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Enerige & Management > Interview - Schulz: "Die Zinsen ziehen wieder an"
Bild: Fotolia.com, iQoncept
INTERVIEW:
Schulz: "Die Zinsen ziehen wieder an"
Mit Christian Schulz von der ING-Gruppe sprach E&M darüber, ob und wie sich die Finanzierung von Windparkprojekten im Ausschreibungsregime geändert hat.


 
 
E&M: Herr Schulz, hinter uns liegen die ersten vier Ausschreibungen für die Windkraft an Land und eine Bieterrunde für die Offshore-Windenergie. Inwieweit haben diese Auktionen Ihr Finanzierungsgeschäft für Windprojekte verändert, wenn überhaupt?

Schulz: Konzeptionell hat sich durch die Ausschreibungen nichts an der Finanzierungsform geändert. Es gibt wie bei der festen Einspeisevergütung einen Tarif, der für 20 Jahre gilt – mit Anpassungsfaktoren, die sich gut modellieren lassen. Allerdings haben insbesondere die drei Ausschreibungsrunden im vergangenen Jahr die Windbranche durchaus durcheinandergerüttelt, was auch mich überrascht hat.

E&M: Was meinen Sie damit?

Schulz: Die Dominanz der Bürgergesellschaften, die weit über 90 Prozent aller Zuschläge gewinnen konnten, hatte niemand erwartet. Diese Gesellschaften haben mit anderen Strategien und mit anderen Preisen geboten, weil ihnen das Erneuerbare-Energien-Gesetz gewisse Privilegien eingeräumt hatte. Das scheint sich zu ändern, wie einige politische Initiativen erwarten lassen. Deshalb gehe ich von nachhaltigen – also aussagekräftigen − Preisen bei den Ausschreibungen erst nach Abschluss der nächsten EEG-Reform aus.
 
Christian Schulz: „Konzeptionell hat sich durch die Ausschreibungen nichts an der Finanzierungsform geändert“
Bild: ING Wholesale Banking

E&M: Eindeutige Verlierer bei den ersten drei Ausschreibungsrunden waren bekannte Projektentwickler, die zu Ihren Kunden zählen. Das muss Sie geschmerzt haben.

Schulz: Das stimmt. In der Tat konnten die klassischen Projektentwickler im vergangenen Jahr nur wenige Ausschreibungen gewinnen, was sich bei der ersten Bieterrunde in diesem Jahr wieder geändert hat. Die Entwicklung im vergangenen Jahr hat aber dazu geführt, dass wir prozentual mehr in anderen Märkten wie beispielsweise Frankreich engagiert sind.

E&M: Wird sich diese Entwicklung fortsetzen?

Schulz: Unsere Kunden unter den Projektentwicklern haben derzeit ein niedrigeres Deutschland-Geschäft, weshalb sie sich verstärkt in Auslandsmärkten engagieren. Wir folgen ihnen dabei, weshalb unsere Auslandsaktivitäten zunehmen. Ob sich das langfristig auf diesem Niveau einpendelt, lässt sich aktuell noch nicht sagen.

E&M: Noch mal zurück zu den Bürgerenergiegesellschaften: Sie hatten erwartet, dass Sie als Bankhaus von den Projektentwicklern für deren Gebote bei den Ausschreibungen eher bei der Finanzierung eingebunden werden würden. Dazu dürfte es im vergangenen Jahr nicht gekommen sein, oder?

Schulz: Richtig. Dennoch gehe ich davon aus, dass es zu dieser Entwicklung kommen wird. Denn die Kapital- und Finanzierungskosten sind einer der größten Posten, um einen Windpark zu stemmen. Sicherlich haben auch die niedrigen Zinsen, die wir auch im vergangenen Jahr gesehen haben, mit dazu beigetragen, dass Kapitalkosten nicht das drängendste Thema waren. Das scheint sich aber zu ändern.

E&M: Warum?

Schulz: Die Zinsen ziehen wieder an. 2018 wird sicherlich ein Übergangsjahr werden; für das kommende Jahr erwarten wir eine Normalisierung in der Geldmarktpolitik und damit eine Rückkehr von höheren Zinsen. Dann sollten potenzielle Investoren, wenn sie an einer Auktion teilnehmen wollen, möglichst frühzeitig viele Kostenblöcke festgezurrt haben. Dazu gehören nicht nur die Preise für die Windenergieanlagen, sondern auch für die Finanzierung.

