastruktur. „Der Bundesregierung liegen dazu keine Informationen vor“, ist wiederholt in der Antwort zu lesen. Und bei der Frage nach der Anzahl der öffentlich zugänglichen Ladepunkte greift die Bundesregierung, weil sie selbst keine eigenen Erhebungen zum aktuellen Status durchführe, auf den BDEW zurück. Dieser befragt regelmäßig seine Mitgliedsunternehmen sowie die Mitglieder der Nationalen Plattform Elektromobilität wie BMW, Daimler oder Siemens.

Die BDEW-Zahlen werden nicht nur von der Bundesregierung, sondern auch in den Medien gerne genutzt. Demnach gab es Ende 2016 in Deutschland 7 407 öffentlich zugängliche Ladepunkte an 3 206 Ladestationen. Auf eine ganz andere Zahl kommt das Internetportal „goingelectric.de“, es ist das wichtigste Praktiker-Portal von und für Elektromobilisten. Goingelectric.de kommt bundesweit aktuell auf 24 058 Ladepunkte an 8 126 öffentlich zugänglichen Ladestationen. Das sind fast um den Faktor 3 mehr Lademöglichkeiten als der BDEW meldet. Wie erklärt sich der Unterschied?

Während der BDEW seine Zahlen halbjährlich zum 30. Juni und 31. Dezember ermittelt, erhält Goingelectric.de laufend Daten von verschiedenen regionalen Betreibern sowie von den Elektroautofahrern selbst. Jeder angemeldete Nutzer kann neue Ladesäulen einstellen, mit Adresse, Fotos und Ladeerfahrungen. Nach einem Gegencheck durch den Portalbetreiber werden die Daten freigegeben. Alle Angaben werden von der Stromer-Community laufend verifiziert. Bei monatlich 186 000 Besuchern des Portals wirkt hier quasi Schwarmintelligenz.

Der Bundesverband E-Mobilität hat auch keine fundierte Zahlen

Die Stromtankstellen-Statistik von Goingelectric.de liefert zudem Zahlen zu
Ladesystemen, Ladesteckern und Ladeleistungen. Wer mit dem Elektroauto den heimischen Reichweitenradius verlässt, für den sind unabhängige Portale wie Goingelectric.de, Lemnet.org oder E-Stations.de unverzichtbar, weil sie vollständiger sind als Hersteller-Portale etwa von Renault, BMW oder VW. Kein anderes Portal schlüsselt die Ladepunkte so detailliert nach Ladeleistungen, Ladesystemen (AC oder DC) und Steckern (Typ 2, CCS, Chademo, Schuko) auf wie Goingelectric.de. Das sind für die Praxis enorm wichtige Informationen.

Das ist auch dem BDEW bekannt, der von seiner Ladesäulenstatistikseite auf die unabhängigen Anbieter verlinkt. Beim BDEW erklärt man die geringere Zahl von Ladesäulen mit dem Kriterium „öffentlich und rund um die Uhr zugänglich“. Das sei bei Hotelgaragen, Supermärkten (Aldi Süd), Möbelhäusern (Ikea), Fast-Food-Ketten (McDonald‘s) und anderen privaten Betreibern eben nicht gegeben. Doch auch Ladesäulen von Stadtwerken oder Kommunen erfüllen – etwa wenn sie in Parkhäusern liegen – nicht das 24/7-Kriterium, wie Praktiker berichten.

Aktuell hat Goingelectric.de für Deutschland 5 850 Einträge mit 18 053 Ladepunkten, die jederzeit, also 24/7, zugänglich sind. „Da wir nebeneinander stehende Säulen zusammenfassen, können es sogar mehrere Säulen pro Eintrag sein“, sagt Guy Weemaes von Goingelectric.de, der das Portal seit Ende 2011 betreibt. Dass in seinem Verzeichnis darüber hinaus auch halb-öffentliche Ladepunkte von Hotels, Restaurants und Geschäften enthalten sind, die unter Umständen nur Kunden nutzen können, gibt er gerne zu. Das würde die Differenz zu den BDEW-Zahlen aber nicht erklären. „Ladesäulen-Leichen haben wir wenige in unserem Verzeichnis, dafür sorgen schon unsere Nutzer. In der Realität gibt es eher mehr Ladestationen, weil uns manche noch nicht gemeldet wurden, obwohl sie existieren.“

Was die konkrete Zahl von Ladepunkten angeht, ist man beim Bundesverband E-Mobilität (BEM) vorsichtig. Leider würden sie bis dato noch nirgendwo zu 100 % zentral erfasst, bedauert BEM-Sprecherin Juliane Ahrens. „Wir beobachten die Angaben des BDEW natürlich, begrüßen die grafische Darstellung zu den Erhebungen sehr und verschaffen uns im Vergleich zu anderen Plattformen wie Goingelectric.de unseren Überblick.“ Am Ende gilt für Elektromobilisten die abgewandelte Fußballerweisheit: Die Wahrheit liegt aufm (Park-)Platz.
 

Reinhard Siekemeier
© 2017 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 20.04.2017, 16:56 Uhr

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