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WINDKRAFT OFFSHORE:
Hübler: "Es gibt eine gewisse Ausfallwahrscheinlichkeit"
Über die Konsequenzen der ersten, sehr überraschenden Auktionsrunde für die Offshore-Windenergie hierzulande sprach E&M mit Dominik Hübler von der Nera Economic Consulting GmbH.
 
 
E&M: Herr Hübler, wie bewerten Sie die Ergebnisse der ersten deutschen Ausschreibung für künftige Offshore-Windparks aus?

Hübler: Wie die gesamte Offshore-Windbranche waren auch wir beeindruckt, dass die Preise so weit, sprich bis auf Null, runtergegangen sind. Das ist schon ein starkes Signal an Politik und die Branche selbst.

E&M: Wie groß bewerten Sie die Chancen, dass mit null Cent bezuschlagten Nordsee-Projekt von EnBW und Dong Energy in den Jahren 2024 und 2025 wirklich gebaut werden?

Hübler: Beide Unternehmen geben sich seit dem Zuschlag sehr optimistisch, dass sie ihre erfolgreichen Projekte auch wirklich bauen. Dennoch sehe ich in dem deutschen Rechtsrahmen genügend Spielraum, dass es nicht zu der Errichtung dieser drei Projekte kommt. Bis zur Realisierung der drei Hochseewindparks ist es zeitlich noch sehr lange hin, das schafft Unsicherheit. Außerdem sind die vorgesehenen Strafen gemessen an den Investitionskosten verkraftbar, wenn EnBW oder Dong Energy von ihren Vorhaben zurücktreten und diese lediglich als Realoption betrachten. Das spricht meines Erachtens für eine gewisse Ausfallwahrscheinlichkeit.

E&M: Über welche Summe sprechen wir?

Hübler: Wenn es wirklich zum Worst Case kommen sollte, werden wohl in letzter Konsequenz Gerichte über die Summe zu entscheiden haben. Die Auslegung des Wind-auf-See-Gesetzes erscheint selbst Juristen nicht eindeutig zu sein. Frank Mastiaux, Vorstandschef von Energie Baden-Württemberg, hat in einem Interview von einer Pönale in Höhe von knapp 30 Mio. Euro gesprochen, das als Anhaltsgröße. Es wäre schön, wenn sich die Energiewelt in den nächsten Jahren so entwickelt, dass es erst gar nicht zu möglichen Ausfällen kommt.

"Die Schaffung einer Ersatzbank wie im Fußball macht Sinn"

E&M: Wie kann sich die Bundesregierung gegen solche Ausfälle absichern?

Hübler: Das Schlimmste was die Bundesregierung meines Erachtens machen könnte wäre nachträglich an den Rahmenbedingungen für die erfolgreichen Projekte herumzudoktern. Das wäre ein Eingriff in den Vertrauensschutz. Das heißt aber nicht, dass die verantwortliche Fachabteilung im Bundeswirtschaftsministerium die Hände in den Schoss legen und bis 2023 rumbibbern muss. Ich kann mir durchaus die Schaffung ähnlich wie im Fußball einer Art Ersatzbank vorstellen. D.h. die Bundesregierung wäre gut beraten, Mechanismen und Kriterien für einen solchen Worst Case zu erarbeiten, um zurück gegebene Gebote zügig neu zu verteilen. Vorstellbar ist für mich auch, dass die Pönale für die im kommenden Frühjahr anstehende zweite Ausschreibungsrunde Teil des Gebots wird: Bei mehreren Null-Cent-Geboten bekommt nur das Unternehmen den Zuschlag, das die höchste Pönale anbietet. Da sehe ich interessante Entwicklungsmöglichkeiten.

E&M: Besteht nicht auch Nachbesserungsbedarf bei einem weiteren Punkt: Das Wind-auf-See-Gesetz sieht vor, dass die nächste Ausschreibungsrunde den Höchstpreis für die künftigen Auktion nach 2021 festsetzt. Kommt es wieder zu erfolgreichen Null-Cent-Geboten ist doch das gesamte System hinfällig, oder?

