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Bild: Fotolia.com, WoGi
GAS:
HammGas will erstmals nach Flözgas bohren
Mit einem neuen Verfahren plant ein Konsortium, nach eigenen Worten "fracking-frei" nach unkonventionellem Gas im Münsterland zu bohren und später zu fördern.
 
Nordrhein-Westfalen steht ein heißer Herbst bevor: Mit der HammGas GmbH hat erstmals ein Unternehmen angekündigt, mit einem neuen Verfahren Kohleflözgas fördern zu wollen. Das Konsortium, an dem unter anderem zu 30 % die Stadtwerke Hamm beteiligt sind, hat sich bereits auf einen Standort für die erste Probebohrung festgelegt: die ehemalige Schachtanlage Radbod 7 im westfälischen Ascheberg-Herbern (Kreis Coesfeld).

„Mit dieser heutigen Industriebrache ist unsere Wahl auf eine bereits durch den Bergbau verbrauchte Fläche abseits von Naturschutz- und Wohngebieten gefallen“, sagte HammGas-Geschäftsführer Ralf Presse bei Vorstellung der Pläne am 22. Oktober. Nach den bisherigen geologischen Untersuchungen inklusiver einiger Erkundungsflüge sei dieser Standort der mit Abstand geeignetste. Der geplante Bohrplatz wird mit einer Fläche zwischen 4 000 und 5 000 m2 deutlich kleiner sein als ein Fußballfeld (über 7 000 m2).

Förderfähige Gasmengen zum derzeitigen Marktwert von 2 Mrd. Euro vermutet der Energiemanager im Untergrund des Erlaubnisfeldes Rudolf. „Mit diesen Gasmengen könnte die Gasversorgung der Stadt Hamm mehr als 20 Jahre lang gesichert werden.“ Den Antrag für die sogenannte Aufsuchungsbohrung will HammGas noch in diesem Jahr bei der zuständigen Bezirksregierung in Arnsberg stellen, um etwa Mitte nächsten Jahres mit den Bohrarbeiten zu beginnen. Etwa ein Jahr später ist eine zweite Probebohrung vorgesehen.

Seit Wochen sorgen die Pläne von HammGas für Unruhe im Münsterland. Deshalb ist es Presse mehrmals wichtig zu betonen, dass HammGas auf ein „fracking-freies“ Verfahren für seine Gasgewinnungspläne setzt. „Wir fracken nicht und werden das auch in Zukunft nicht tun", so Presse. Stattdessen soll mit dem vom Mitgesellschafter PVG GmbH – Resources Services & Management aus Gelsenkirchen weiterentwickelten Tektomechanik-Verfahren bekannte Lagerstätten präzise analysiert werden, um die Gasmengen in einem späteren Schritt mit herkömmlicher Bohrtechnik zu fördern. „Was wir vorhaben, ist bundesweit bislang einmalig“, sagt Presse, „wir setzen auf ein neues Verfahren und bohren vorhandene Kohleflöze an.“

Kein Fracking durch die Hintertür

Dass HammGas sich mit seinem Vorhaben auf einem emotional verminten Feld bewegt, ist dem Energiemanager bewusst. Deshalb verspricht er eine breiteste Öffentlichkeitsbeteiligung und eine freiwillige Umweltverträglichkeits-Vorprüfung. In der Tat ist Fracking in Nordrhein-Westfalen ein Politikum: Gemeinsam hatten das Wirtschafts- und Energie (SPD) sowie das Klimaschutz- und Umweltministerium (Grüne) einen Erlass veröffentlicht, der bis auf Weiteres Bohrungen nach Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten untersagte – ein Erlass, der nach wie vor gültig ist und beispielsweise auch Tiefengeothermie-Bohrungen zwischen Rhein und Weser unterbindet. Deshalb wollte jüngst der Landtagsabgeordnete Robert Stein, der nach seinem Austritt aus der Priraten-Fraktion als fraktionsloser Abgeordneter agiert, mit einer Kleinen Anfrage von der Landesregierung wissen, ob die Kohleflöz-Aktivitäten von HammGas den Einstieg ins Fracking „durch die Hintertür“ bedeuten.
In seiner Antwort verweist das Wirtschaftsministerium auf einen Passus im rot-grünen Koalitionsvertrag, in dem es heißt „Unkonventionelles Erdgas mit giftigen Chemikalien zu suchen und zu gewinnen, halten wir für nicht verantwortbar“. Dass heiße im Umkehrschluss, dass „alternative Methoden der unkonventionellen Gasförderung nicht explizit ausgeschlossen sind“. Von solch einer Auslegung könnte, wie es aussieht, die HammGas GmbH profitieren.

Dass deren Aktivitäten in nächster Zeit mit Argusaugen verfolgt werden, kündigte Theo Damberg an: „Was bislang an Öffentlichkeitsbeteiligung gelaufen ist, reicht absolut nicht aus.“ Der Ökobauer ist nicht nur Mitbegründer der Bürgerinitiative gegen Gasbohren Hamm, sondern seit kurzem auch Ratsherr in der Lippe-Stadt. Bei der jüngsten NRW-Kommunalwahl im Mai schaffte die von Dammbeck ebenfalls mitgegründete Wählergruppe den Einzug ins Stadtparlament. Auch Bärbel Kuhlmann von der Bürgerinitiative gegen Gasbohren aus dem benachbarten Dreinsteinfurt beurteilt die HammGas-Aktivitäten skeptisch: „Es besteht eigentlich keine Notwendigkeit, dieses unkonventionelle Gas zu fördern – angesichts der Gefahren bei der Gewinnung, über deren Bandbreite wir noch nicht alles wissen.“

Dass es durchaus einen Bedarf für das einheimische Gas im Münsterland, betont dagegen Cornelia Helm, die Pressesprecherin der Stadtwerke Hamm: „Wir können so unsere Importabhängigkeit beispielsweise von russischem Gas ein Stück mildern. Außerdem wäre mit der Gasförderung eine lokale Wertschöpfung verbunden, von der wir als Gasversorger profitieren würden.“ Wie HammGas-Geschäftsführer Presse schloss sie ein Fracking bei den anstehenden Bohrungen kategorisch aus: „Als rein kommunales Unternehmen können wir uns das gar nicht leisten, so sensibel wie das Thema seit einigen Jahren bei uns in der Öffentlichkeit diskutiert wird.“

Helm weiß aber nur zu genau, dass im Münsterland das Thema unkonventionelles Gasbohren zurück auf der politischen Agenda ist. Die ersten Protestaktionen sind bereits geplant.
 
Die Gesellschafter der HammGas GmbH & Co KG
PVG GmbH – Resources Services & Management – 56,5 %
Stadtwerke Hamm GmbH – 30,0 %
Tief- und Brunnenbaubetrieb Messmaker – 9,0 %
GeoK GmbH GmbH, Kamen – 4,5 %
 
Als Konsortialpartner ist im vergangenen Jahr die GDF Suez E&P Deutschland GmbH mit Sitz in Lingen eingestiegen, die wohl das geförderte Gas vermarkten soll.
 

Ralf Köpke
© 2018 Energie & Management GmbH
Mittwoch, 22.10.2014, 17:10 Uhr

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