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Bild: Fotolia.com, alphaspirit
STUDIEN:
Ökonomische Wirkungen eines deutschen Kohleausstiegs bis 2045
Ein Kohleausstieg Deutschlands bis 2045 führt nur bei gleichzeitiger Zertifikate-Verknappung zur CO2-Minderung in der EU. Die Kosten lägen bei rund 71,6 Mrd. Euro.
 
Das Kölner Institut ewi Energy Research & Scenarios (ewi ER&S) hat auf Grundlage des von Agora Energiewende und der Unternehmensberatung enervis entwickelten Konzeptes die ökonomischen Effekte eines deutschen Kohleausstiegs auf den Strommarkt in Deutschland und in der EU untersucht. Dabei ging es vor allem um das Zusammenspiel einer vorzeitigen Stilllegung deutscher Braun- und Steinkohlekraftwerke und der Stilllegung von CO2-Zertifikaten im europäischen Emissionshandelssystem (ETS).

„Ein deutscher Kohleausstieg vermeidet in Europa zwischen 2020 und 2045 rund 634 Millionen Tonnen CO2 und kostet im gleichen Zeitraum rund 71,6 Milliarden Euro. Dabei hängt die CO2-Reduzierung allein von der Stilllegung entsprechender Zertifikate im europäischen Emissionshandelssystem ab“, resümiert Studienleiter und ewi ER&S-Geschäftsführer Harald Hecking wichtige Ergebnisse.

Als durchschnittliche CO2-Vermeidungskosten der Doppelmaßnahme über den Zeitraum von 2020 bis 2045 errechnete das Institut etwa 113 Euro/t CO2. Diese setzen sich aus den Mehrkosten des Kohleausstiegs von durchschnittlich 78 Euro/t CO2 und den Zusatzkosten aus der Zertifikatsstilllegung von durchschnittlich 35 Euro/t CO2 zusammen.

Politische Durchsetzung ist Knackpunkt

Rein national betrachtet würde die Stilllegung von Kohlekraftwerken laut der Studie insbesondere in den Jahren ab 2035 den CO2-Ausstoß im deutschen Stromsektor (inklusive KWK) – um 39 bis 62 Mio. t CO2 jährlich mindern. Der Stromsektor würde damit einen „mindestens proportionalen Beitrag“ zu den sektorübergreifenden nationalen Klimazielen der Bundesregierung leisten.

Allerdings bewirkte dies in der europäischen Bilanz und global keine CO2-Vermeidung, da das in Deutschland vermiedene CO2 aufgrund von Kompensationseffekten im EU-ETS andernorts emittiert würde. Nur durch die Kombination mit einer Stilllegung von CO2-Zertifikaten im EU-ETS würde der gesamte europäische CO2-Ausstoß im Zeitraum 2020 bis 2045 effektiv (unter Einrechnung von Ausgleichseffekten) um insgesamt 634 Mio. t CO2 gesenkt.

„Die Minderung des gesamteuropäischen CO2-Ausstoßes steht und fällt somit mit der Frage, ob die deutsche Politik die Zertifikatsstilllegung auf europäischer Ebene politisch durchsetzen kann“, unterstreichen die Autoren der Studie. Zudem setze die Maßnahme voraus, dass bereits vorab bekannt ist, welche Menge an CO2-Zertifikaten stillzulegen ist, um den CO2-Preis unverändert zu lassen. In der Realität gebe es dabei jedoch viele Unsicherheiten, unter anderem hinsichtlich der Brennstoffpreisentwicklung.

Kompensation durch Gaskraftwerke

Bei der Stilllegung von Kohlekapazitäten gäbe es im deutschen Kraftwerkspark einen klaren Profiteur: die Gaskraftwerke. Zunächst fiele der Rückbau geringer aus, längerfristig gäbe es zusätzlichen Neubau im Vergleich zum Referenzszenario. Denn nach 2020 werden die stillgelegten Braun- und Steinkohlekapazitäten sukzessive durch Gaskraftwerke ersetzt, „wobei die deutlichsten Differenzen ab 2035 offenkundig werden“, heißt es weiter. Im Jahr 2040 wäre demnach die installierte Braunkohle-Leistung um etwa 10 GW geringer, die Steinkohle-Leistung um 6 GW niedriger als im Referenzszenario. Hingegen gäbe es zusätzliche 16 GW an Gaskraftwerken, worin auch substanzielle KWK-Kapazitäten zur Gewährleistung des Wärmebedarfs enthalten sind.