„So viele Giga-Rechenzentren gibt es nicht“

E&M: In der Windbranche wird zunehmend über Corporate Power Purchase Agreements (PPA; d. Red.) als Vermarktungsoption für Windstrom gesprochen. Inwieweit kann ING Wholesale Banking mit PPA-Verträgen für die Projektfinanzierung von Windparks leben?

Schulz: Wir sehen wohl erste langfristige PPA vor allem in Skandinavien, Großbritannien und in Spanien. Nach meiner Beobachtung ist allerdings das Angebot an solchen sehr langfristigen PPA noch nicht hoch. Ansonsten würden diese Zeiträume auch an der EEX gehandelt werden. An der Börse decken sich nach wie vor die größeren industriellen Abnehmer langfristig mit Strom ein. Es gibt aber durchaus Abnehmer wie beispielsweise Betreiber von Rechenzentren, die Interesse an einer langfristig preislich stabilen Stromversorgung haben. Diese Nachfrager dürften aber eher die Ausnahme sein. So viele Giga-Rechenzentren gibt es nicht. Und deren Betreiber schließen PPA-Verträge auch nicht jedes Jahr ab, das sollte bei den sicherlich schlagzeilenträchtigen Meldungen für solche PPA bedacht werden.

E&M: ING Diba hat mittlerweile vier Offshore-Windparks in Deutschland mitfinanziert, darunter zuletzt die zweite Ausbaustufe von Borkum West. Ist die Offshore-Windenergie für Ihr Haus zum normalen Geschäftsfeld geworden?

Schulz: Das kann man so sagen. Wir schauen uns weiterhin sowohl deutsche als auch europäische Projekte an und wollen immer nur bis zu einer gewissen Größenordnung einsteigen. Wenn das möglich ist und wir die Kapazitäten haben, schauen wir uns diese Projekte genauer an. Für den deutschen Markt muss aber gesagt werden, dass alle bis 2020 absehbaren Offshore-Windparks mittlerweile weitgehend ihre Finanzierung abgeschlossen haben.

E&M: Was bedeuten die erfolgreichen Null-Cent-Gebote, die es bei der ersten Ausschreibung für die Offshore-Windenergie hierzulande im vergangenen Jahr gegeben hat, für Ihr Geschäft?

Schulz: Da in der Projektfinanzierung langfristig vertraglich beziehungsweise regulatorisch gesicherte Zahlungsströme finanziert werden, müssten solche Projekte vor der Finanzierung in entsprechend langfristige Preissicherungsverträge oder in die bereits erwähnten PPA eintreten. Insofern sehe ich keine großen Unterschiede zu den bisherigen Modellen für eine Projektfinanzierung. Wenn dies nicht möglich ist, bleibt als Alternative eine klassische Unternehmensfinanzierung. Dafür sind allerdings ganz andere Eigenkapitalquoten von Investorenseite notwendig. Für welchen Weg sich die Betreiber künftiger Offshore-Windparks entscheiden, die bewusst auf eine staatliche Förderung verzichten, wissen wir noch nicht.

E&M: Ist für ING Wholesale Banking die Finanzierung von Solarprojekte in Deutschland interessant?

Schulz: Wir sind durchaus an der Photovoltaik interessiert, was die Finanzierung mehrerer Projekte im Ausland zeigt. Mit der Begrenzung auf zehn Megawatt als Maximalgröße für die Förderung ist das Solargeschäft in Deutschland sehr kleinteilig geworden, weshalb oft Regionalbanken bei der Finanzierung einspringen. Wenn der regulatorische Rahmen künftig stimmt, werden wir in Deutschland sicherlich mehr im Solarsektor machen.

E&M: Im vergangenen Jahr hat sich eine Sparkasse in Rheinland-Pfalz zur Stärkung ihres Eigenkapitals an einem Windpark beteiligt. Was halten Sie davon?
Schulz: Unsere Stärken liegen in der Projektfinanzierung von Windparks. Dabei wird es auch in der Zukunft bleiben.

Zur Person
Christian Schulz, Jahrgang 1976, leitet seit dem 1. April 2015 die Abteilung Utilities, Power & Renewables bei ING Wholesale Banking, bei der das Unternehmenskundengeschäft der ING Diba gebündelt ist. Zuvor war Schulz, der seine Berufslaufbahn im Jahr 2000 bei der Commerzbank gestartet hat, bei verschiedenen Unternehmen für die Finanzierung von Energieprojekten zuständig.
 

Ralf Köpke
© 2019 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 22.03.2018, 10:21 Uhr

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