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Revolution oder Rohrkrepierer
Welches Potenzial hat Blockchain, das heutige Energiesystem zu verändern? Interessanterweise wollen auch die großen Energiekonzerne die neue Technologie nutzen.
 
Es hat alles vor zwei Jahren in einer umgebauten Garage in Amsterdam begonnen. Zusammen mit seinen Kollegen Lars Falch und Rico Ligtvoet hat Michiel Ooms die Idee verfolgt, das Internet und die erneuerbaren Energien miteinander zu koppeln: „Uns schwebte eine Plattform vor, mit der beispielsweise Besitzer von Solaranlagen ihren selbsterzeugten Ökostrom an die Nachbarschaft verkaufen können.“

Powerpeers heißt diese Plattform mittlerweile; sie ist seit Ende Juni online. Das Start-up versteht sich nicht als klassischer Energieversorger, sondern als IT-Plattform. „Wir verkaufen keine Kilowattstunden, sondern bringen Ökostrom-Produzenten und Kunden zusammen“, erklärt Ooms. Powerpeers-Nutzer zahlten deshalb eine Nutzungsgebühr.

Für alle Prozesse nutzen Ooms und seine Kollegen, die als Ausgründung von Vattenfall finanziell vom schwedischen Staatskonzern unterstützt werden, noch eine Cloud-basierte Plattform. „Der nächste Schritt wäre sicherlich, die Blockchain-Technologie zu nutzen“, sagt der Niederländer.

Blockchain – diese Vokabel entwickelt sich gerade zum neuen Schlagwort in der Energiewirtschaft. Technisch gesehen ist die Blockchain, die Block-Kette, ein digitales Protokoll, um Geschäfte sicher online abwickeln zu können. Dabei erfolgt eine chronologische, kettenartige Verknüpfung der Datenblöcke. Dass all die Transaktionen nicht über einen zentralen Rechner laufen, soll die Datensicherheit erhöhen und vor Manipulationen schützen.

Der eigentliche Clou aber: Die Geschäftspartner brauchen dafür keine traditionelle Zwischeninstanz – weder eine Bank noch eine Börse. Und, so die Conclusio, auch keinen Energieversorger. Was irgendwie nach Anarchie auf dem Strommarkt klingt. Angesichts der ohnehin sinkenden Erlöse vieler Energieversorger und des massiven Strukturwandels, der im Gange ist, fabulierte der österreichische Standard jüngst schön prosaisch: „Neue Technologie versetzt E-Wirtschaft den Stromstoß“. Was wie Todesstoß klingt.

Der "Missing Link" zur Energiewende

Auf alle Fälle hat Blockchain nach Einschätzung von Kirsten Hasberg das Potenzial, die Energiewelt zu revolutionieren. „Die Blockchain-Technologie passt in die Zeit: Die Energiewirtschaft ist geprägt durch eine zunehmend dezentrale Erzeugung und durch die Digitalisierung. Beide Entwicklungen können durch Blockchain verbunden werden“, betont die Energieexpertin vom Netzwerk BlockchainHub Berlin.

Die gebürtige Dänin spricht vom „missing link“, der bislang die Energiewende und die zunehmende Zahl von Prosumern technologisch eben nicht zusammenbringt. Bundesweit gibt es allein rund anderthalb Millionen Photovoltaikanlagen, das Gros in privater Hand. Mit dem Solarstrom vom eigenen Dach Nachbarn und Freunde zu beliefern, den Wunsch hegten viele Prosumer. „Kein anderes Land in Europa verfügt bereits über solch dezentrale Strukturen bei der Energieerzeugung wie Deutschland , deshalb ist es prädestiniert für die Blockchain-Technologie“, so Hasberg.

Angetan von den Möglichkeiten, die Blockchain bietet, ist auch Udo Sieverding. Die Technologie könne dafür sorgen, dass auch Stromkunden bei der Energiewende auf der Gewinnerseite stehen, so der Energieexperte der Verbraucherzentrale NRW.: „Blockchain kann für private Haushalte zu enormen Kosteneinsparungen und zu einer neuen Souveränität führen. Möglich ist eine Emanzipation von den Energieversorgern, deren finanzieller Effekt mit dem der Einführung des Online-Handels vergleichbar sein dürfte.“

Mit Blockchain verbindet Sieverding die Option zu mehr als reinen Peer-to-Peer-Kontrakten für Ökostrom. Der klassische Strom-, Gas- und Fernwärmevertrieb, die Elektromobiliät, Transaktionen rund um Netze und Messdienstleistungen sowie Ablese- und Abrechnungsverfahren können nach seiner Einschätzung künftig teilweise oder vollständig über eine Blockchain abgebildet werden.