Hübler: Das Problem ist in der Tat evident: Wie soll die Bundesnetzagentur einen Höchstpreis auf Basis eines Null-Cent-Gebotes festlegen? Kommt es zum Null-Gebot hat sich das heutige Ausschreibungssystems für Offshorewind erledigt.

E&M: Halten Sie diese Null für eines der Nordsee-Projekte für vorstellbar?

Hübler: Die Möglichkeit ist durchaus gegeben. So hat Dong Energy ein weiteres Projekt in den Clustern im Köcher, bei denen wir am Gründonnerstag die null Cent gesehen haben. Außerdem werden weitere Projekte mitbieten, die ihren Netzanschluss erst 2025 erhalten, sprich bei diesen Investoren dürfte es die gleichen Überlegungen wie beim EnBW-Projekt He Dreiht geben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Anzeichen, die den Schluss zulassen, dass das Wettbewerbsniveau über Übernahmen und Zusammenschlüsse abgeschwächt wird.

"EnBW und Dong Energy haben Maßstäne gesetzt"

E&M: Was heißt das konkret?

Hübler: Iberdrola hat beispielweise das Ostsee-Projekte Baltic Eagle von der Sea Wind Management Holding AG übernommen. Je weniger eigenständige Bieter es gibt, desto geringer fällt auch die Wahrscheinlichkeit für ein Null-Cent-Gebot aus. Die 2. Ausschreibungsrunde wird spannend, so oder so.

E&M: Noch mal zurück zur 1. Ausschreibungsrunde. Mit welcher Strompreisentwicklung haben EnBW und Dong Energy nach Ihrer Einschätzung für ihre Gebote kalkuliert?

Hübler: Unsere Modelle sehen für Mitte der 2020er Jahre in verschiedenen Szenarien Strompreise von mehr als 60 Euro je Megawattstunde vor, die wir auch von anderen Marktteilnehmern kennen. EnBW hat explizit erklärt, dass ihre Kalkulation auf konservativen Annahmen basiert. Klar ist nur, dass je höher der Strompreis demnächst, desto mehr rechnen sich die bezuschlagten Null-Cent-Offshore-Windparks.

E&M: Welche Auswirkungen haben die deutschen Null-Cent-Gebote für die Auktionen der Nordseeanrainer-Staaten und in Frankreich?

Hübler: Dass in den Niederlanden die nächste Ausschreibungsrunde verschoben worden ist, hat mit den unerwarteten Ergebnissen der deutschen Auktion zu tun. Die niederländische Regierung prüft anscheinend, wie die Projekte auf die Bieter aufzuteilen sind, wenn es mehrere Null-Cent-Gebote geben sollte. Einen solchen Fall hatten unsere Nachbarn bislang noch nicht ins Kalkül gezogen. EnBW und Dong Energy haben mit ihrer Realoptionsbetrachtung sicherlich Maßstäbe gesetzt, die bei künftigen Offshore-Auktionen im Ausland nicht ohne Folge bleiben dürften.

Zur Person
Dominik Hübler, Jg. 1985, nach Stationen bei der Nord LB, den Vereinten Nationen und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung arbeitet der in Oxford und Cambridge ausgebildete Volkswirt seit Herbst 2008 für die Unternehmensberatung Nera Economic Consulting und ist dort Koordinator für den Bereich „Erneuerbare Energien“. Zu den Kunden von Nera zählen unter anderem Energieversorger, Netzbetreiber und die öffentliche Hand. Hübler ist Co-Autor eines im Laufe des Jahres erscheinenden Kommentars zum Wind-auf-See-Gesetz und einer kürzlich erschienenen Studie zu den Ergebnissen der ersten deutschen Ausschreibungsrunde für die Offshore-Windenergie.
 
 

Ralf Köpke
© 2019 Energie & Management GmbH
Donnerstag, 01.06.2017, 11:02 Uhr

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