Die Bruttostromerzeugung aus Braunkohle- und Steinkohlekraftwerken in Deutschland läge 2040 um etwa 63 TWh respektive 32 TWh niedriger als im Referenzfall. Kompensiert würden diese fehlenden Erzeugungsmengen in Deutschland bei gleichbleibenden Eneuerbaren-Ausbaupfaden (entsprechend der Annahmen von Agora/enervis) durch mehr Gasverstromung, abnehmende Stromexporte und zunehmende Stromimporte. Konkret erhöht sich nach den Berechnungen die Bruttostromerzeugung aus Gaskraftwerken 2040 um 64 TWh. Die Stromexporte gehen um 17 TWh zurück, die Stromimporte nehmen um 10 TWh gegenüber dem Referenzfall zu. In Folge des deutschen Kohleausstiegs wächst die europäische Erdgasnachfrage um 18 Mrd. m3 (das entspricht etwa einem Viertel des heutigen deutschen Jahresbedarfs).

Sowohl im Referenz- als auch im Kohleausstiegsszenario zeigt sich längerfristig ein Anstieg des durchschnittlichen Großhandels-Strompreisniveaus gegenüber heute. Gründe sind eine veränderte Erzeugungsstruktur sowie steigende CO2-Preise. Der Kohleausstieg in Deutschland führt zu einem zusätzlichen Anstieg der Großhandelspreise: Dieser Anstieg beläuft sich im Jahr 2040 auf 1,8 Euro/MWh.

Doch auch in einigen Nachbarländern würde es durch den deutschen Kohleausstieg höhere Strompreise geben: In Österreich etwa läge der Anstieg mit 2 Euro/MWh sogar noch höher als in Deutschland, für die Schweiz wurde in den Simulationen ein Anstieg von 1,1 Euro/MWh errechnet, für die Niederlande 0,5 Euro/MWh. „Als wesentlicher Treiber hierfür ist anzusehen, dass infolge des deutschen Kohleausstiegs sowohl in Deutschland als auch im EU-Ausland Kraftwerke mit höheren Grenzkosten preissetzend sind“, heißt es dazu. Für Frankreich und Polen hingegen werden keine höheren Preise erwartet.

Belastung für Kraftwerksbetreiber

Im Zeitraum von 2020 bis 2045 werden deutsche Kraftwerksbetreiber durch die Maßnahme mit 15,6 Mrd. Euro belastet. Aufgrund der geringeren Erlöse aus dem Stromgroßhandel sowie im Wärmemarkt hätten Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke laut den Angaben einen wirtschaftlichen Nachteil von 23,1 Mrd. Euro. Hingegen könnten die Betreiber von Gaskraftwerken Mehreinnahmen von 2,4 Mrd. Euro verzeichnen, Betreiber von erneuerbaren Energien von 5,1 Mrd. Euro.

Davon hätten auch die Endkunden etwas, denn die EEG-Umlage verringerte sich dadurch. Dennoch „finanzieren die Endkunden in Deutschland den Kohleausstieg insgesamt mit 36,9 Milliarden Euro“, vor allem wegen höherer Großhandelsstrompreise. Aber auch durch höhere Kosten für den Wärmebezug aus wegen des Kohleausstiegs neu zu errichtenden KWK-Anlagen, die mit Erdgas statt Kohle betrieben werden. „Die Mehrkosten eines deutschen Kohleausstiegs werden damit überwiegend von deutschen Endkunden und Produzenten getragen“, so die Studienautoren.

Trotzdem führe ein deutscher Kohleausstieg auch im europäischen Ausland zu Verteilungseffekten: Aufgrund der Auswirkungen auf Strompreise und Erzeugungsmengen würden ausländische Stromkunden mit 3,4 Mrd. Euro mehr belastet. Ausländische Kraftwerke hingegen profitierten durch mehr Stromexporte mit etwa 6,5 Mrd. Euro.

Die Studie von ewi ER&S ist abrufbar unter:
www.ewi.research-scenarios.de/cms/wp-content/uploads/2016/05/ewi_ers_oekonomische_effekte_deutscher_kohleausstieg.pdf  
 

Angelika Nikionok-Ehrlich
Redakteurin
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Montag, 09.05.2016, 13:34 Uhr

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