Um die Chancen für die Energieverbraucher und die Herausforderungen für Wirtschaft und Politik dank Blockchain ausloten zu lassen, hatte der Verbraucherschützer jüngst die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) mit einer Expertise (verbraucherzentrale.nrw/blockchain) beauftragt.

"Die Technologie steht in der Energiewirtschaft noch am Anfang"

PwC-Projektleiter Axel von Perfall dürfte somit den besten Überblick darüber haben, was sich derzeit in Sachen Blockchain in der nationalen und internationalen Energiewirtschaft tut. „Die Technologie steht in der Energiewirtschaft noch am Anfang, hat aber das technologische und konzeptionelle Potenzial, zu einer ernstzunehmenden Größe zu werden.“ Blockchain könne jedenfalls den Trend zu mehr Dezentralität „anfeuern“, meint der PwC-Mann. Derzeit nicht vorhersehbar sei, in welchem Zeitraum das geschehen könne. Eine „Massenbewegung“ werde Blockchain aber nicht auslösen, so von Perfall: „Es wird regionale und bestimmte Kundensegmente geben.“

In nächster Zeit müsse Blockchain in der Energiewirtschaft „erwachsen werden.“ Zu diesem technologischen Reifeprozess zählt für von Perfall ein Mehr an Daten- und Manipulationssicherheit. Ein heißes Eisen. Die Bankenwelt, die nach dem Finanzkrisenjahr 2008 begann, mit der Kryptowährung Bitcoin die Blockchain-Technologie zu nutzen, durchliefen Anfang August Schockwellen: Betrüger konnten rund 58 Mio. Euro an der Digital-Börse Bitfinex abzweigen, der bislang zweitgrößte Bitcoin-Diebstahl in der Geschichte der Tauschbörsen.

Regulatorischer Rahmen noch völlig unzureichend

Anders als zuletzt bei den erneuerbaren Energien oder bei einer stärkeren Kundenorientierung, zeigen sich große Energiekonzerne wie RWE oder Vattenfall bei Blockchain wesentlich ausgeschlafener. Was die Energie-Professorin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) nicht verwundert: „Dass auch die Energiekonzerne die Blockchain-Technologie nutzen, ist für mich unausweichlich. Blockchain wird ihnen helfen, neue Geschäftsmodelle zu schaffen.“

Noch sind Unternehmen wie beispielsweise Vattenfall nach eigenem Bekunden in der Trial-&-Error-Phase. „Wir sehen derzeit noch keine kommerziellen Projekte, halten aber Blockchain für eine Technologie, die viele Bereiche von uns betreffen und verändern kann“, sagt Claus Wattendrup, Geschäftsführer der Vattenfall Europe Innovation GmbH. Blockchain sei ein Trend, „den Vattenfall nicht verschlafen will“. Mit powerpeers in den Niederlanden habe das Unternehmen eine Art Testballon steigen lassen: „Auch wenn wir dort noch keine Blockchain, sondern klassische Abrechnungssysteme nutzen, wollen wir auf die zunehmende dezentralere Einspeisung und die damit verbundenen Kundenwünsche reagieren.“ Hierzulande wird Vattenfall in Kürze mit einem Startup-Unternehmen ein erstes Blockchain-Projekt beginnen, lässt Wattendrup durchblicken.

Seit einigen Monaten ist der erste Partner des RWE-Konzerns in Sachen Blockchain bekannt: Slock.it aus dem sächsischen Mittweida. Wohl Ende des Jahres wollen beide Partner in Berlin in einem Pilotvorhaben ein neues Bezahlmodell für Elektroauto-Strom testen. „Über unsere Blockchain-App lässt sich für jeden Ladevorgang der günstigste Anbieter auswählen und der Bezahlvorgang managen“, kündigt Slock.it-Gründer Christoph Jentzsch an. Das sei „nur der Anfang“.

Bevor die schöne neue Energiewelt via Blockchain so richtig Wirklichkeit wird, sind noch eine Menge Hürden aus dem Weg zu räumen: „Es müssen die regulatorischen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Da sehe ich den Gesetzgeber gefordert“, sagt DIW-Expertin Kemfert. Nicht nur sie, sondern auch Verbraucherschützer Sieverding: „Je mehr Start-ups und Energieversorger auf Blockchain zugreifen, desto größer wird der Druck für den Gesetzgeber, zu handeln.“ Bei dem Tempo, mit dem Blockchain derzeit anfängt, die Energiewelt durcheinanderzuwirbeln, dürfte das nicht allzu lange dauern.
 

Ralf Köpke
© 2017 Energie & Management GmbH
Montag, 22.08.2016, 11:06 Uhr

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