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Bild: Fotolia.com, nmann77
STADTWERKE:
Kreativität statt Größe
Kleine Stadtwerke übernehmen Back-Office-Aufgaben für andere kommunale Unternehmen – ein Beispiel für dieses Geschäftsmodell im münsterländischen Rhede stellt LBD-Berater Dr. Christof Schorsch in der neuen Folge unserer E&M-Serie „Wege in die neue Welt“ vor.
 
Was kleinen Stadtwerken an Größe fehlt, müssen sie durch Schnelligkeit und Innovation wettmachen. Dabei können sie ihre Erfahrungen mit der „Neuen Welt“ weitergeben, wie die Stadtwerke Rhede zeigen.

Rhede ist eine Mittelstadt mit 20 000 Einwohnern im Landkreis Borken. Die Kommune wirbt mit dem Slogan „Das Lächeln im Münsterland“. Und ein Lächeln steht auch auf dem Gesicht von Ronald Heinze, wenn er die Erfolge der Stadtwerke Rhede GmbH (SWR) in den vergangenen Jahren beschreibt. Nach beruflichen Stationen bei den Stadtwerken Leipzig und der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit war der promovierte Ingenieur 2004 als Geschäftsführer des kommunalen Unternehmens ins Münsterland gekommen.

Seine Hauptaufgabe war zunächst, die Stadtwerke zu modernisieren: Im Vordergrund standen dabei betriebliche Prozesse, wie technisches Sicherheitsmanagement, sowie die hochinvestive Sanierung von Netzen und Anlagen. Daneben ging es sehr schnell um den Aufbau weiterer Geschäftsfelder – von der Übernahme der städtischen Straßenbeleuchtung bis zur Entwicklung neuer Produkte.
 
Geschäftsführer Ronald Heinze setzt auf Erneuerbare und Dienstleistungen
Bild: Stadtwerke Rhede

Allerdings stehe dabei, so Heinze, ein kleines Stadtwerk wie die SWR gleich mehrfach unter Druck. Mangels Masse sei die Kapitaldecke immer etwas dünn, gleichwohl müssten für den Netzausbau, der durch die Integration der Erneuerbaren erforderlich wird, hohe Investitionen gestemmt werden. Und der Gesellschafter Stadt erwarte dessen ungeachtet eine ordentliche Ausschüttung, möglichst von Jahr zu Jahr steigend. Diese engen Rahmenbedingungen seien für die Innovationsfähigkeit des Unternehmens aber durchaus förderlich.

„Wir sind gezwungen, Größe durch Schnelligkeit und Kreativität zu ersetzen“, konstatiert Heinze. „Eine andere Chance haben wir nicht, wenn wir uns gegen die großen Spieler im Markt behaupten wollen“. Die Unternehmenskultur verlange deshalb auch von den Mitarbeitern Schnelligkeit und Ideen, um anderen Versorgern in der Region möglichst immer eine Nasenlänge voraus zu sein. Veränderungen sollten als Chance und nicht primär als Bedrohung wahrgenommen werden, rät der Geschäftsführer.

Frühzeitig haben die SWR deshalb auch auf ein ökologisches Profil gesetzt: 2006 mit dem Bau einer kleinen (50 kW) Wasserkraftanlage in Rhede-Krechting, ab 2008 mit eigenen Windkraftanlagen in Thüringen sowie dem Einsatz von KWK- und Photovoltaik-Anlagen.

Weil das Münsterland sehr stark agrarisch geprägt ist, gibt es in der Region neben Photovoltaik auch viel Biogas. Folglich haben sich die SWR 2010 daran gemacht, Biogas so aufzubereiten, dass es ins Erdgasnetz eingespeist werden kann.

Sonnenwächter-Software bundesweit im Angebot

Schon 2011 erfolgte die Markteinführung des Sonnenwächters, einer Software zur Überwachung von PV-Anlagen und zum Einstieg in Smart-Home-Lösungen. Das Innovative daran sei, dass die Messung der PV-Daten direkt am Zähler erfolge mit Übermittlung und Verarbeitung der abrechnungsrelevanten Einspeisemengen der jeweiligen Anlage. Bisher gebe es kein vergleichbares System auf dem Markt. Den Sonnenwächter haben die Stadtwerke selbst entwickelt und suchen jetzt bundesweit nach Vertriebspartnern.

Einen großen Schritt für die Weiterentwicklung des Leistungsprofils bedeutete für die SWR das Angebot von Back-Office-Dienstleistungen für andere kommunale Versorger. Als erster Auftraggeber wurden die Stadtwerke Lage (bei Bielefeld) gewonnen. Das Unternehmen wollte seinen Kunden neben Gas und Wasser auch ein Stromprodukt anbieten und brauchte dafür Unterstützung.

Ein Jahr später kam nach einer Ausschreibung die Energieversorgung Bad Bentheim als Kunde hinzu. Dieses Unternehmen wurde gegründet, um vor Ort eine eigenständige Strom- und Gasversorgung aufzubauen. Aufgabe der SWR in Bad Bentheim und Lage war und ist, den Partnern als Back-Office-Dienstleister einen schlanken Start in ihr neues Versorgungsgeschäft zu ermöglichen und kostengünstig die wesentlichen Energiemarktprozesse abzudecken.

Die Arbeitsteilung ist klar: Die vertriebliche Ansprache der Kunden (Front-Office) und die Vertriebssteuerung verbleiben beim Auftraggeber. Die SWR decken als Dienstleister Back-Office-Prozesse ab: vor allem Energiebeschaffung, Portfolio-, Bilanzkreis- und Risikomanagement, Energiedatenmanagement, Lieferantenwechsel und Marktkommunikation, Abrechnung und Forderungsmanagement, Reporting, Unterstützung bei der Produkt- und Preisentwicklung sowie Kundenservice.

Für die Zukunft rechnet Geschäftsführer Heinze bei vielen Stadtwerken mit Rückgängen im Kerngeschäft. Als Ursachen dafür sieht er im Münsterland den intensiven Wettbewerb und die zunehmende Eigenversorgung im ländlichen Raum. Back-Office-Leistungen für andere Stadtwerke seien deshalb für die SWR ein interessantes Zusatzgeschäft. Zum einen als zuverlässige Einnahmequelle, zum anderen aber auch, weil sie sicherstellten, dass die vorhandene Mannschaft dauerhaft ausgelastet ist.

Transfer von Know-how als Geschäftsmodell

Als weitere Möglichkeit für Dienstleistungen sieht Heinze, kleine Stadtwerke auf ihrem Energiewendeweg zu unterstützen. Denn auch andernorts werde über den Aufbau einer eigenen erneuerbaren Energieerzeugung nachgedacht, und kleine lokale Versorger könnten partnerschaftlich vom Erfahrungsvorsprung ihrer Kollegen in Rhede profitieren.

Insgesamt erkennt der SWR-Geschäftsführer in der Region Münsterland ein großes Potenzial sowohl für Kooperationen mit weiteren Werken als auch für den Ausbau der dezentralen Eigenversorgung mit Photovoltaik, KWK und Windkraft. Die zunehmende Umsetzung der Energiewende werde das Leistungsprofil der Versorger verändern, ist er sich sicher. Weil kleinen Stadtwerken und Neugründungen in der Regel Know-how für komplexe, technikbasierte Prozesse der Neuen Welt fehle, könnten weitere neue Geschäftsmodelle für die SWR entstehen.

Der kommunale Versorger in Rhede will jedenfalls sein Profil als Dienstleister erweitern. Auch auf Gebiete, die bislang nicht Kerngeschäft von Versorgern sind, wie beispielsweise das Verlegen von Glasfasernetzen, wo die SWR sehr aktiv und seit 2015 obendrein Anbieter für Telekommunikation und Internetdienste sind.
Erklärtes Ziel ist zudem, die Kooperation mit Stadtwerken nicht nur regional auszubauen, sondern auch deutschlandweit Werke zu finden, die mit Back-Office-Leistungen unterstützt werden können. Die Herausforderung für die SWR dabei dürfte sein, den optimalen Zeitpunkt für personelles Wachstum zu finden, das unumgänglich wird, weil sich sonst die gewählte Umsetzungsgeschwindigkeit nicht durchhalten lässt.

Vor allem aber wollen die Stadtwerke Rhede weiter schnell und kreativ sein sowie auf neue Chancen im Markt – wie den Trend zur Eigenversorgung – setzen. Heinze sieht selbst diese Entwicklung in einem größeren Zusammenhang. Die zunehmende Eigenversorgung sei durchaus sinnvoll, weil so mehr erneuerbarer Strom erzeugt werden könne und weniger Kohle und Gas importiert werden müsse. Das mache die Volkswirtschaft robuster – auch im Münsterland.
 
* Dr. Christof Schorsch, Prokurist, LBD-Beratungsgesellschaft mbH, Berlin
 

Redaktion
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Dienstag, 31.03.2015, 10:02 Uhr

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